Geschichte Guinea-Bissaus: Die wichtigsten Ereignisse
Guinea-Bissau, einer der kleinsten Staaten Westafrikas, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die von Jahrhunderten kolonialer Ausbeutung, einem zähen Unabhängigkeitskampf und anhaltender politischer Instabilität geprägt ist. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1974 hat das Land mehr als neun Putschversuche erlebt – mehr als fast jeder andere Staat auf dem afrikanischen Kontinent. Der jüngste erfolgreiche Putsch ereignete sich im November 2025. Ein Überblick über die Schlüsselereignisse einer wechselvollen Geschichte.
Frühgeschichte und vorkoloniale Reiche
Das Gebiet des heutigen Guinea-Bissau gehörte im Mittelalter zum Einflussbereich großer westafrikanischer Reiche. Im 8. Jahrhundert dominierte das Ghana-Reich den Sahel; nach seinem Verfall im Jahr 1240 übernahm das mächtige Mali-Reich die Vorherrschaft in der Region. Die Küstengebiete und das Landesinnere waren von verschiedenen Volksgruppen besiedelt, darunter Mandinka, Balanta, Fula und Bijagó, die eigene politische Strukturen und Handelsbeziehungen unterhielten.
Portugiesische Kolonisierung und Sklavenhandel
Im Jahr 1446 erreichte der portugiesische Seefahrer Nuno Tristão die Küste des heutigen Guinea-Bissau und eröffnete damit die europäische Kolonialgeschichte der Region. Die Portugiesen errichteten Handelsstützpunkte, allen voran in Cacheu, das sich rasch zu einem der wichtigsten Umschlagplätze des transatlantischen Sklavenhandels entwickelte. Über Jahrhunderte wurden Hunderttausende Menschen aus dieser Region nach Brasilien und in die Karibik verschleppt.
Formal wurde das Territorium erst 1879 zur Kolonie Portugiesisch-Guinea erklärt, nachdem Portugal seine Verwaltungsstrukturen im Zuge der Aufteilung Afrikas durch die europäischen Mächte konsolidierte. Die Hauptstadt wurde von Cacheu nach Bissau verlegt, das fortan als Verwaltungszentrum diente.
Das Massaker von Pidjiguiti (1959) und der Beginn des Befreiungskampfes
Einen Wendepunkt in der Geschichte des Landes markierte der 3. August 1959: Hafenarbeiter in Bissau legten am Pier von Pidjiguiti die Arbeit nieder, um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen zu fordern. Portugiesische Soldaten eröffneten das Feuer auf die unbewaffneten Streikenden; rund 50 Menschen kamen ums Leben. Das Massaker von Pidjiguiti gilt als Gründungsmoment des bewaffneten Widerstands und ist bis heute ein nationaler Gedenktag.
Bereits 1956 hatte der Agronom und Intellektuelle Amílcar Cabral gemeinsam mit anderen Aktivisten die PAIGC (Partido Africano da Independência da Guiné e Cabo Verde) gegründet. Nach dem Massaker verlagerte die Bewegung ihre Strategie vom städtischen Protest auf den Guerillakrieg im Landesinneren.
Der Unabhängigkeitskrieg (1963–1974)
Ab 1963 entbrannte ein zermürbender Guerillakrieg, der über ein Jahrzehnt andauern sollte. Die PAIGC kämpfte unter Cabrals Führung gegen eine der am stärksten befestigten Kolonialarmeen Afrikas. Bis Anfang der 1970er-Jahre kontrollierte die Bewegung große Teile des ländlichen Territoriums und baute dort parallele Verwaltungsstrukturen mit Schulen und Gesundheitsposten auf.
Am 20. Januar 1973 wurde Amílcar Cabral in der Exilhauptstadt Conakry von Mitgliedern seiner eigenen Organisation ermordet – ein Schlag, hinter dem viele Beobachter die Finger des portugiesischen Geheimdienstes PIDE vermuten. Cabral gilt bis heute als Nationalheld und Vordenker der afrikanischen Befreiungsbewegungen.
Trotz des Attentats erklärte die PAIGC am 24. September 1973 einseitig die Unabhängigkeit Guinea-Bissaus. Der entscheidende Durchbruch kam von außen: Die Nelkenrevolution in Lissabon am 25. April 1974 beendete die portugiesische Diktatur und damit auch den Willen zum Kolonialkrieg. Am 10. September 1974 erkannte Portugal die Unabhängigkeit Guinea-Bissaus offiziell an – dieses Datum gilt als nationaler Unabhängigkeitstag.
Erste Jahre der Unabhängigkeit und der Putsch von 1980
Erster Präsident des neuen Staates wurde Luís Cabral, Halbbruder des ermordeten Amílcar. Die Parteiherrschaft der PAIGC dominierte das politische Leben; Mehrparteiendemokratie war nicht vorgesehen. Wirtschaftliche Misswirtschaft, Nahrungsmittelknappheit und Machtkämpfe innerhalb der Partei destabilisierten das junge Land rasch.
Am 14. November 1980 stürzte der Militär und PAIGC-Veteran João Bernardo „Nino" Vieira in einem unblutigen Putsch Luís Cabral und übernahm die Macht. Vieira sollte – mit einer kurzen Unterbrechung – über zwei Jahrzehnte die Geschichte des Landes prägen.
