Reinhold Messner: Biographie und alle 14 Achttausender
Reinhold Messner gilt als der bedeutendste Bergsteiger des 20. Jahrhunderts. Der Südtiroler, geboren am 17. September 1944 in Brixen, hat die Geschichte des Alpinismus wie kaum ein anderer geprägt. Er war der erste Mensch, der alle 14 Achttausender der Erde bestieg - und das ausnahmslos ohne künstlichen Sauerstoff. Daneben absolvierte er rund 100 Erstbegehungen, durchquerte die Antarktis, das Himalaya-Gebiet und die Wüste Gobi zu Fuß und schrieb über 50 Bücher. Sein Leben ist eine Geschichte aus Extremen: zwischen triumphalen Gipfelerfolgen und persönlichen Tragödien, die ihn immer wieder an seine Grenzen brachten.
Jugend und erste Gipfel: Aufwachsen in Südtirol
Reinhold Messner wuchs im Villnösstal in Südtirol auf, in einer Region, die von den Dolomiten geprägt wird. Sein Vater Josef Messner war ein begeisterter Bergsteiger und nahm seine Kinder früh mit in die Berge. Mit neun Jahren stand Reinhold zum ersten Mal auf einem Dreitausender. Die Bergwelt des Villnösstals wurde sein Kindheitsspielplatz und legte den Grundstein für eine lebenslange Leidenschaft.
Nach dem Abitur begann Messner ein Studium des Bauingenieurwesens in Padua, das er jedoch nicht abschloss. Stattdessen arbeitete er kurzzeitig als Mittelschullehrer und widmete seine Freizeit vollständig dem Klettern. In den 1960er Jahren machte er durch technisch anspruchsvolle Erstbegehungen in den Dolomiten auf sich aufmerksam. Routen, die andere Kletterer für unbesteigbar hielten, meisterte er im Alleingang oder mit kleinen Seilschaften.
Seine Philosophie unterschied sich grundlegend von der damals gängigen Expeditionsmentalität, bei der große Teams mit umfangreicher Ausrüstung, fixierten Seilen und Zwischenlagern langsam auf Gipfel vorrücken. Messner bevorzugte den sogenannten Alpinstil: kleine Gruppen, leichtes Gepäck, kein Zusatzsauerstoff, keine vorbereiteten Routen. Diese Herangehensweise brachte ihn zunächst in Konflikt mit der Bergsteigergemeinde, sollte sich aber langfristig als revolutionär für den modernen Alpinismus erweisen.
In den Dolomiten erarbeitete er sich den Ruf eines technischen Ausnahmekönnens. Routen wie die Nordostwand des Sass dla Crusc oder schwierige Touren in der Civetta-Gruppe, die er oft in einer Geschwindigkeit und Sicherheit meisterte, die andere Bergsteiger verblüffte, machten seinen Namen bekannt. Sein Bruder Günther war dabei häufig sein Seilpartner. Bereits zu dieser Zeit formulierte Messner seine alpine Philosophie: Der Berg soll den Bedingungen des Menschen begegnen, nicht der Mensch den künstlichen Bedingungen der Expedition.
Nanga Parbat 1970: Triumph und Tragödie
Der erste große Achttausender in Messners Leben war der Nanga Parbat (8.126 m) in Pakistan, bekannt als "Killer Mountain" wegen seiner hohen Todesrate unter Bergsteigern. Im Jahr 1970 brach Reinhold gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Günther und einer österreichisch-deutschen Expedition auf. Das ursprüngliche Ziel war die Rupalseite, die längste Steilwand der Welt mit rund 4.500 Metern senkrechter Erhebung.
