Tom und Jerry: Die faszinierende Geschichte der Kult-Zeichentrickserie
Kaum eine Zeichentrickserie hat die Popkultur so nachhaltig geprägt wie Tom und Jerry. Seit 1940 jagt die unermüdliche Katze Tom die pfiffige Maus Jerry – und verliert dabei fast immer. Was als bescheidener Studioversuch bei MGM begann, entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten und beständigsten Franchises der Animationsgeschichte. Sieben Oscar-Gewinne, Generationen von Fans weltweit und ein 85. Jubiläum im Jahr 2025 belegen: Tom und Jerry sind zeitlos.
Die Schöpfer: William Hanna und Joseph Barbera
Hinter dem ikonischen Duo stehen zwei Männer, deren Zusammenarbeit die Trickfilmwelt für immer verändern sollte. William Denby Hanna (geboren 14. Juli 1910 in Melrose, New Mexico) und Joseph Roland Barbera (geboren 24. März 1911 in New York City) begegneten sich 1937 in der Animationsabteilung der Metro-Goldwyn-Mayer Studios in Culver City, Kalifornien.
Hanna war zu diesem Zeitpunkt bereits als Geschichtenentwickler und Liedtexter tätig, Barbera hatte seinen Weg über die Bankenwelt und erste Illustrationsaufträge ins Filmgeschäft gefunden. Beide erkannten schnell, dass ihre Talente sich ideal ergänzten: Hanna besaß ein feines Gespür für Timing und Komik, Barbera war der kreativere Zeichner mit einem Talent für lebendige Charakterentwicklung. Gemeinsam begannen sie, neue Konzepte für MGM zu entwickeln – zu einem Zeitpunkt, als das Studio unter erheblichem Wettbewerbsdruck von Walt Disney Productions und den Warner-Bros.-Trickfilmstudios stand.
Der erste Kurzfilm: „Puss Gets the Boot" (1940)
Ende der 1930er-Jahre präsentierten Hanna und Barbera ihrer Vorgesetzten, Produzentin Rudolf Ising und dem MGM-Leiter Fred Quimby, die Idee einer Katz-und-Maus-Geschichte. Das Konzept war simpel, aber wirkungsvoll: eine Katze und eine Maus in ewigem, aber letztlich harmlosem Konflikt – gleich stark, beide mit Persönlichkeit, ohne Worte.
Am 10. Februar 1940 wurde der erste Kurzfilm der Serie in amerikanischen Kinos veröffentlicht: Puss Gets the Boot. Bemerkenswert ist, dass die Figuren in diesem Debüt noch keine festen Namen trugen – die Katze hieß provisorisch „Jasper", die Maus blieb namenlos. Der Film war dennoch ein sofortiger Publikumserfolg und erhielt eine Nominierung für den Academy Award für den besten animierten Kurzfilm.
Der Name „Tom und Jerry" entstand durch einen studiointernen Wettbewerb. Animator John Carr schlug die Kombination vor – eine Anspielung auf den britischen Ausdruck „Tom and Jerry" für ausgelassenes Treiben, der aus Pierce Egans Roman Life in London (1821) stammte. MGM übernahm den Vorschlag, und mit dem zweiten Kurzfilm The Midnight Snack (1941) waren Tom und Jerry offiziell getauft.
Die goldene Ära bei MGM (1940–1958)
In den folgenden anderthalb Jahrzehnten produzierten Hanna und Barbera unter der Aufsicht von Produzent Fred Quimby insgesamt 114 Kurzfilme für MGM. Diese Periode gilt als das kreative Herzstück der Serie – handgezeichnet, mit aufwändigen Hintergründen und einer ausgefeilten Slapstick-Dramaturgie, die ohne ein einziges gesprochenes Wort auskam.
Die Auszeichnungen blieben nicht aus. Tom und Jerry gewannen in dieser Ära sage und schreibe sieben Academy Awards für den besten animierten Kurzfilm:
- 1943 – Yankee Doodle Mouse
- 1944 – Mouse Trouble
- 1945 – Quiet Please!
- 1946 – The Cat Concerto
- 1948 – The Little Orphan
- 1951 – The Two Mouseketeers
- 1952 – Johann Mouse
Kein anderes Animationsfranchise der damaligen Zeit konnte mit dieser Trefferquote mithalten. Die Kurzfilme etablierten ein Formprinzip, das bis heute gültig geblieben ist: Die Gegner sind zugleich untrennbar verbunden. Tom braucht Jerry, um existenzrelevant zu sein – und umgekehrt. Gewalt wird ins Slapstick-Komische übersetzt, niemand stirbt wirklich, der Schmerz hat keine Konsequenzen. Diese moralisch entlastete Groteske war radikal neu.
Das Ende der MGM-Ära und neue Kapitel
1957 schloss MGM seine Animationsabteilung aus Kostengründen. Hanna und Barbera, die nun ohne institutionellen Rückhalt dastanden, gründeten noch im selben Jahr ihr eigenes Studio: Hanna-Barbera Productions. Dort konzentrierten sie sich fortan auf kostengünstigere Fernsehanimation und schufen Klassiker wie Die Flintstones (1960), Die Jetsons (1962) und Scooby-Doo (1969).
