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Geschichte der Labrys: Die doppelte Axt erklärt

Veröffentlicht 22. Mai 2026 Aktualisiert 15. Juni 2026

Was ist die Geschichte der Labrys, der doppelten Axt?

Die Labrys, die doppelköpfige Axt mit zwei symmetrischen Klingen, gehört zu den faszinierendsten Symbolen der antiken Welt. Ihre Geschichte reicht mehr als vier Jahrtausende zurück, und sie hat in dieser Zeit eine bemerkenswerte Wandlung durchgemacht: vom heiligen Kultgerät der minoischen Hochkultur auf Kreta über ein mythologisches Symbol der Amazonen bis hin zu einem modernen Zeichen feministischer und lesbischer Identität. Kaum ein anderes Artefakt verbindet so viele Epochen, Kulturen und Bedeutungsebenen miteinander.

Was ist die Geschichte der Labrys, der doppelten Axt?

Ursprung und Verbreitung in der Antike

Die frühesten bekannten Labrys-Darstellungen stammen aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. und sind in verschiedenen Kulturen des Mittelmeerraums und Vorderasiens zu finden. In Anatolien, dem heutigen Türkei, taucht die Doppelaxt als religiöses Symbol auf, ebenso in Ägypten und auf dem Balkan. Ihre weite Verbreitung legt nahe, dass das Symbol unabhängig voneinander in verschiedenen Kulturen entstand oder über intensive Handelsverbindungen weitergegeben wurde.

Am deutlichsten ausgeprägt war die Bedeutung der Labrys jedoch in der minoischen Zivilisation auf Kreta, die zwischen etwa 2700 und 1450 v. Chr. florierte. Hier wurde die Doppelaxt zu einem der zentralsten religiösen Symbole überhaupt, allgegenwärtig in Tempeln, Palästen und auf Ritualobjekten.

Die Labrys in der minoischen Kultur

Im Palast von Knossos, dem bedeutendsten archäologischen Fundort der minoischen Zivilisation, taucht die Labrys in einer schier unerschöpflichen Vielfalt auf. Sie ist in Fresken eingearbeitet, in Stein gehauen, auf Tongefäßen gemalt und als tatsächliches Metallobjekt überliefert. Einige der gefundenen Doppeläxte waren mehr als mannshoch und aus Bronze gefertigt, was sie für den praktischen Einsatz ungeeignet macht - sie dienten eindeutig kultischen Zwecken.

Religiöse Funktion

Die Labrys war in der minoischen Religion ein Kultgerät von höchster Bedeutung. Archäologen gehen davon aus, dass sie bei Opferritualen verwendet wurde, insbesondere bei der Schlachtung von Stieren. Der Stier hatte in der minoischen Kultur eine überragende religiöse Bedeutung, wie das berühmte Motiv des Stiersprungs belegt. Die Doppelaxt tötete das Opfertier und verband damit die Welten des Lebendigen und des Göttlichen.

Bemerkenswert ist, dass die Labrys auf Kreta fast ausschließlich in den Händen von Frauen dargestellt wird - Priesterinnen oder Göttinnen. Dies unterscheidet sie grundlegend von anderen Kulturen des Nahen Ostens und des Mittelmeerraums, in denen Waffen typischerweise Männern oder männlichen Gottheiten zugeordnet werden. Die minoische Gesellschaft weist insgesamt auf eine stärkere Stellung von Frauen hin, und die Labrys ist ein wichtiges Zeugnis dafür.

Das Labyrinth und die Labrys

Das Wort "Labyrinth" leitet sich wahrscheinlich von "Labrys" ab. Der "Haus der Doppelaxt" lautete im Alten die Bedeutung des Begriffs, der später auf das berühmte Bauwerk des Minos auf Kreta übertragen wurde. In der griechischen Mythologie hauste im Labyrinth der Minotaurus, ein Mischwesen aus Mensch und Stier - auch hier spiegelt sich die enge Verbindung von Stier, Kult und Axt wider. Die etymologische Verknüpfung von Labrys und Labyrinth macht deutlich, wie tief das Symbol in der Kultur der minoischen Epoche verwurzelt war.

