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Was machte ein Laternenanzünder genau?

Veröffentlicht 22. Mai 2026 Aktualisiert 15. Juni 2026

Was machte ein Laternenanzünder genau?

Der Laternenanzünder gehört zu den faszinierendsten ausgestorbenen Berufen Europas. Jahrhundertelang sorgte er dafür, dass die Straßen der wachsenden Städte nach Einbruch der Dunkelheit nicht im Finsteren versanken. Mit einer langen Stange, einem kleinen Licht und einem genauen Tagesplan zog er Abend für Abend durch die Gassen - und wurde dabei zu einer unverzichtbaren Figur des städtischen Lebens.

Ursprünge der städtischen Straßenbeleuchtung

Bevor es den Laternenanzünder gab, waren Städte nach Sonnenuntergang weitgehend dem Dunkel überlassen. Nur Fackeln vor Tavernen oder Kerzen in Fensterhöhlen warfen schwaches Licht auf das Kopfsteinpflaster. Der Straßenraub und die Kriminalität blühten in dieser Dunkelheit. Im 17. Jahrhundert begann Paris als eine der ersten Metropolen Europas damit, Straßenlaternen zu errichten und deren regelmäßiges Befeuern staatlich zu organisieren.

In deutschen Städten setzte sich die öffentliche Straßenbeleuchtung im 18. Jahrhundert durch. Hamburg, Berlin und Wien führten Öllampen ein, die an Halterungen entlang der Hauptstraßen befestigt wurden. Wien etwa etablierte im Laufe des 18. Jahrhunderts ein System von Laternen, für deren Betrieb eigens angestellte Laternenanzünder verantwortlich waren. Das Schweizer Zürich bekam erst 1806 seine ersten Öllaternen - vergleichsweise spät, aber symptomatisch für viele mitteleuropäische Städte dieser Zeit.

Mit der industriellen Revolution und der Verbreitung des Leuchtgases veränderte sich das Bild der städtischen Beleuchtung grundlegend. London führte 1814 als erste Stadt der Welt Gasstraßenlaternen ein. Auch diese mussten noch von Hand entzündet werden - der Beruf des Laternenanzünders blieb also erhalten, wandelte sich aber in seinen Anforderungen.

Tägliche Aufgaben und Arbeitsroutine

Die Kernaufgabe war einfach zu beschreiben, aber körperlich anspruchsvoll: Jeden Abend, pünktlich bei Einbruch der Dämmerung, zog der Laternenanzünder durch sein Revier und brachte jede einzelne Laterne zum Leuchten. Am Morgen - ebenfalls nach einem festen Zeitplan - kehrte er zurück und löschte alle Flammen wieder. Sturm, Regen, Schnee und bittere Winterkälte spielten dabei keine Rolle. Wer den Job hatte, musste zuverlässig sein.

Zu seinen Werkzeugen gehörten mehrere Spezialutensilien: eine lange Bambus- oder Holzstange (oft über zwei Meter) mit einer windgeschützten Flamme an der Spitze, ein Auslöschstängelchen zum Erlöschen der Lampe, ein Putzhäkchen zum Reinigen der Glasscheiben sowie ein kleines Blechfläschchen mit Öl für das Nachfüllen. In früheren Zeiten benutzte er eine Leiter, um die hoch angebrachten Laternen zu erreichen, aber das erwies sich als gefährlich - vorbeifahrende Kutschen stießen die Leitern um. Ein Erlass aus dem Jahr 1775 in Wien schrieb deshalb das Arbeiten mit der langen Stange vor, die sicherer war.

Jeder Laternenanzünder hatte ein fest zugeteiltes Revier mit einer bestimmten Anzahl von Laternen. In größeren Städten konnte ein Mann für Dutzende, manchmal über hundert Laternen zuständig sein. Er kannte jede einzelne Laterne in seinem Bezirk, wusste, welche zum Dochtwechsel fällig war und welche Scheibe gereinigt werden musste.