Tom und Jerry hingegen wurden von MGM an den tschechischen Regisseur Gene Deitch weitergereicht, der zwischen 1961 und 1962 dreizehn neue Kurzfilme in Prag produzierte. Diese Episode gilt unter Fans als qualitativ schwächste Phase der Serie: Die Animationen wirkten starr, der Humor fremdartiger. Gleichwohl sind die Deitch-Filme heute Sammlerobjekte für Kenner.
Die Chuck-Jones-Ära und spätere Wiederbelebungen
1963 übernahm Chuck Jones, der Schöpfer von Bugs Bunny und Daffy Duck bei Warner Bros., die Regie der Tom-und-Jerry-Kurzfilme für MGM. Jones produzierte bis 1967 insgesamt 34 Filme. Sein Stil war eleganter und satirischer als jener Hannas und Barberas – Tom wurde gelegentlich sympathischer gezeichnet, die physische Komik verfeinert. Ob diese Phase dem Original gerecht wurde, ist unter Zeichentrick-Enthusiasten bis heute umstritten.
In den folgenden Jahrzehnten folgten mehrere Fernsehserien: Hanna-Barbera selbst produzierten 1975–1977 eine neue Staffel, diesmal explizit für das Kinderprogramm, in der Gewaltdarstellungen abgemildert wurden. Weitere Neuauflagen folgten in den 1980er- und 1990er-Jahren, zuletzt die von Turner Entertainment und Cartoon Network betriebene Tom and Jerry Kids Show (1990–1994).
Im Jahr 2021 wagte Warner Bros. eine Hybridproduktion: Der Kinofilm Tom & Jerry kombinierte realgedrehte Spielszenen mit animierten Figuren und kassierte weltweit über 133 Millionen US-Dollar – trotz pandemiebedingter Kinoeinschränkungen.
85 Jahre Tom und Jerry – Jubiläum und Neustart 2025/2026
Im Jahr 2025 feierte die Franchise ihr 85-jähriges Bestehen. Warner Bros. Discovery lancierte ein umfangreiches Jubiläumsprogramm, darunter die Wiederveröffentlichung sämtlicher CinemaScope-Kurzfilme auf Blu-ray in ihrer ursprünglichen Bildkomposition sowie die animierte Kurzfilmserie Tom and Jerry Gokko, eine von japanischem Kawaii-Stil beeinflusste Neuinterpretation auf YouTube, die bis Herbst 2025 über 70 Millionen Aufrufe erzielte.
Das bedeutendste Neuheitsereignis der Jubiläumsperiode ist der vollständig computergenerierte Animationsfilm Tom and Jerry: Forbidden Compass. Er feierte am 21. Juni 2025 beim 27. Shanghai International Film Festival Weltpremiere und startete am 2. August 2025 in chinesischen Kinos. Die US-amerikanische Veröffentlichung ist für den 9. September 2026 geplant. Es handelt sich um den ersten vollständig in CGI produzierten Langfilm der Franchise – ein technischer wie erzählerischer Neustart für das betagte Duo.
Die anhaltende Popularität von Tom und Jerry erklärt sich nicht allein aus Nostalgie. Die stumme Slapstick-Sprache der Serie ist kulturunabhängig verständlich; sie braucht keine Übersetzung. In einer global vernetzten Medienwelt ist das ein struktureller Vorteil, den nur wenige Zeichentrickformate besitzen.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Tom und Jerry erfunden?
Tom und Jerry wurden im Jahr 1940 von den amerikanischen Animatoren William Hanna und Joseph Barbera für die Metro-Goldwyn-Mayer Studios erschaffen. Der erste Kurzfilm, Puss Gets the Boot, wurde am 10. Februar 1940 veröffentlicht.
Wie viele Oscar-Auszeichnungen haben Tom und Jerry gewonnen?
Tom und Jerry gewannen zwischen 1943 und 1952 insgesamt sieben Academy Awards für den besten animierten Kurzfilm – eine Rekordmarke, die für ein einzelnes Animationsfranchise dieser Ära unerreicht blieb.
Wem gehören Tom und Jerry heute?
Die Rechte an Tom und Jerry liegen heute bei Warner Bros. Discovery. Das Franchise war ursprünglich Eigentum von MGM und gelangte über verschiedene Übernahmen in den Warner-Konzern.
Gibt es einen neuen Tom-und-Jerry-Film?
Ja: Tom and Jerry: Forbidden Compass ist der erste vollständig computergenerierte Langfilm der Serie. Er startete im August 2025 in China und soll am 9. September 2026 in den USA erscheinen. Es ist die bislang aufwändigste Produktion des Franchises.
Warum spricht Tom in der Serie nicht?
Tom und Jerry sind konzeptuell als stumme Slapstick-Figuren angelegt, um universelle, sprachunabhängige Komik zu erzeugen. Diese Entscheidung von Hanna und Barbera erlaubte es, die Kurzfilme ohne Synchronisationsaufwand weltweit zu vermarkten – und ist bis heute ein Markenzeichen der Serie.