Symbolische Deutungen in der Altertumswissenschaft

Über die genaue religiöse Bedeutung der Labrys wird in der Wissenschaft bis heute diskutiert. Verschiedene Forscher haben unterschiedliche Interpretationen vorgeschlagen, die sich nicht gegenseitig ausschließen müssen.

Mondgöttin und Mondsymbolik

Der britische Mythologe Robert Graves interpretierte die Labrys als Symbol für die zunehmende und die abnehmende Mondsichel. Die beiden Klingen der Doppelaxt entsprechen in dieser Lesart den zwei Phasen des Mondes, und die Axt insgesamt repräsentiert die Mond- oder Muttergöttin in ihrer zyklischen Natur. Diese Interpretation passt gut zu anderen Befunden der minoischen Religion, in der weibliche Gottheiten eine zentrale Rolle spielten.

Schmetterlingssymbol

Die Anthropologin Marija Gimbutas sah in der Form der Labrys eine stilisierte Darstellung eines Schmetterlings. Der Schmetterling gilt in vielen Kulturen als Symbol der Seele, der Wiedergeburt und der Transformation. In dieser Deutung wäre die Labrys ein Symbol für den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, was gut zu ihrer Verwendung bei Opferritualen passen würde.

Symbol der Macht

Eine dritte Interpretation sieht in der Labrys schlicht ein Machtsymbol der minoischen Priesterinnen und Herrscherinnen. Die physische Größe mancher Fundstücke, die praktischen Gebrauch ausschließt, unterstreicht diese Lesart. Die Doppelaxt wäre demnach ein Herrschaftsinsigne, ähnlich dem Zepter in anderen Kulturen.

Die Labrys in der griechischen Mythologie

Als die mykenische Kultur die minoische verdrängte und das antike Griechenland seine klassische Form annahm, wurde die Labrys in neue mythologische Zusammenhänge eingebettet. In der homerischen Tradition erscheint die Doppelaxt als Waffe von Fremdvölkern, nicht von Griechen - ein Zeichen dafür, dass sie als Merkmal der "Anderen" galt.

Die Amazonen und ihre Axt

Besonders eng verknüpft ist die Labrys in der griechischen Mythologie mit den Amazonen, dem legendären Volk kriegerischer Frauen. Die Amazonen wurden von antiken Autoren oft als Bewohnerinnen des Schwarzmeergebiets oder Kleinasiens beschrieben und als furchtlose Kriegerinnen dargestellt, die die Doppelaxt als bevorzugte Waffe trugen. Kämpfe zwischen griechischen Helden und Amazonen, sogenannte Amazonomachien, waren ein beliebtes Motiv in der bildenden Kunst der Antike.

Historiker diskutieren heute, ob die Amazonen ein mythisches Konstrukt sind oder ob ihnen reale Kriegerinnen der skythischen oder anderen Steppenvölker zugrunde liegen. Archäologische Funde von Frauen, die mit Waffen bestattet wurden, in der eurasischen Steppe legen nahe, dass es tatsächlich Kriegerinnen gab, die in die Sage von den Amazonen einflossen.

Mittelalter und frühe Neuzeit: Verschwinden und Vergessen

Mit dem Ende der antiken Religionen und dem Aufstieg des Christentums verlor die Labrys ihre religiöse Bedeutung. Das Doppelaxt-Symbol verschwand weitgehend aus dem europäischen Bewusstsein und fristete nur noch als archäologischer Befund und als mythologisches Motiv in antiken Texten ein Schattendasein. Erst mit dem Beginn systematischer Ausgrabungen auf Kreta, vor allem durch den britischen Archäologen Arthur Evans ab 1900 in Knossos, rückte die Labrys wieder in das öffentliche Interesse.

Evans Ausgrabungen brachten die minoische Zivilisation als eigenständige Hochkultur ans Licht und machten die Labrys zu einem ihrer bekanntesten Symbole. Seine Interpretationen waren nicht immer unumstritten, aber sie legten den Grundstein für das moderne Verständnis der minoischen Kultur und ihrer Symbolik.