Am 27. Juni 1970 erreichten die Brüder Messner den Gipfel - ein historischer Moment. Doch auf dem Abstieg gerieten sie in eine lebensbedrohliche Situation. Günther war erschöpft und geschwächt. Eine Rückkehr über die Rupalseite erschien unmöglich. Die Brüder stiegen stattdessen über die Diamirseite ab, eine damals unerforschte Route - die erste vollständige Traverse des Nanga Parbat. Günther Messner überlebte den Abstieg nicht: Er kam bei einem Lawinenabgang ums Leben.
Reinhold Messner rettete sich schwer erfroren ins Tal. Er verlor alle Zehen und zwei Finger an der linken Hand. Die Tragödie warf einen Schatten auf den Rest seines Lebens. Jahrzehntelang wurde er mit Schuld- und Vorwürfen konfrontiert, er habe seinen Bruder wissentlich in den Tod geführt. 2005 wurden menschliche Überreste am Diamirgletscher gefunden, die als Günthers Gebeine identifiziert wurden - ein Fund, der Reinhold Messner nach eigenem Bekunden von einer jahrzehntelangen Last befreite.
Der Weg zu allen 14 Achttausendern
Nach dem Nanga Parbat setzte Messner seinen Weg fort, auch wenn er nur noch acht Zehen hatte. Er entwickelte ein System, das heutzutage als Standard im Hochgebirgsalpinismus gilt: kein Zusatzsauerstoff, keine großen Expeditionsteams, möglichst wenige Lager und fixierte Seile. Das Ziel war stets, den Berg "fair" zu bezwingen - also unter menschlichen Bedingungen, ohne künstliche Hilfsmittel.
Einen ersten Meilenstein setzte er 1975 gemeinsam mit dem Österreicher Peter Habeler am Hidden Peak (Gasherbrum I, 8.068 m) in Pakistan. Erstmals in der Geschichte des Hochgebirgsalpinismus bestieg eine Zweierseilschaft einen Achttausender im reinen Alpinstil, ohne Lager und ohne Zusatzsauerstoff. Die Bergsteigerwelt war beeindruckt - und skeptisch.
Drei Jahre später folgte das nächste Großprojekt: Am 8. Mai 1978 standen Messner und Habeler auf dem Gipfel des Mount Everest (8.849 m) - ohne Sauerstoffflaschen. Es war der Beweis, dass Menschen die höchste Stelle der Erde auch ohne künstliche Atemhilfe erreichen können, entgegen der bis dahin verbreiteten Annahme, das Gehirn würde über 8.000 Metern dauerhaften Schaden nehmen. Messner wiederholte diesen Erfolg 1980 sogar solo und über eine neue Route - ein Alleingang im Monsun, der bis heute als eine der kühnsten alpinistischen Leistungen überhaupt gilt.
Die vollständige Liste: Alle 14 Achttausender Messners
Zwischen 1970 und 1986 bestieg Reinhold Messner alle 14 Berge über 8.000 Meter. Hier die vollständige Liste in chronologischer Reihenfolge:
- Nanga Parbat (8.126 m) - 1970, mit Günther Messner, Rupal-Diamir-Traverse
- Manaslu (8.163 m) - 1972, Nepal
- Hidden Peak / Gasherbrum I (8.068 m) - 1975, mit Peter Habeler, erster Alpinstil-Achttausender
- Mount Everest (8.849 m) - 1978, mit Peter Habeler, ohne Zusatzsauerstoff
- K2 (8.611 m) - 1979, mit Michael Dacher
- Kangchendzönga (8.586 m) - 1982, mit Friedl Mutschlechner
- Gasherbrum II (8.034 m) - 1982, mit Hans Kammerlander und Michl Dacher
- Broad Peak (8.051 m) - 1982, solo
- Cho Oyu (8.188 m) - 1983, mit Hans Kammerlander und Michl Dacher
- Dhaulagiri (8.167 m) - 1985, mit Hans Kammerlander
- Annapurna I (8.091 m) - 1985, mit Hans Kammerlander
- Makalu (8.485 m) - 1986, mit Hans Kammerlander
- Lhotse (8.516 m) - 16. Oktober 1986, mit Hans Kammerlander
- Shishapangma (8.027 m) - 1981 und Wiederbesteigung 1983, mit Friedl Mutschlechner
Am 16. Oktober 1986 erreichte Messner mit dem Lhotse als letztem Gipfel das Ziel, alle 14 Achttausender bestiegen zu haben - als erster Mensch der Geschichte, ohne einen einzigen Liter künstlichen Sauerstoffs. Sechzehn Jahre lagen zwischen dem ersten und dem letzten Gipfel dieses einzigartigen Projekts.