Der Laternenanzünder als Lampenwärter

Die reine Anzündtätigkeit war nur ein Teil des Berufs. Gleichzeitig fungierte der Laternenanzünder in den meisten Städten auch als Lampenwärter, also als derjenige, der für die Funktionstüchtigkeit der Laternen insgesamt verantwortlich war. Das umfasste das regelmäßige Reinigen der Glasscheiben, damit das Licht möglichst weit strahlte, das Kontrollieren der Dochte und das Auffüllen von Öl- oder Talgvorräten.

Bei Gaslaternen kamen neue Aufgaben hinzu: Das Überprüfen der Gaszufuhr, das Reinigen der Brenner und das Melden von Schäden an der Infrastruktur. Ein defekter Gashahn oder ein gerissenes Rohr musste unverzüglich dem zuständigen Stadtamt gemeldet werden. Der Laternenanzünder war damit nicht nur Dienstleister, sondern auch eine Art erster Kontrolleur der städtischen Infrastruktur.

In manchen Städten gehörten weitere Aufgaben dazu: Das Aufschreiben der Brennzeiten, das Melden von Vandalismus an Laternen, manchmal sogar die Beaufsichtigung umliegender Straßenbereiche in den Abendstunden. So näherte sich der Beruf stellenweise dem des Nachtwächters an, mit dem er mancherorts zusammenfiel.

Gesellschaftliche Stellung und Lohn

Der Laternenanzünder war ein städtischer Bediensteter im unteren Bereich der sozialen Hierarchie, aber kein rechtloser Tagelöhner. Er verfügte über eine feste Anstellung, ein definiertes Revier und eine wenn auch bescheidene regelmäßige Entlohnung. In vielen Städten war die Stelle an eine kleine Dienstwohnung oder zumindest an ein Lagerräumchen für die Werkzeuge gebunden.

Das Ansehen des Berufs war ambivalent. Auf der einen Seite war der Laternenanzünder bekannt und gewürdigt: Die Menschen sahen seine Arbeit jeden Abend, er brachte buchstäblich Licht in die Dunkelheit. Dichter und Schriftsteller erwähnten ihn als vertraute Figur des Stadtlebens. Auf der anderen Seite war es ein schmutziger, körperlich belastender Job mit unsozialen Arbeitszeiten - früh morgens, spät abends, bei jedem Wetter.

In Wien ist dokumentiert, dass Laternenanzünder im frühen 19. Jahrhundert eine Art Zunft oder Vereinigung bildeten, die bestimmte Standards des Berufs festlegte und für die Interessen der Mitglieder eintrat. Das zeigt, dass es sich um eine organisierte Berufsgruppe mit Standesbewusstsein handelte, nicht nur um eine Gruppe von Tagelöhnern.

Der Übergang von Öl zu Gas

Als sich die Gasbeleuchtung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in deutschen, österreichischen und Schweizer Städten verbreitete, veränderte sich die Arbeit des Laternenanzünders erheblich. Gaslaternen brannten heller und gleichmäßiger als Öllaternen, erforderten weniger häufiges Nachfüllen und verbreiteten eine angenehmere Atmosphäre auf den Straßen.

Die Einführung des Gasnetzes erforderte zunächst neue Kenntnisse: Der Laternenanzünder musste verstehen, wie Gaszufuhr und Brenner funktionierten, und durfte keine Fehler machen, denn Gas war und ist gefährlich. Gleichzeitig wurden manche Routinearbeiten einfacher - das Nachfüllen von Öl entfiel, dafür rückte die technische Wartung in den Vordergrund.

Einige Städte experimentierten in dieser Phase mit Automatisierungsmechanismen: Laternen, die durch Uhrwerke gesteuert wurden und sich zu festgelegten Zeiten selbst entzündeten und löschten. Diese Systeme funktionierten jedoch oft unzuverlässig, und der Laternenanzünder blieb auf absehbare Zeit unverzichtbar.

