CCitopendia

Himmelsgöttin Nut: Ihre Rolle in der ägyptischen Mythologie

Veröffentlicht 29. Juli 2025 Aktualisiert 15. Juni 2026

Nut (auch: Nuit) ist eine der bedeutendsten Göttinnen des altägyptischen Pantheons. Als Personifikation des Himmels erstreckt sie sich schützend über die gesamte sichtbare Welt und verbindet in sich kosmologische, schöpferische und funeräre Funktionen. Ihr Name leitet sich vom altägyptischen Wort für Himmel ab, und ihr Kult ist in Texten und Bildwerken über drei Jahrtausende hinweg belegt – von den Pyramidentexten des Alten Reiches bis in die griechisch-römische Epoche Ägyptens.

Ikonographie: Das Bild der Himmelsgöttin

In der ägyptischen Bildkunst erscheint Nut fast immer in einer charakteristischen Pose: als nackte Frau, deren Körper sich in einem großen Bogen über die liegende Erdgestalt ihres Gemahls Geb spannt. Ihre Hände und Füße berühren dabei den Erdboden an den vier Himmelsrichtungen, während ihr mit Sternen übersäter Leib das Firmament bildet. Ihr Bruder und Vater Schu, der Gott der Luft, hält sie dabei von unten aufgestützt – eine visuelle Darstellung der kosmischen Ordnung, in der Himmel und Erde dauerhaft voneinander getrennt gehalten werden.

Alternativ wird Nut als Kuh dargestellt, deren Bauch das gestirnte Himmelsgewölbe symbolisiert. Dieses Bild findet sich besonders in Verbindung mit dem Sonnengott Ra und der kosmischen Kuh, die den Himmel trägt. Auf Sarkophagen und in Grabkammern erscheint sie häufig mit ausgebreiteten Flügeln, als Schützerin der Toten.

Herkunft und Familie: Der heliopolitanische Schöpfungsmythos

Nach dem heliopolitanischen Schöpfungsmythos – dem einflussreichsten Kosmogoniesystem des alten Ägypten – gehört Nut zur sogenannten Großen Neunheit (Enneade) von Heliopolis. Sie ist die Tochter von Schu, dem Gott der Luft und des Lichts, sowie von Tefnut, der Göttin der Feuchtigkeit. Ihr Großvater ist der Urgott Atum, der sich selbst erschaffen und aus dem Urgewässer Nun hervorgetreten ist.

Mit ihrem Bruder und Gemahl Geb, dem Gott der Erde, bildet Nut das kosmische Paar schlechthin: Himmel und Erde. Aus ihrer Vereinigung gehen fünf bedeutende Gottheiten hervor: Osiris, Horus der Ältere, Set, Isis und Nephthys. Diese Kinder stehen im Mittelpunkt einiger der bekanntesten Mythen Ägyptens, insbesondere des Osiris-Mythos um Tod, Auferstehung und göttliches Königtum.

Kosmologische Funktion: Hüterin des Himmelsgewölbes

Die kosmologische Rolle der Nut ist vielschichtig. Ihr Körper bildet das Himmelsgewölbe und trennt die geordnete Welt (Ma'at) von der chaotischen Urflut Nun, die das Universum ständig zu verschlingen droht. Ohne Nut würden die Wasser des Chaos herabstürzen und die Erde vernichten – sie ist damit buchstäblich das Fundament der kosmischen Ordnung.

Besonders zentral ist Nuts Rolle im täglichen Sonnenlauf. Nach ägyptischer Vorstellung verschluckt Nut jeden Abend die Sonnenscheibe des Ra, der daraufhin durch ihren Körper reist – eine Wanderung durch das Jenseits, die Nacht für Nacht stattfindet. Am Morgen gebiert Nut die Sonne neu aus ihrem Schoß im Osten, womit der Kreislauf von Tag und Nacht symbolisch als ewige Wiedergeburt gedeutet wird. Die Sterne, die auf ihrem Körper leuchten, sind die Seelen der Verstorbenen, die an dieser Reise teilhaben.