Leben jenseits der Berge: Abenteuer, Politik und Museen
Reinhold Messner wäre eine bemerkenswerte Persönlichkeit, auch wenn er "nur" alle 14 Achttausender bestiegen hätte. Sein Lebenswerk geht jedoch weit darüber hinaus. In den 1980er und 1990er Jahren unternahm er mehrere Expeditionen in Wüsten und Polarregionen: 1989/90 durchquerte er gemeinsam mit Arved Fuchs die Antarktis auf Skiern ohne mechanische Hilfsmittel - als zweite Gruppe überhaupt nach Vivian Fuchs und Edmund Hillary, aber erstmals komplett selbstständig. Danach folgten Durchquerungen Tibets, Grönlands und der Gobi-Wüste zu Fuß.
In den 1990er Jahren engagierte er sich politisch: Von 1999 bis 2004 war Messner Mitglied des Europaparlaments für die Grünen / Europäische Freie Allianz. Er setzte sich für Umweltschutz und die Rechte von Bergvölkern ein. Seine politische Tätigkeit war umstritten - Kritiker warfen ihm vor, die Berge zugunsten der Politik vernachlässigt zu haben, während er selbst den politischen Einsatz als konsequente Fortsetzung seiner Überzeugungen betrachtete.
Bekannt ist auch Messners Begegnung mit einem mysteriösen Wesen in Tibet in den 1980er Jahren, das er zunächst für einen Yeti hielt und dem er später ein Buch widmete. Nach jahrelanger Recherche kam er zu dem Schluss, dass es sich wahrscheinlich um einen Tibetischen Braunbären gehandelt hatte - eine Schlussfolgerung, die er mit wissenschaftlicher Sorgfalt und ohne Rücksicht auf die romantische Legende des Yetis zog.
In den 1980er Jahren wurden Messners Beziehungen und sein Privatleben zunehmend öffentlich diskutiert. Seine erste Ehe mit Uschi Demeter endete in der Scheidung. Später lebte er mit der Österreicherin Sabine Stehle zusammen und hat mehrere Kinder aus verschiedenen Beziehungen. Sein Verhältnis zu seinen Kindern und seiner Familie hat er in Interviews offen thematisiert - mit der für ihn typischen Direktheit und ohne Schönfärberei. In jüngster Zeit wurde über einen Erbstreit mit seinen Kindern berichtet, der zeigt, dass auch im Leben von Ausnahmeathleten persönliche Konflikte nicht ausbleiben.
Trotz dieser privaten Turbulenzen blieb Messner stets der Überzeugung treu, dass authentisches Leben bedeutet, Risiken einzugehen und eigene Grenzen zu testen. Diese Haltung - auf dem Berg wie im Leben - macht ihn zu einer Figur, die weit über die Bergsteigergemeinde hinaus fasziniert und polarisiert.
Das Messner Mountain Museum: Erbe und Vermächtnis
Eines der bedeutendsten Projekte der späten Karriere Messners ist das Messner Mountain Museum (MMM), ein Netzwerk aus sechs Museen, die sich mit dem Thema Berg auseinandersetzen. Verteilt über Südtirol und den Dolomiten, widmen sich die einzelnen Standorte verschiedenen Aspekten: Bergkulturen und -religionen, die Geschichte des Alpinismus, Fels und Eis, oder die Beziehung zwischen Mensch und Berg.