Das Ende des Berufs durch Elektrifizierung

Die elektrische Straßenbeleuchtung läutete das Ende des Laternenanzünders ein. In manchen Städten wurden bereits in den 1880er Jahren erste elektrische Bogenlampen erprobt. Thomas Edisons Glühbirne und die sich rasch ausbreitenden städtischen Stromnetze machten es möglich, Straßenlaternen mit einem Schalter zu kontrollieren - oder später automatisch über Zeitschaltuhren.

Dennoch verschwand der Beruf nicht von einem Tag auf den anderen. Elektrische Beleuchtung war teuer und wurde zunächst nur auf Hauptstraßen eingeführt. Seitenstraßen, ländliche Gemeinden und ärmere Stadtteile blieben noch Jahrzehnte lang auf Gas- oder Öllaternen angewiesen. In manchen Regionen Deutschlands und Österreichs waren Laternenanzünder noch in den 1950er und 1960er Jahren tätig - überall dort, wo alte Gaslaternen noch in Betrieb standen und kein elektrisches Netz existierte.

Heute existiert der Beruf in seiner klassischen Form nicht mehr. Einige wenige Städte - darunter bestimmte historische Viertel in Hamburg - unterhalten noch immer Gaslaternen als Kulturgut und beschäftigen Menschen, die diese von Hand entzünden. Das ist jedoch touristische Nostalgie, kein funktionaler Berufsstand mehr.

Kulturelle Bedeutung und Nachwirkung

Der Laternenanzünder hat tiefe Spuren im kulturellen Gedächtnis hinterlassen. Er taucht in Märchen, Gedichten und Romanen des 19. Jahrhunderts auf - oft als Symbol für Verlässlichkeit, Pflichterfüllung und das einfache, aber würdige Leben des kleinen Mannes. Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" enthält eine unvergessliche Figur des Laternenanzünders auf einem winzigen Planeten, der pflichtbewusst immer wieder seine Laterne anzündet und löscht - ein Bild, das für viele Generationen von Lesern die Essenz des Berufs einfängt.

In der historischen Forschung gilt der Laternenanzünder als wichtiger Zeuge des Übergangs von der vorindustriellen zur industriellen Stadt. Seine Geschichte zeigt, wie technologische Umbrüche ganze Berufsgruppen hervorbringen und wieder verschwinden lassen - ein Prozess, der heute unter dem Begriff des "strukturellen Wandels" diskutiert wird.

Museale Sammlungen in deutschen und österreichischen Städten bewahren die Werkzeuge des Berufs: Anzünderstangen, Putzhäkchen, Ölflaschen und Uniformstücke. Sie erinnern an einen Berufsstand, dessen Arbeit jeden Abend sichtbar war und dessen Verschwinden kaum jemand bewusst bemerkt hat.

Der Laternenanzünder im Spiegel der Literatur

Kein anderer ausgestorbener Beruf hat so viele literarische Spuren hinterlassen wie der des Laternenanzünders. In der romantischen Literatur des 19. Jahrhunderts verkörpert er das ruhige, handwerkliche Leben des einfachen Stadtmenschen, der Tag für Tag seine Pflicht tut - unbewacht von Publikum oder Presse, aber unverzichtbar für das Funktionieren der modernen Stadt.

Heinrich Heine erwähnt Laternenanzünder in einigen seiner Gedichte als vertraute Kulisse des städtischen Abends. Theodor Fontane, der das Berlin des späten 19. Jahrhunderts so präzise wie kein anderer beschrieben hat, lässt in mehreren seiner Romane Figuren auftreten, die das Aufflackern der Gaslaternen beim Heimweg beobachten - ein Signal, dass der Laternenanzünder sein Tagewerk begonnen hat, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen.

