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Der Schlieffen-Plan: Was er war und warum er scheiterte

Veröffentlicht 22. Mai 2026

Was war der Schlieffen-Plan und warum scheiterte er?

Der Schlieffen-Plan gilt als eines der bekanntesten und zugleich folgenreichsten militärischen Konzepte der Neuzeit. Als Deutschland im August 1914 in den Ersten Weltkrieg eintrat, sollte dieser Plan einen Blitzkrieg gegen Frankreich ermöglichen, bevor Russland vollständig mobilisiert war. Dass der Plan scheiterte, veränderte den Verlauf des Krieges grundlegend und leitete den langen Stellungskrieg an der Westfront ein, der Millionen von Menschenleben kosten sollte. Kaum ein militärhistorisches Konzept ist so oft analysiert, verteidigt und angefochten worden wie dieser Plan, der den Ersten Weltkrieg hätte verkürzen sollen und stattdessen zu seiner Verlängerung beitrug.

Was war der Schlieffen-Plan und warum scheiterte er?

Der Ursprung: Das Dilemma des Zweifrontenkriegs

Alfred Graf von Schlieffen war von 1891 bis 1905 Chef des deutschen Generalstabs. In dieser Funktion entwickelte er eine strategische Antwort auf das Dilemma, das Deutschland seit dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 bedrohte: die Möglichkeit eines gleichzeitigen Krieges gegen Frankreich im Westen und Russland im Osten. Dieses Zweifrontenkrieg-Szenario hatte die preußisch-deutschen Generalstäbe seit Jahrzehnten beunruhigt, denn die Ressourcen des Deutschen Reiches reichten nach allgemeiner militärischer Einschätzung nicht aus, um zwei vollständig mobilisierte Großmächte gleichzeitig zu besiegen.

Bismarck hatte durch sein Bündnissystem versucht, dieses Szenario zu verhindern. Als Kaiser Wilhelm II. das Rückversicherungsabkommen mit Russland 1890 nicht erneuerte und Bismarck entließ, schloss Russland 1892/93 ein Bündnis mit Frankreich, das genau das Zweifronten-Szenario schuf, das deutsche Strategen fürchteten. Schlieffens Aufgabe war es, einen Ausweg zu finden.

Schlieffens Lösung war keine militärische, sondern eine strategisch-zeitliche: Deutschland sollte die Differenz in der Mobilisierungsgeschwindigkeit ausnutzen. Russland, so die Kalkulation, brauchte für die vollständige Mobilisierung seiner riesigen, auf einem riesigen Territorium verteilten Armee sechs bis acht Wochen. In dieser Zeitspanne sollte Frankreich im Westen niedergeworfen werden. Danach sollten die gesamten deutschen Truppen nach Osten verlegt werden, um Russland zu bekämpfen, bevor dessen Aufmarsch abgeschlossen war. Die Eisenbahn als strategisches Transportmittel war das Rückgrat dieses Zeitplans.

Der eigentliche Schlieffen-Plan in seiner Endform, überliefert in einem Memorandum von 1905, sah einen massiven Umfassungsangriff auf Frankreich durch Belgien und Luxemburg vor. Der rechte Flügel des deutschen Heeres sollte wie ein gewaltiger Haken um Paris herumschwingen, die französischen Armeen von Norden und Westen umzingeln und sie gegen die deutschen Truppen an der Ostgrenze Frankreichs in eine Zange nehmen. Schlieffen soll diesen Gedanken mit den Worten zusammengefasst haben: "Der rechte Flügel stark machen."

Die strategische Logik des Umfassungsplans

Der Plan beruhte auf dem antiken Vorbild der Schlacht von Cannae aus dem Jahr 216 v. Chr., in der der karthagische Feldherr Hannibal die zahlenmäßig überlegenen Römer durch eine doppelte Umfassungsbewegung vernichtend schlug. Schlieffen war ein profunder Kenner der Militärgeschichte, verfasste selbst eine Studie über Cannae und glaubte, dass diese Zangenbewegung das entscheidende Muster des militärischen Sieges darstellte und auf die moderne Kriegsführung übertragen werden konnte.

Die operative Idee war kühn: Der rechte (nördliche) Flügel sollte sieben Achtel aller verfügbaren deutschen Divisionen erhalten und durch das neutrale Belgien marschieren, dessen Verletzung der deutschen Militärplanung bewusst in Kauf genommen wurde. Die politischen Konsequenzen dieser Neutralitätsverletzung, insbesondere der mögliche Kriegseintritt Großbritanniens als Garantiemacht der belgischen Neutralität, wurden von Schlieffen offensichtlich als beherrschbar eingestuft. Dieser Fehler in der politischen Gesamtkalkulation sollte sich als gravierend erweisen.

