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Táin Bó Cúailnge – Die Geschichte des Rinderraubs von Cooley

Veröffentlicht 16. Juni 2025 Aktualisiert 10. Juni 2026

Was erzählt die Geschichte der Táin Bó Cúailnge?

Die Táin Bó Cúailnge (altirisch für „Rinderraub von Cooley", oft schlicht Táin genannt) ist das bedeutendste Epos der altirischen Literatur und gilt als das zentrale Werk des sogenannten Ulster-Zyklus. Die Geschichte erzählt von einem Krieg zwischen den irischen Provinzen Connacht und Ulster, ausgelöst durch den Wunsch der connachtischen Königin Medb, sich den mächtigen Braunen Bullen von Cooley zu verschaffen. Im Kern handelt es sich um ein archaisches Heldenepos, das in seiner dramatischen Tiefe und mythologischen Vielschichtigkeit mit Homers Ilias verglichen worden ist.

Was erzählt die Geschichte der Táin Bó Cúailnge?

Der Ulster-Zyklus und die Einordnung der Táin

Die irische Mythologie gliedert sich in vier große Erzählkreise. Der Ulster-Zyklus, dem die Táin angehört, spielt in der vorchristlichen Eisenzeit und dreht sich um die Krieger des sogenannten Roten Zweigs, die Gefolgsleute von König Conchobar mac Nessa in der Provinz Ulster. Neben der Táin selbst umfasst der Zyklus zahlreiche kürzere Erzählungen, die sogenannten Remscéla (Vorerzählungen), welche die Vorgeschichten der Hauptfiguren beleuchten und den Hintergrund des großen Krieges aufbauen. Die Táin gilt innerhalb dieses Erzählkosmos als das alles überragende Werk – die anderen Texte ordnen sich ihr zu, erklären sie und vertiefen sie.

Der Auslöser: Das Bettgespräch der Königin

Die Geschichte beginnt mit einer alltäglich wirkenden, doch folgenreichen Szene: Königin Medb und ihr Gemahl Ailill liegen in ihrem Ehebett und streiten darüber, wer von beiden mehr Reichtümer besitzt. Man vergleicht Vieh, Schmuck und Gefolgschaft – und stellt fest, dass beide nahezu ebenbürtig sind, bis auf einen entscheidenden Punkt: Ailill besitzt den prachtvollen weißgehörnten Stier Findbennach, der einst zu Medbs Herde gehörte, sie jedoch verließ, weil er es für unwürdig hielt, einer Frau zu gehören.

Um nicht weniger zu besitzen als ihr Mann, erfährt Medb, dass ein ebenso mächtiger Stier existiert: der Donn Cuailgne, der Braune Bulle von Cooley, der dem Ulstermann Dáire mac Fiachna gehört. Medb schickt ihren Boten Mac Roth, um den Stier für ein Jahr auszuleihen – zunächst mit Aussicht auf Erfolg. Doch ein unbedachter Trinkspruch eines connachtischen Kriegers, der prahlt, man würde den Stier notfalls mit Gewalt nehmen, bricht die Verhandlung ab. Medb entscheidet sich zum Krieg.

Der Fluch der Ulstermen und die Einsamkeit des Helden

Medbs Feldzug scheint von Anfang an begünstigt: Die Männer Ulsters liegen zu jener Zeit unter einem alten Fluch, der Schwäche der Ulstermen (ces noínden). Laut der Überlieferung hatte die Göttin Macha, die gezwungen wurde, schwanger ein Wettrennen zu laufen, im Sterben verflucht, dass alle Männer Ulsters in Zeiten höchster Not für mehrere Tage von lähmender Schwäche befallen werden. Dieser Fluch trifft die ulsterischen Krieger genau im Moment des connachtischen Einfalls.

Nur einer ist vom Fluch ausgenommen: Cú Chulainn, der jugendliche Halbgott und berühmteste Held des Ulster-Zyklus. Er ist der Sohn des Gottes Lug Lámfhota (Lug vom langen Arm) und der Dechtire, Schwester von König Conchobar. Als Kind hieß er noch Sétanta; zu seinem Namen Cú Chulainn – „Hund des Culann" – kam er, als er als Knabe den Wachhund des Schmieds Culann tötete und sich anbot, dessen Platz zu übernehmen. Cú Chulainn allein verteidigt nun Ulster gegen das gesamte Heer von Connacht.

Der einsame Kampf an den Furten

Die dramatische Mitte des Epos besteht aus einer langen Folge von Einzelkämpfen. Da es gegen das Kriegsrecht verstößt, einen einzelnen Verteidiger mit einem ganzen Heer zu überrennen, einigt man sich darauf, dass Medb täglich einen ihrer besten Krieger zum Zweikampf an die Furt schickt. Cú Chulainn besiegt einen nach dem anderen. Zwischendurch erholt er sich nur mühsam von seinen Wunden – der Gott Lug erscheint ihm in Gestalt eines älteren Mannes und heilt ihn mit magischem Schlaf.

Inmitten dieser Kämpfe sendet Medb Spione und Gesandte, versucht Cú Chulainn zu beschwichtigen, zu ködern und zu ermüden. Die Göttin Morrigan, eine Schicksalsgottheit in Gestalt einer Krähe, greift ebenfalls ein – zunächst gegen Cú Chulainn, nachdem er ihre Liebe zurückgewiesen hat, später auf ambivalente Weise für ihn.