Die bekannteste literarische Figur eines Laternenanzünders weltweit findet sich in Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" (1943). Auf einem winzigen Planeten lebt ein Mann, der ohne Unterlass seine einzige Laterne anzündet und wieder löscht, weil sein Planet sich so schnell dreht, dass auf jede Minute ein Tag und eine Nacht folgen. Der Kleine Prinz bewundert ihn: Er ist der Einzige auf all den Planeten, der nicht nur für sich selbst arbeitet. Diese Figur ist zur Ikone der modernen Kinderliteratur geworden und hat das Bild des Laternenanzünders als Symbol pflichtbewusster, selbstloser Arbeit tief ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben.

In der Volksliteratur und im Liedgut des deutschsprachigen Raums taucht der Laternenanzünder ebenfalls auf. Kinderreime und Abendlieder schildern, wie die Straßen nach seinem Durchgang in ein sanftes Licht getaucht sind. Diese populären Darstellungen zeigen, wie vertraut und geschätzt die Figur im Alltagsleben war - ein Mann, der zur Abendroutine einer ganzen Stadt gehörte.

Häufig gestellte Fragen

Was machte ein Laternenanzünder genau?

Ein Laternenanzünder war täglich dafür zuständig, die städtischen Straßenlaternen bei Einbruch der Dämmerung zu entzünden und am Morgen wieder zu löschen. Zusätzlich wartete er die Laternen - er reinigte die Glasscheiben, füllte Öl nach und überprüfte Dochte und Brenner. Er hatte ein festes Revier in der Stadt und kannte jede Laterne in seinem Bezirk.

Welche Werkzeuge benutzte ein Laternenanzünder?

Das wichtigste Werkzeug war eine lange Bambus- oder Holzstange (über zwei Meter) mit einer windgeschützten Flamme an der Spitze. Dazu kamen ein Auslöschstängelchen zum Löschen der Laternen, ein Putzhäkchen zum Reinigen der Scheiben und ein kleines Blechfläschchen mit Öl. In früheren Zeiten wurde auch eine Leiter benutzt, die aber wegen Unfällen durch vorbeifahrende Kutschen durch die Stange ersetzt wurde.

Wann entstand und wann endete der Beruf des Laternenanzünders?

Der Beruf entstand im 17. und 18. Jahrhundert, als Städte wie Paris und Hamburg begannen, Straßenbeleuchtung systematisch zu organisieren. In deutschen Städten war er im 18. Jahrhundert weit verbreitet. Mit der Einführung der elektrischen Straßenbeleuchtung ab den 1880er Jahren begann der Niedergang des Berufs, der jedoch in manchen Regionen bis in die 1960er Jahre anhielt, solange noch Gas- oder Öllaternen in Betrieb waren.

Wie unterschied sich die Arbeit bei Öl- und Gaslaternen?

Bei Öllaternen musste der Laternenanzünder regelmäßig Öl nachfüllen, Dochte wechseln und Rußablagerungen von den Glasscheiben entfernen. Bei Gaslaternen entfiel das Nachfüllen von Brennstoff, dafür war das Verständnis der Gaszufuhr und des Brenners notwendig. Gaslaternen brannten heller und gleichmäßiger, erforderten aber technisch versiertes Vorgehen, da Gas gefährlich ist.

Gab es Laternenanzünder noch im 20. Jahrhundert?

Ja, der Beruf hielt sich länger als man vermuten würde. In ländlichen Gebieten und ärmeren Stadtteilen, die keine elektrische Beleuchtung besaßen, arbeiteten Laternenanzünder noch bis in die 1950er und 1960er Jahre. Einige historische Gaslaternen in Städten wie Hamburg werden noch heute von Hand entzündet, allerdings aus touristischen und denkmalschutzrechtlichen Gründen, nicht als regulärer Berufsstand.

Warum ist der Laternenanzünder kulturell so bedeutsam?

Der Laternenanzünder gilt als Symbol für Verlässlichkeit und pflichtbewusste Arbeit im Stadtleben des 19. Jahrhunderts. Er taucht in Literatur und Kunstwerken auf - am bekanntesten in Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz". Als Beruf steht er exemplarisch für den technologischen Wandel, der Berufe entstehen und verschwinden lässt, und für die Geschichte der städtischen Infrastruktur.

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