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Antisemitismus: Bedeutung und Herkunft des Begriffs

Veröffentlicht 10. November 2024 Aktualisiert 15. Juni 2026

Was bedeutet antisemitisch und woher stammt der Begriff?

Als antisemitisch bezeichnet man Einstellungen, Handlungen oder Äußerungen, die sich feindselig gegen Jüdinnen und Juden als solche richten – sei es in Form von Vorurteilen, Diskriminierung, Hetze oder Gewalt. Der Begriff hat eine präzise historische Herkunft: Er wurde Ende des 19. Jahrhunderts gezielt geprägt, um einen angeblich „modernen" und „wissenschaftlichen" Judenhass von älteren religiösen Formen der Judenfeindschaft abzugrenzen. Was damals als Euphemismus für Rassenhass in Umlauf kam, ist heute eine der zentralen Kategorien im Kampf gegen Menschenfeindlichkeit.

Herkunft des Begriffs: Wilhelm Marr und das Jahr 1879

Das Wort Antisemitismus wurde um 1879 im Umkreis des deutschen Publizisten Wilhelm Marr (1819–1904) geprägt. Marr veröffentlichte in jenem Jahr die Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht-confessionellen Standpunkt aus betrachtet", die noch im selben Jahr zwölf Auflagen erlebte. Kurz darauf gründete er die sogenannte Antisemitenliga, mit der der Begriff endgültig in das politische Vokabular einging.

Etymologisch setzt sich das Wort zusammen aus dem griechischen Präfix anti- (gegen) und Semitismus, einer Ableitung von Semit. Der Begriff „Semiten" stammt ursprünglich aus der Sprachwissenschaft des frühen 19. Jahrhunderts und bezeichnete Sprecher sogenannter semitischer Sprachen – darunter Arabisch, Hebräisch und Aramäisch. Die damaligen Rassisten übernahmen diesen rein linguistischen Begriff und nutzten ihn, um eine angebliche Rassengruppe zu konstruieren. Diese Gleichsetzung war pseudowissenschaftlich: Es gibt keine biologisch definierte „semitische Rasse". Der Begriff Antisemitismus meint daher in der Praxis ausschließlich Judenfeindschaft – nicht etwa Feindschaft gegenüber Arabern oder anderen Völkern, die semitische Sprachen sprechen.

Entscheidend ist, dass Marr und seine Anhänger den neuen Begriff bewusst gegen den älteren religiösen Antijudaismus abgrenzen wollten. Antisemitismus sollte nicht auf Basis der Religion, sondern auf angeblich biologisch-rassischen Merkmalen begründet werden – eine Verschiebung, die im 20. Jahrhundert zum Genozid führte.

Was bedeutet „antisemitisch"? Die moderne Definition

Die heute international am häufigsten verwendete Definition ist die Arbeitsdefinition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance), die auch der Deutsche Bundestag als maßgeblich anerkennt:

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen."

Die IHRA hat ergänzend elf Beispielhandlungen formuliert, darunter: das Verbreiten von Verschwörungsmythen über jüdische Weltherrschaft, das Gleichsetzen israelischer Politik mit nationalsozialistischer Verfolgung, oder das kollektive Verantwortlichmachen aller Jüdinnen und Juden für Handlungen des Staates Israel. Ob eine konkrete Aussage antisemitisch ist, muss stets im Gesamtkontext beurteilt werden. Sachliche, verhältnismäßige Kritik an Israel gilt nach dieser Definition ausdrücklich nicht als Antisemitismus.

Neben der IHRA-Definition existiert die sogenannte Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA) von 2021, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem Bereich der Holocaust- und Antisemitismusforschung vorgelegt wurde und den israelbezogenen Antisemitismus etwas enger fasst.

Erscheinungsformen des Antisemitismus

Forschung und Praxis unterscheiden mehrere Formen, die historisch nacheinander auftraten, heute aber oft nebeneinander existieren:

  • Religiöser Antijudaismus: Die älteste Form, wurzelnd in der christlichen Theologie des Mittelalters. Jüdinnen und Juden wurden beschuldigt, Christus getötet zu haben, und systematisch diskriminiert. Diese Form ist Vorläufer, aber nicht identisch mit dem modernen Antisemitismus.
  • Rassistischer Antisemitismus: Entstand im 19. Jahrhundert und kulminierte im Nationalsozialismus. Juden wurden als biologisch minderwertige „Rasse" konstruiert. Dieser Antisemitismus führte zur Shoah, dem planmäßigen Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden.
  • Sekundärer Antisemitismus: Eine in Deutschland besonders verbreitete Nachkriegsform. Sie äußert sich nicht als offene Judenfeindschaft, sondern als Abwehr von Erinnerung und Schuld – etwa durch Täter-Opfer-Umkehr, Relativierung der Shoah oder den Vorwurf, Jüdinnen und Juden würden das Holocaust-Gedenken instrumentalisieren.
  • Israelbezogener Antisemitismus: Projiziert antisemitische Stereotype auf den Staat Israel, der als kollektiver Stellvertreter „des Juden" behandelt wird. Diese Form ist besonders schwer erkennbar, da sie als politische Kritik getarnt auftritt und in allen gesellschaftlichen Milieus vorkommt.
  • Verschwörungsideologischer Antisemitismus: Knüpft an jahrhundertealte Mythen über angebliche jüdische Weltherrschaft an. In digitalen Netzwerken erlebt diese Form eine Renaissance, oft codiert oder mit anderen Feindbildern verwoben.

Antisemitismus in Deutschland heute

In Deutschland bewegt sich die Zahl antisemitischer Straftaten seit Jahren auf hohem Niveau. Laut Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage wurden dem Bundeskriminalamt für das erste Quartal 2026 insgesamt 199 antisemitische Straftaten gemeldet, darunter acht Gewalttaten. Experten gehen von einer erheblichen Dunkelziffer aus, da viele Vorfälle nicht zur Anzeige gebracht werden.

Der Deutsche Bundestag beschloss, keine Organisationen öffentlich zu fördern, die Antisemitismus verbreiten, das Existenzrecht Israels infrage stellen oder die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions) aktiv unterstützen. Als rechtliche Grundlage für Behörden, Förderentscheidungen und Bildungsarbeit gilt die IHRA-Arbeitsdefinition.

Antisemitismus ist in Deutschland gemäß § 130 StGB (Volksverhetzung) strafbar, wenn er den öffentlichen Frieden stört, zur Menschenwürdeverletzung aufstachelt oder den Holocaust leugnet oder verharmlost. Darüber hinaus können antisemitische Beleidigungen, Bedrohungen oder Sachbeschädigungen strafrechtlich verfolgt werden.

Häufig gestellte Fragen

Woher stammt das Wort „Antisemitismus"?

Das Wort wurde um 1879 vom deutschen Publizisten Wilhelm Marr geprägt. Es setzt sich zusammen aus dem griechischen Präfix „anti-" (gegen) und „Semitismus", das sich von „Semit" ableitet – einem ursprünglich sprachwissenschaftlichen Begriff für Sprecher semitischer Sprachen. Marr nutzte ihn, um eine angeblich rassisch begründete Judenfeindschaft von religiösem Antijudaismus zu unterscheiden.

Was genau bedeutet „antisemitisch"?

Als antisemitisch gilt jede Haltung, Aussage oder Handlung, die sich feindselig gegen Jüdinnen und Juden als solche richtet – etwa durch Stereotypen, Verschwörungsmythen, Diskriminierung, Gewalt oder die Dämonisierung des Staates Israel als Stellvertreter für Juden. Ob eine Äußerung antisemitisch ist, hängt stets vom Kontext ab.

Ist Antisemitismus in Deutschland strafbar?

Ja. Antisemitische Volksverhetzung ist nach § 130 StGB strafbar, ebenso die Leugnung oder Verharmlosung des Holocaust. Beleidigungen, Bedrohungen und Sachbeschädigungen mit antisemitischem Hintergrund werden strafrechtlich verfolgt. Antisemitische Straftaten werden in Deutschland als politisch motivierte Kriminalität (PMK) erfasst.

Was ist der Unterschied zwischen Antijudaismus und Antisemitismus?

Antijudaismus bezeichnet die religiös begründete Judenfeindschaft des christlichen Mittelalters. Antisemitismus entstand im 19. Jahrhundert als säkulare, rassistische Nachfolgeform: Juden wurden nicht mehr wegen ihrer Religion, sondern wegen angeblich biologischer Eigenschaften verfolgt. In der Praxis überschneiden sich beide Begriffe jedoch häufig.

Bedeutet „antisemitisch" auch Feindschaft gegenüber Arabern?

Nein. Obwohl das Arabische eine semitische Sprache ist, meint der Begriff „Antisemitismus" ausschließlich Judenfeindschaft. Die Bezeichnung beruht auf einem pseudowissenschaftlichen Rassenbegriff des 19. Jahrhunderts und wurde nie auf andere Gruppen angewendet. Arabische oder andere semitischsprachige Völker sind mit dem Begriff nicht gemeint.

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