Der Mythos der fünf Schalttage

Einer der bekanntesten Mythen rund um Nut erklärt die Entstehung der fünf ägyptischen Schalttage (Epagomenen), die das 360-Tage-Jahr auf 365 Tage ergänzten. Der Sonnengott Ra hatte Nut verflucht, an keinem Tag des bestehenden Jahreskalenders Kinder gebären zu dürfen – aus Eifersucht auf ihre Verbindung mit Geb. Der Mondgott Thoth erspielte daraufhin im Würfelspiel mit dem Mond zusätzliche Zeitanteile, aus denen fünf neue Tage entstanden, die außerhalb des normalen Kalenders lagen. An diesen fünf Tagen konnte Nut nacheinander Osiris, Horus den Älteren, Set, Isis und Nephthys zur Welt bringen. Der Mythos erklärt damit nicht nur die Geburt der Götter, sondern auch eine reale kalendarische Besonderheit des ägyptischen Jahres.

Trennung von Geb: Der Ursprung der Weltordnung

Ein weiterer zentraler Mythos schildert die ursprüngliche Trennung von Nut und Geb. In der Urzeit lagen Himmel und Erde noch dicht aneinander geschmiegt, ununterscheidbar vermischt. Ihr Vater Schu trennte sie gewaltsam, hob Nut empor und hält sie seitdem über der Erde. Diese Trennung ist der eigentliche Schöpfungsakt: Erst durch sie entstand der Raum für die Welt, für das Leben und für den Lauf der Gestirne. Das Bild – Schu, der die Himmelsfrau aufstützt – gehört zu den ikonischsten Darstellungen der ägyptischen Kosmologie und findet sich in zahlreichen Tempeln und Papyri.

Nut im Totenkult: Mutter der Wiedergeburt

Kaum weniger bedeutend als ihre kosmische Funktion ist Nuts Rolle im altägyptischen Totenkult. Als Mutter des Osiris – des Gottes der Unterwelt und des Jenseits – ist sie naturgemäß mit Tod und Auferstehung verbunden. In den Pyramidentexten, den ältesten religiösen Schriftwerken der Menschheit (ab ca. 2400 v. Chr.), wird der verstorbene König mit Osiris gleichgesetzt und Nut als seine schützende Mutter angerufen.

Auf Sarkophagdeckeln ist Nut eine der am häufigsten dargestellten Gottheiten. Sie breitet ihre Arme oder Flügel über den Toten aus, nimmt ihn symbolisch in sich auf und verspricht ihm die gleiche Wiedergeburt, die Ra jeden Morgen aus ihr hervorgeht. Inschriften wie „Ich breite mich über dich aus in deinem Namen des Himmels" bezeugen diesen schützenden Aspekt. Der Glaube, dass die Toten durch Nut hindurchreisen und wie die Sonne neu geboren werden, war ein Kerngedanke der ägyptischen Jenseitsvorstellung.

Auch in den Sargtexten des Mittleren Reiches und im Ägyptischen Totenbuch des Neuen Reiches spielt Nut eine wichtige Rolle. Der Verstorbene bittet sie, ihn als ihr Kind anzunehmen und ihm ewiges Leben zu schenken. Die Innendeckel von Holzsärgen zeigen häufig eine großformatige Darstellung der Göttin, die den Toten buchstäblich umschließt.

Kult und Verehrung

Nut besaß zwar keinen eigenen großen Tempel wie etwa Amun in Karnak oder Ptah in Memphis, doch ihre Verehrung durchzog die gesamte ägyptische Religiosität. Kultorte, an denen ihr besondere Bedeutung zukam, lagen unter anderem in Heliopolis (dem Zentrum des Sonnenkults) und in Dendera, wo sie im Zusammenhang mit Hathor verehrt wurde. Auf dem Deckengemälde des Hathor-Tempels in Dendera – heute eines der bekanntesten astronomischen Deckenbilder der Antike – ist Nut mit ihrem gestirnten Leib abgebildet.