Die Labrys in der modernen feministischen Bewegung

Die Wiederentdeckung der Labrys als Symbol begann in den 1970er Jahren im Zuge der zweiten Welle des Feminismus. Feministinnen und insbesondere die lesbische Bewegung griffen auf das Symbol zurück, weil es historisch mit Frauen, weiblicher Macht und einer vorpatriarchalen Gesellschaft assoziiert worden war.

Lesbisches und feministisches Symbol

Die Doppelaxt wurde in der lesbischen Subkultur zu einem Erkennungszeichen, das auf Schmuck, Tätowierungen und Kleidung getragen wurde. Sie symbolisiert Stärke, Unabhängigkeit und die Verbindung zu einer imaginierten matriarchalen Vergangenheit, in der Frauen Macht und Autorität besaßen. Die Verbindung zu den mythischen Amazonen verstärkt diese Symbolik der weiblichen Wehrhaftigkeit.

In feministischen Kreisen wurde die Labrys auch als Gegenentwurf zu patriarchalen Machtstrukturen interpretiert. Das Bild einer Göttin oder Priesterin, die die Doppelaxt schwingt, steht in dieser Lesart für eine Alternative zu einer von Männern dominierten Weltordnung. Dabei ist die historische Deutung der minoischen Gesellschaft als matriarchal umstritten - Archäologen warnen davor, moderne Wunschvorstellungen auf antike Kulturen zu projizieren.

Symbol der Frauenbewegung und der LGBTQ-Community

Die Labrys tauchte in der Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre auf Titelseiten von Zeitschriften, in Kunstwerken und bei Demonstrationen auf. Sie verbreitete sich als Symbol, das sowohl auf die antike Geschichte anspielt als auch eine zeitgenössische politische Bedeutung trägt. Innerhalb der LGBTQ-Community wird sie bis heute vor allem von lesbischen Frauen genutzt, auch wenn ihre Verbreitung mit der Zeit variiert hat.

Die Labrys in Archäologie und Wissenschaft heute

Für die Archäologie bleibt die Labrys ein wichtiges Forschungsobjekt. Neue Funde und verbesserte Analysemethoden ermöglichen ein tieferes Verständnis ihrer Funktion und Bedeutung in der minoischen Zivilisation. Gleichzeitig wird die Frage, wie antike Symbole in modernen Kontexten angeeignet und neu gedeutet werden, in der Kulturwissenschaft intensiv diskutiert.

Besonders fruchtbar war in den letzten Jahrzehnten die Auseinandersetzung mit der Frage, ob die minoische Gesellschaft tatsächlich so "weiblich" geprägt war, wie frühere Generationen von Archäologen annahmen. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass die Überrepräsentation von Frauen in der minoischen Ikonografie möglicherweise ein religiöses, kein soziales Phänomen widerspiegelt. Ein Matriarchat lässt sich aus den Bildern allein nicht ableiten. Dennoch bleibt feststellbar, dass Frauen in der minoischen Glaubenswelt eine außerordentlich prominente Rolle spielten.

Die Labrys steht exemplarisch für die Fähigkeit von Symbolen, über Jahrtausende hinweg zu überdauern und in neuen Kontexten neue Bedeutungen anzunehmen. Ihre Geschichte ist eine Geschichte der Kontinuität und des Wandels, des Vergessens und der Wiederentdeckung. Kein anderes Symbol verbindet so direkt die bronzezeitliche Hochkultur des Ägäisraums mit der feministischen Bewegung des 20. und 21. Jahrhunderts.

Labrys in Kunst, Literatur und Popkultur

Abgesehen von ihrer religiösen und politischen Bedeutung hat die Labrys auch in der bildenden Kunst, Literatur und Popkultur Spuren hinterlassen. In der Kunst des Symbolismus und des Jugendstils tauchte das Motiv der Doppelaxt im ausgehenden 19. Jahrhundert als geheimnisvolles, archaisches Zeichen wieder auf. Literaten und Bildende Künstler verwendeten es als Anspielung auf vorzivilisatorische Mächte und archetypische Weiblichkeit.