Das Herzstück ist Schloss Sigmundskron bei Bozen, das "Firmian" genannte Museum, das sich mit dem Thema Berg und Mensch auseinandersetzt. Ein weiteres Haus, Juval, ist Messners Privatwohnsitz und zugleich ein Museum über Mythen und Religionen der Bergvölker. Das MMM ist eines der meistbesuchten Museumsnetzwerke Südtirols und zieht jährlich Hunderttausende Besucher an.
Mit seinen mehr als 50 Büchern, darunter Bestseller wie "Überlebt" und "Grenzbereich Todeszone", hat Messner nicht nur sein eigenes Leben dokumentiert, sondern die Literatur über Bergsteigen und Abenteuer entscheidend mitgeprägt. Auch als Referent und Vortragender ist er weltweit gefragt. Sein Lebenswerk - vom Bergsteigen über die Politik bis zur Museumsarbeit - macht ihn zu einer der schillerndsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Wann und wo wurde Reinhold Messner geboren?
Reinhold Messner wurde am 17. September 1944 in Brixen (Bressanone) in Südtirol, Italien, geboren. Er wuchs im Villnösstal auf, einer von den Dolomiten geprägten Bergregion, die seine Leidenschaft für das Klettern von Kindheit an prägte.
War Reinhold Messner wirklich der erste, der alle 14 Achttausender bestieg?
Ja, Reinhold Messner war der erste Mensch, der alle 14 Berge über 8.000 Meter bestieg. Am 16. Oktober 1986 erreichte er mit dem Lhotse als letztem Gipfel dieses historische Ziel. Besonders bemerkenswert: Er bestieg alle 14 Berge ohne künstlichen Sauerstoff, was bis heute von nur etwa 40 bis 50 Menschen weltweit wiederholt wurde.
Hat Messner alle Achttausender wirklich ohne Sauerstoff bestiegen?
Ja, alle 14 Besteigungen Messners erfolgten ohne künstlichen Zusatzsauerstoff aus Flaschen. Sein Durchbruch war 1978 die Besteigung des Mount Everest gemeinsam mit Peter Habeler ohne Sauerstoff - damals hielten viele Mediziner das für unmöglich. 1980 wiederholte er den Everest-Gipfel sogar solo und über eine neue Route.
Was passierte mit Messners Bruder Günther am Nanga Parbat?
Günther Messner begleitete seinen älteren Bruder 1970 auf die erste Besteigung des Nanga Parbat über die Rupalwand. Nach dem Gipfelerfolg gelang der geplante Abstieg wegen Günthers Erschöpfung nicht. Die Brüder stiegen über die Diamirseite ab und führten damit die erste Traverse des Berges durch. Günther überlebte nicht - er kam bei einem Lawinenabgang um. Seine Überreste wurden erst 2005 am Diamirgletscher gefunden.
Was ist das Messner Mountain Museum?
Das Messner Mountain Museum (MMM) ist ein Netzwerk aus sechs Museen in Südtirol und den Dolomiten, das Reinhold Messner gegründet hat. Die Häuser widmen sich verschiedenen Themen rund um den Berg: Kulturen, Religionen, Alpinismusgeschichte, Eis und Fels. Das bekannteste ist Schloss Sigmundskron bei Bozen. Das MMM gehört zu den meistbesuchten Museumsnetzwerken der Region.
Welches war der schwierigste Achttausender für Messner?
Reinhold Messner hat in Interviews mehrfach den K2 (8.611 m) als den technisch schwierigsten und gefährlichsten Achttausender bezeichnet. Der "Savage Mountain" gilt wegen seiner steilen Flanken, unberechenbaren Wetterlagen und schwieriger Abstiege als der anspruchsvollste Berg der Welt. Messner bestieg ihn 1979 gemeinsam mit Michael Dacher über den Abruzzenrücken.