Bürgerkrieg 1998–1999
Die schwerste innere Erschütterung nach der Unabhängigkeit erlebte Guinea-Bissau im Bürgerkrieg von 1998 bis 1999. Im Juni 1998 rebellierte ein Teil der Streitkräfte unter General Ansumane Mané gegen Präsident Vieira, dem Korruption und illegale Waffenlieferungen an separatistische Rebellen im benachbarten Senegal vorgeworfen wurden. Schwere Kämpfe verwüsteten die Hauptstadt Bissau; Senegal und Guinea entsandten Truppen zur Unterstützung Vieiras. Ein Friedensabkommen wurde mehrfach gebrochen, bis ein Militärjunta im Mai 1999 Vieira endgültig absetzte und ins Exil zwang.
Demokratischer Neustart und erneute Instabilität (2000er Jahre)
Im Jahr 2000 gewann Kumba Ialá die ersten freien Präsidentschaftswahlen – auch er wurde 2003 durch einen Militärputsch gestürzt. Vieira kehrte nach Jahren im Exil zurück und gewann 2005 erneut die Präsidentschaftswahl. Am 2. März 2009 wurde er von Militärangehörigen ermordet, nur einen Tag nachdem der Armeechef bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. Die politische Gewalt hatte einen neuen Tiefpunkt erreicht.
Guinea-Bissau entwickelte sich in dieser Zeit zu einem bedeutenden Transitzentrum für den internationalen Drogenhandel, insbesondere für südamerikanisches Kokain auf dem Weg nach Europa. Korruption durchdrang Militär, Justiz und Verwaltung bis in die obersten Ebenen.
Weitere Putsche und politische Lähmung (2010er Jahre)
Im April 2012 putschte das Militär erneut, kurz vor einer Stichwahl um die Präsidentschaft. Eine Übergangsregierung unter internationaler Beobachtung leitete den Weg zurück zur Demokratie ein. José Mário Vaz gewann die Wahlen im Juni 2014 und brachte zunächst Hoffnung auf Stabilität. Doch auch seine Amtszeit war von endlosen Regierungskrisen, Entlassungen von Premierministern und parlamentarischen Blockaden geprägt. Zwischen 2015 und 2019 hatte das Land sieben verschiedene Premierminister.
Präsident Embaló und der Putsch von 2025
Im Februar 2020 wurde Umaro Sissoco Embaló nach einer umstrittenen Wahl und juristischen Auseinandersetzungen als Präsident vereidigt. Embaló, ein ehemaliger Militärkommandant, regierte mit autoritärer Hand: Im Dezember 2023 löste er das Parlament auf und berief sich dabei auf einen angeblichen Putschversuch.
Am 23. November 2025 fanden lang erwartete Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Nur drei Tage später, am 26. November 2025, verkündete eine Gruppe hochrangiger Militärs, eine Manipulation der Wahlergebnisse aufgedeckt zu haben. Präsident Embaló wurde festgenommen; General Horta Inta-A Na Man übernahm die Führung des neu gegründeten „Obersten Militärkommandos". Internationale Beobachter und die ECOWAS (Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft) verurteilten den Putsch scharf. Unklar blieb, ob Embaló den Staatsstreich selbst inszeniert hatte, nachdem er die Wahl verloren zu haben schien, oder ob es sich um eine echte Machtübernahme des Militärs handelte.
Am 22. Januar 2026 erließ das Militärkommando ein Dekret, das Neuwahlen für den 6. Dezember 2026 ansetzt – sowohl für das Parlament als auch für das Präsidentenamt.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Guinea-Bissau unabhängig?
Guinea-Bissau erklärte am 24. September 1973 einseitig seine Unabhängigkeit von Portugal. Die offizielle Anerkennung durch Portugal erfolgte am 10. September 1974, nach der demokratischen Nelkenrevolution in Lissabon. Der 24. September gilt als Nationalfeiertag.
Wer war Amílcar Cabral?
Amílcar Cabral (1924–1973) war der Gründer der Befreiungsbewegung PAIGC und der bedeutendste Vordenker des Unabhängigkeitskampfes Guinea-Bissaus und Kap Verdes. Er gilt als Nationalheld beider Länder und als einer der wichtigsten Theoretiker der afrikanischen Befreiungsbewegungen weltweit. Er wurde am 20. Januar 1973 in Conakry ermordet.
Wie viele Putsche gab es in Guinea-Bissau seit der Unabhängigkeit?
Seit der Unabhängigkeit 1973/74 hat Guinea-Bissau mehr als neun Putschversuche erlebt, von denen mindestens fünf erfolgreich waren. Der bislang letzte erfolgreiche Militärputsch fand im November 2025 statt.
Welche Rolle spielt der Drogenhandel in Guinea-Bissau?
Seit den 2000er Jahren ist Guinea-Bissau zu einem wichtigen Transitland für südamerikanisches Kokain auf dem Weg nach Europa geworden. Die Durchdringung von Militär, Justiz und Politik durch Drogengelder gilt als eine der strukturellen Ursachen für die anhaltende politische Instabilität des Landes.
Was geschah beim Putsch von 2025 in Guinea-Bissau?
Am 26. November 2025, drei Tage nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, übernahm das Militär unter General Horta Inta-A Na Man die Macht. Präsident Umaro Sissoco Embaló wurde festgenommen. Das Militärkommando begründete den Putsch mit einer angeblichen Manipulation der Wahlergebnisse. Für den 6. Dezember 2026 wurden Neuwahlen angesetzt.