In der zeitgenössischen Literatur erscheint die Labrys besonders häufig in historischen Romanen über die minoische Zivilisation und über die Amazonen. Bücher über Kreta und die minoische Welt, die sich an ein breites Publikum richten, nutzen die Labrys oft als zentrales Symbol auf Buchcovers und in Titelgebungen. Im Bereich des Pagan-Movements und des Wicca hat die Labrys ebenfalls Eingang gefunden, wo sie als Symbol der Göttin und weiblicher Kraft verwendet wird.

In der Videospielbranche und in der Rollenspieltradition taucht die Doppelaxt als Waffe auf, die oft mit mythischen Amazonen oder kretischen Kriegerinnen assoziiert wird. Diese popkulturelle Präsenz trägt dazu bei, das Interesse an der historischen Labrys aufrechtzuerhalten und ein junges Publikum für die minoische Archäologie und ihre Hintergründe zu begeistern.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet der Name "Labrys"?

Der Name "Labrys" ist ein altgriechisches Wort für Doppelaxt und stammt möglicherweise aus einer vorhellenis­tischen Sprache Kleinasiens oder des Ägäisraums. Er ist eng mit dem Begriff "Labyrinth" verwandt, der wörtlich "Haus der Doppelaxt" bedeuten soll und auf den sagenhaften Palast des König Minos auf Kreta zurückgeht.

Wofür wurde die Labrys in der minoischen Kultur verwendet?

Die Labrys diente in der minoischen Kultur vor allem als Kultgerät bei religiösen Ritualen, vermutlich bei Stieropferungen. Die großen, aus Bronze gefertigten Doppel­äxte, die auf Kreta gefunden wurden, waren für den praktischen Kampfeinsatz ungeeignet und hatten ausschließlich zeremonielle Funktion. Sie erscheinen fast immer in Verbindung mit Priesterinnen oder Göttinnen.

Was hat die Labrys mit dem Labyrinth zu tun?

Das Wort "Labyrinth" leitet sich wahrscheinlich von "Labrys" ab und bedeutete ursprünglich "Haus der Doppelaxt". Dieser Begriff wurde auf den Palast von Knossos angewendet, in dem das Doppelaxt-Symbol allgegenwärtig war. Später übernahm die griechische Mythologie den Begriff für das rätselhafte Bauwerk, in dem der Minotaurus hauste.

Warum ist die Labrys ein Symbol der lesbischen Bewegung?

In den 1970er Jahren griffen feministische und lesbische Aktivistinnen die Labrys auf, weil sie historisch mit Frauen und weiblicher Macht verbunden war. In der minoischen Ikonografie wird die Doppelaxt fast ausschließlich von Frauen gehalten, und in der Mythologie ist sie die Waffe der Amazonen. Diese Verbindung machte sie zu einem geeigneten Symbol für Stärke, Unabhängigkeit und Identität.

Ist die minoische Gesellschaft wirklich matriarchal gewesen?

Die Frage ist unter Archäologen umstritten. Zwar zeigen minoische Darstellungen Frauen in zentralen religiösen Funktionen, und weibliche Gottheiten spielten offenbar eine wichtige Rolle. Eine vollständig matriarchale Gesellschaft lässt sich jedoch aus den archäologischen Befunden nicht eindeutig ableiten. Viele Wissenschaftler warnen davor, moderne Konzepte auf antike Kulturen zu übertragen.

Wo kann man originale Labrys-Funde besichtigen?

Die bedeutendsten Sammlungen minoischer Artefakte, darunter Labrys-Objekte, befinden sich im Archäologischen Museum Heraklion auf Kreta sowie im Britischen Museum in London. Das Archäologische Museum Heraklion gilt als eine der besten Quellen für minoische Funde weltweit und zeigt unter anderem große Doppelbeile aus Bronze.

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