Der Kampf gegen Fer Diad: Die tragische Klimax

Den emotionalen Höhepunkt des Epos bildet der dreitägige Zweikampf zwischen Cú Chulainn und Fer Diad, seinem Ziehbruder und engsten Freund. Beide waren gemeinsam bei der Kriegerin Scáthach ausgebildet worden und hatten als Brüder gelebt. Medb gelingt es durch Schmeichelei, Druck und das Versprechen ihrer Tochter Findabair, Fer Diad in den Kampf zu zwingen.

Die Schlachtbeschreibung dieser drei Tage gehört zu den eindringlichsten der irischen Literatur. Tagsüber bekämpfen sich die beiden erbittert mit gleich starken Waffen; abends versorgen sie gegenseitig ihre Wunden, tauschen Speisen und Kräuter aus. Am dritten Tag greift Cú Chulainn schließlich zur Gae Bolga, seiner magischen Wunderwaffe – einem Speer, der sich einmal im Körper in dreißig Widerhaken entfaltet. Er tötet Fer Diad und beweint ihn unmittelbar danach in einem bewegenden Klagelied.

Das Erwachen Ulsters und das Ende des Krieges

Nach und nach erwachen die ulsterischen Krieger aus ihrer Schwäche – zunächst einzeln, dann alle gemeinsam. König Conchobar führt sein Heer zum entscheidenden Treffen. In diesem letzten großen Gefecht spielt auch Fergus mac Róich eine besondere Rolle: Er hatte einst Ulster verlassen und war zu Medb übergelaufen, steht also nun auf connachtischer Seite. Als Conchobar ihm gegenübertritt, bricht Fergus, gebunden durch einen alten Schwur, seinen Angriff ab und zieht sich mit seinen Männern vom Schlachtfeld zurück. Auch andere Verbündete Connachts fliehen. Medb ist zur Aufgabe gezwungen.

Dennoch gelingt es Medb, den Donn Cuailgne nach Connacht zu treiben – das eigentliche Kriegsziel ist also erreicht. Doch das Schicksal des Stieres besiegelt das Ende des ganzen Konflikts auf mythologische Weise.

Das Schicksal der Stiere: Ein kosmischer Epilog

Der Donn Cuailgne und Findbennach treffen in Connacht aufeinander und kämpfen einen epischen letzten Kampf. Der Donn Cuailgne tötet Findbennach, trägt dessen zerrissene Reste auf seinen Hörnern durch ganz Irland und gibt dabei zahlreichen Orten ihren Namen – ein häufiges Motiv in der irischen Topographie-Mythologie, der sogenannten dindshenchas. Schließlich bricht der Donn Cuailgne tot zusammen. Beide Stiere, die eigentlichen Auslöser des ganzen Krieges, sind tot. Der Konflikt ist beendet, aber ohne eigentlichen Sieger.

Die Figur der Medb

Königin Medb ist eine der komplexesten weiblichen Figuren der alteuropäischen Literatur. Sie ist gleichzeitig pragmatische Herrscherin, eifersüchtige Rivalin ihres Mannes und Verkörperung einer alten Souveränitätsgöttin. Ihr Name wird sprachlich mit dem altirischen Wort für berauschenden Met (mid) in Verbindung gebracht; der König, der sie zur Frau hat, herrscht legitimiert. Medbs Entscheidung, Krieg zu führen, entspringt nicht Grausamkeit, sondern einem archaischen Gleichheitsanspruch – sie will, was ihr zusteht.

Überlieferung und Manuskripte

Die Táin Bó Cúailnge existiert in drei Fassungen (Rezensionen). Die älteste ist im Lebor na hUidre (Buch der fahlen Kuh) überliefert, einem Manuskript, das um 1100 n. Chr. im Kloster Clonmacnoise zusammengestellt wurde. Die zweite, vollständigere Fassung findet sich im Book of Leinster aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Eine dritte Redaktion ist in Manuskripten des 15. und 16. Jahrhunderts erhalten. Linguistische Schichtanalysen zeigen jedoch, dass der Kern des Textes auf das 7. oder 8. Jahrhundert zurückgeht – möglicherweise sogar auf noch ältere mündliche Überlieferung.

Der Name des Lebor na hUidre geht der Legende nach auf die heilige Kuh des hl. Ciarán von Clonmacnoise zurück, aus deren Haut das Pergament gefertigt worden sein soll.

Kulturelle Bedeutung und Rezeption

Die Táin gilt in Irland als nationales Epos, vergleichbar der Bedeutung, die Homer für die griechische Antike besitzt. Im 20. Jahrhundert erfuhr der Stoff eine bedeutende literarische Wiederaufnahme durch Thomas Kinsella, dessen englische Übersetzung von 1969 – illustriert von Louis le Brocquy – zum Standardwerk wurde. In der Populärkultur ist besonders die Figur des Cú Chulainn lebendig geblieben: Sie findet sich in Comics, Computerspielen und als Symbol irischer Identität, etwa in der Bronzestatue im Dubliner Hauptpostamt, die an den Osteraufstand von 1916 erinnert.

Auch in der Keltologie bleibt die Táin ein zentrales Forschungsfeld – als Quelle für altirische Sprache, Rechts- und Sozialvorstellungen, Kriegstechnik und Mythologie der vorchristlichen keltischen Welt.