Der starke rechte Flügel sollte Belgien und Nordfrankreich durchqueren, Paris westlich umgehen und die französischen Armeen, die man in einem Gegenangriff an der deutschen Ostgrenze (Elsass-Lothringen) erwartete, von hinten aufrollen. Der linke (südliche) Flügel sollte bewusst schwächer gehalten werden. Wenn die Franzosen dort angriffen und Terrain gewannen, sah Schlieffen darin kein Problem, sondern sogar eine strategische Chance: Jeder französische Vorstoß nach Osten erleichterte die Umfassung durch den rechten Flügel. Die Franzosen sollten buchstäblich in eine vorbereitete Falle laufen.

Die Zeitplanung war extrem straff kalkuliert. Der Plan sah vor, Frankreich in maximal sechs Wochen zu besiegen, um dann die Truppen per Eisenbahn nach Osten zu verlegen und Russland anzugreifen. Diese Kalkulation ließ kaum Spielraum für Verzögerungen, unerwarteten Widerstand oder logistische Probleme. Sie setzte voraus, dass belgischer und britischer Widerstand rasch überwunden werden würden, was sich als irrige Annahme erwies.

Moltke der Jüngere und die Abänderungen

Als Helmuth von Moltke der Jüngere 1906 Schlieffens Nachfolger als Generalstabschef wurde, übernahm er den Plan, modifizierte ihn aber in entscheidenden Punkten. Diese Veränderungen sind bis heute Gegenstand historischer Debatten darüber, ob der "eigentliche" Schlieffen-Plan überhaupt jemals ausprobiert wurde oder ob das Scheitern dem modifizierten Moltke-Plan zuzuschreiben ist.

Moltke stärkte den linken Flügel an der französisch-deutschen Grenze erheblich und schwächte damit den rechten Flügel relativ ab. Das Kräfteverhältnis verschob sich von dem von Schlieffen angestrebten Verhältnis von etwa 7:1 (rechts zu links) auf rund 3:1. Moltkes Begründung war pragmatisch: Ein zu schwacher linker Flügel könnte bei einem starken französischen Angriff zusammenbrechen, was innenpolitisch und militärisch nicht akzeptabel schien. Außerdem war Deutschland unter dem Druck der Rüstungskonkurrenz, und die absoluten Truppenzahlen waren gestiegen, auch wenn das Verhältnis zwischen den Flügeln sich verschlechterte.

Außerdem plante Moltke, mehrere Armekorps aus dem Angriff auf Frankreich abzuziehen, sobald Russland an der Ostfront ernsthafte Erfolge erzielte, was die Flexibilität des Plans weiter einschränkte. Als im August 1914 russische Truppen in Ostpreußen eindrangen, löste er diesen Plan tatsächlich ein und zog zwei Korps ab, genau in dem Moment, als sie im Westen gebraucht wurden. Kritiker, darunter spätere Historiker und damalige Offiziere, sahen in diesen Änderungen den Kern des späteren Scheiterns.

Der Feldzug von 1914: Anfangserfolge und erste Probleme

Bei Kriegsbeginn im August 1914 lief der Plan zunächst nach Schema ab. Die deutschen Armeen marschierten durch Luxemburg und Belgien, überwältigten nach anfangs zähem Widerstand die belgischen Festungen, besiegten eine britische Expeditionsarmee bei Mons und drängten die Franzosen nach Süden. Die Hauptstadt Paris schien in greifbarer Nähe, und in deutschen Militärstäben herrschte vorsichtiger Optimismus.

Doch bereits in dieser frühen Phase traten Probleme auf, die den Plan zu untergraben begannen. Der belgische Widerstand, insbesondere um die Festungsstadt Lüttich, verlangsamte den deutschen Vormarsch um mehrere kritische Tage. Schwere Artillerie musste herangeführt werden, um die Forts zu brechen, was Zeit kostete, die in einem auf tage- und stundengenaue Zeitplanung angewiesenen Plan nicht vorhanden war.

Die Logistik erwies sich als weit schwieriger als geplant. Hunderttausende Soldaten und ihre Pferde mussten auf dem Vormarsch mit Nahrung, Munition und Material versorgt werden. Die Eisenbahnen, die für den schnellen Aufmarsch so wichtig waren, endeten dort, wo die belgischen Eisenbahnen begannen, und die deutschen Versorgungskolonnen kamen auf schlechten belgischen Landstraßen mit dem Marschtempo der Infanterie kaum mit. Soldaten marschierten wochenlang täglich bis zu 40 Kilometer und waren physisch erschöpft, als sie die entscheidenden Schlachten zu schlagen hatten. Pferde starben massenhaft an Erschöpfung und Hunger.

Gleichzeitig mobilisierte Russland schneller als erwartet. Schon im August 1914 rückte die russische Armee in Ostpreußen ein und besiegte eine deutsche Truppe in der Schlacht bei Gumbinnen. Die Panik, die dies in Teilen des deutschen Führungsapparats auslöste, veranlasste Moltke, zwei kampfkräftige Armekorps von der Westfront abzuziehen und nach Osten zu verlegen. Diese Korps kamen zu spät für die Entscheidungsschlacht bei Tannenberg und fehlten beim entscheidenden Angriff im Westen.

Das Scheitern an der Marne

Der entscheidende Wendepunkt war die erste Marneschlacht vom 5. bis 12. September 1914. Kurz vor Paris bog die deutsche Erste Armee unter General Alexander von Kluck nicht nach Westen um Paris herum, wie der ursprüngliche Plan es vorsah, sondern nach Osten an Paris vorbei, um den Kontakt zur deutschen Zweiten Armee nicht zu verlieren. Diese Abweichung öffnete eine Lücke zwischen den beiden Armeen westlich von Paris.

Ob diese Lageänderung auf Befehlswirrwarr, die Erschöpfung der Truppen, eigenständige operative Entscheidungen Klucks oder eine Kombination all dieser Faktoren zurückging, ist historisch umstritten. Entscheidend ist, dass die Franzosen und Briten diese Lücke erkannten und nutzten. Die französische Sechste Armee, teils mithilfe von mehr als 600 Pariser Taxis, die kurzfristig als Truppentransporter eingesetzt wurden, griff Klucks offene Flanke an. Das wurde zur Legende vom "Wunder an der Marne".

Moltke, der die Lage im Hauptquartier in Koblenz, fernab der Front, schlecht beurteilen konnte, verlor die Nerven. Er sandte einen Adjutanten, Oberstleutnant Richard Hentsch, mit vermutlich weitreichenden Vollmachten an die Front. Hentsch trug wesentlich dazu bei, dass am 14. September 1914 der Rückzug hinter den Fluss Aisne befohlen wurde. Damit war der Plan gescheitert: Aus dem geplanten Bewegungskrieg wurde ein Stellungskrieg, der noch vier Jahre dauern sollte.

Moltke selbst soll nach der Niederlage an der Marne dem Kaiser gemeldet haben: "Majestät, wir haben den Krieg verloren." Er wurde kurz darauf als Generalstabschef abgelöst und durch Erich von Falkenhayn ersetzt, ohne dass dieser Führungswechsel zunächst öffentlich bekannt gemacht wurde, um die Moral der Truppe nicht zu untergraben.

Warum der Plan scheiterte: Die wichtigsten Ursachen

Historiker streiten bis heute über die genaue Gewichtung der Ursachen. Doch lassen sich mehrere Faktoren klar benennen, die zusammenwirkten:

  • Die Modifizierungen Moltkes schwächten den entscheidenden rechten Flügel und unterminierten die eigentliche Idee des Plans.
  • Der belgische Widerstand und die Zerstörung von Eisenbahnbrücken verlangsamten den Vormarsch um kritische Tage.
  • Die Versorgungslogistik für Hunderttausende Soldaten auf einem raschen Vormarsch war mit den damaligen Mitteln kaum beherrschbar.
  • Russland mobilisierte schneller als kalkuliert, was zum vorzeitigen Abzug von Truppen aus dem Westen führte.
  • Die Erschöpfung der deutschen Soldaten nach wochenlangen Gewaltmärschen reduzierte die Kampfkraft erheblich.
  • Operative Fehler auf dem Gefechtsfeld, insbesondere die Lücke zwischen Erster und Zweiter Armee vor Paris, ermöglichten den Gegenangriff.
  • Die Führungsstruktur versagte: Moltke im Hauptquartier hatte keinen klaren Überblick und konnte nicht rechtzeitig koordinierend eingreifen.
  • Der Kriegseintritt Großbritanniens wurde in der politischen Kalkulation des Plans unterschätzt.

Einige Historiker, darunter Gerhard Ritter, argumentierten, der Plan sei grundsätzlich unrealisierbar gewesen, weil er die tatsächlich verfügbaren Truppenstärken überschätzte und logistische Realitäten ignorierte. Andere, wie John Keegan, betonen, dass die Veränderungen Moltkes entscheidend waren. Eine dritte Gruppe, repräsentiert durch Terence Holmes, vertritt die Ansicht, dass ein konsequent nach Schlieffen durchgeführter Plan bessere Chancen gehabt hätte, aber dass Schlieffen selbst einen für seine Ziele unzureichenden Plan hinterlassen hatte, weil er mehr Truppen forderte, als das Deutsche Reich aufstellen konnte.

Historische Bedeutung und Nachwirkung

Das Scheitern des Schlieffen-Plans hatte weitreichende historische Folgen. Der erhoffte schnelle Sieg im Westen blieb aus, und Deutschland befand sich nun tatsächlich in jenem Zweifrontenkrieg, den der Plan hatte verhindern sollen. Der Stellungskrieg in Frankreich und Belgien, die zermürbenden Schlachten um Verdun und an der Somme 1916, das langsame Aushungern Deutschlands durch die britische Seeblockade, all das war direkte Konsequenz des gescheiterten Plans und seiner Prämisse, den Krieg in Wochen zu entscheiden.

Die strategische Lehre, die viele Militärplaner zogen, war die Notwendigkeit beweglicherer, flexiblerer Pläne anstelle starrer Zeitpläne. Die Blitzkrieg-Taktik der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, mit ihrer Betonung von Geschwindigkeit, Initiative auf taktischer Ebene und Durchbruch statt Umfassung, war teils eine Antwort auf das Problem der immobilen Westfront, die 1914 aus dem Scheitern des Plans entstanden war.

Für das Völkerrecht hatte der Schlieffen-Plan ebenfalls Bedeutung: Die Verletzung der belgischen Neutralität, die der Plan unausweichlich erforderte, war einer der moralischen Ankerpunkte der alliierten Kriegspropaganda und half, die öffentliche Meinung in Großbritannien für den Kriegseintritt zu mobilisieren. Das Argument der "Verteidigung des kleinen Belgiens" gegen die deutsche Aggression war politisch mächtig und hatte strategische Konsequenzen, die im Plan nicht eingeplant gewesen waren.

Häufig gestellte Fragen

Was war das Ziel des Schlieffen-Plans?

Das Ziel war es, einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, indem Frankreich in einem schnellen Angriff durch Belgien innerhalb von sechs bis acht Wochen besiegt werden sollte, bevor Russland vollständig mobilisiert war. Danach sollten die deutschen Truppen mit der Eisenbahn nach Osten verlegt werden, um Russland zu schlagen. Das Zeitfenster war auf die langsame russische Mobilmachung abgestimmt.

Warum marschierte Deutschland durch Belgien?

Belgien bot den strategisch direktesten Weg, um die starken französischen Grenzverteidigungen in Elsass-Lothringen zu umgehen. Ein Frontalangriff auf die befestigte Ostgrenze Frankreichs hätte enorme Verluste bedeutet. Durch Belgien konnte der rechte Flügel einen weiten Umfassungsbogen schlagen. Dass Belgiens Neutralität dabei verletzt wurde, löste den Kriegseintritt Großbritanniens aus, was die deutschen Strategen unterschätzt hatten.

Wann scheiterte der Schlieffen-Plan endgültig?

Das endgültige Scheitern fand bei der ersten Marneschlacht Anfang September 1914 statt. Am 14. September 1914 befahl Generalstabschef Moltke den Rückzug hinter die Aisne. Aus dem geplanten Bewegungskrieg wurde ein Stellungskrieg. Moltke wurde kurz darauf als Generalstabschef abgelöst, allerdings ohne öffentliche Bekanntmachung.

Hat Schlieffen selbst den Plan je für realisierbar gehalten?

Das ist historisch umstritten. Schlieffen arbeitete bis kurz vor seinem Tod 1913 an Verbesserungen des Plans. Ob er es als realistisch umsetzbar oder eher als theoretisches Optimal-Szenario betrachtete, lässt sich aus den überlieferten Quellen nicht eindeutig schließen. Bekannt ist, dass er stets mehr Truppen forderte, als das Deutsche Reich tatsächlich zur Verfügung hatte.

Wie unterschied sich Moltkes Version vom Original?

Moltke stärkte den linken Flügel an der deutsch-französischen Grenze auf Kosten des rechten Flügels, der bei Schlieffen die entscheidende Stoßkraft tragen sollte. Das Kräfteverhältnis zwischen rechtem und linkem Flügel verschob sich von etwa 7:1 auf rund 3:1. Außerdem zog er im August 1914 zwei Armekorps an die Ostfront ab, als russische Truppen in Ostpreußen eindrangen, gerade als im Westen die entscheidenden Kämpfe bevorstanden.

Welche Rolle spielte der belgische Widerstand beim Scheitern?

Der belgische Widerstand, besonders um die Festungsstadt Lüttich, verlangsamte den deutschen Vormarsch um mehrere kritische Tage. Die Belgier zerstörten Eisenbahnbrücken, was die deutsche Versorgungslogistik erheblich störte und zur Erschöpfung der marschierenden Truppen beitrug. Zudem mobilisierte der belgische Widerstand die britische öffentliche Meinung für den Kriegseintritt, was Deutschland einen mächtigen Gegner mehr bescherte.