Nuts Identität überschnitt sich gelegentlich mit anderen Himmelsgöttinnen, insbesondere mit Hathor, die ebenfalls als Himmelskuh verehrt wurde. In bestimmten Kontexten wurden beide Göttinnen miteinander verschmolzen oder als verschiedene Aspekte ein und derselben himmlischen Macht verstanden.

Häufig gestellte Fragen

Was symbolisiert die Göttin Nut in der ägyptischen Mythologie?

Nut symbolisiert das Himmelsgewölbe und trennt als kosmische Schutzmacht die geordnete Welt von der chaotischen Urflut. Ihr Körper, auf dem die Sterne leuchten, steht für den gestirnten Nachthimmel; täglich verschluckt sie die Sonne und gebiert sie morgens neu – ein Symbol für ewige Erneuerung und kosmische Ordnung.

Wer sind die Kinder der Göttin Nut?

Nut und ihr Gemahl Geb, der Erdgott, sind die Eltern von fünf wichtigen ägyptischen Gottheiten: Osiris, Horus der Ältere, Set, Isis und Nephthys. Nach dem Mythos der Schalttage wurden diese Kinder an den fünf Epagomenen geboren, die Thoth dem Mondgott abgewann.

Welche Rolle spielt Nut im Totenkult?

Nut gilt als schützende Muttergottheit der Toten. Auf Sarkophagen breitet sie ihre Flügel über die Verstorbenen aus und verspricht ihnen Wiedergeburt – analog zur täglichen Neugeburt der Sonne aus ihrem Schoß. Sie nimmt die Seelen der Toten in sich auf und führt sie durch die Nacht des Jenseits ins neue Leben.

Wie wird Nut bildlich dargestellt?

Die häufigste Darstellung zeigt Nut als nackte Frau, die sich in einem Bogen über die liegende Gestalt des Erdgottes Geb wölbt, gestützt von Schu, dem Gott der Luft. Ihr Körper ist mit Sternen bedeckt. Alternativ erscheint sie als geflügelte Frau auf Sarkophagdeckeln oder als Himmelskuh.

In welchem Verhältnis steht Nut zum Sonnengott Ra?

Nut und Ra sind durch den täglichen Sonnenlauf verbunden: Jeden Abend verschluckt Nut die untergehende Sonne, die dann durch ihren Körper durch die Nacht reist. Am Morgen wird Ra neu aus ihr geboren. Dieser Kreislauf symbolisiert die ewige Erneuerung des Lebens und war ein zentrales Element der ägyptischen Kosmologie.

{"@context":"https://schema.org","@type":"FAQPage","mainEntity":[{"@type":"Question","name":"Was symbolisiert die Göttin Nut in der ägyptischen Mythologie?","acceptedAnswer":{"@type":"Answer","text":"Nut symbolisiert das Himmelsgewölbe und trennt als kosmische Schutzmacht die geordnete Welt von der chaotischen Urflut. Ihr Körper, auf dem die Sterne leuchten, steht für den gestirnten Nachthimmel; täglich verschluckt sie die Sonne und gebiert sie morgens neu – ein Symbol für ewige Erneuerung und kosmische Ordnung."}},{"@type":"Question","name":"Wer sind die Kinder der Göttin Nut?","acceptedAnswer":{"@type":"Answer","text":"Nut und ihr Gemahl Geb, der Erdgott, sind die Eltern von fünf wichtigen ägyptischen Gottheiten: Osiris, Horus der Ältere, Set, Isis und Nephthys. Nach dem Mythos der Schalttage wurden diese Kinder an den fünf Epagomenen geboren, die Thoth dem Mondgott abgewann."}},{"@type":"Question","name":"Welche Rolle spielt Nut im Totenkult?","acceptedAnswer":{"@type":"Answer","text":"Nut gilt als schützende Muttergottheit der Toten. Auf Sarkophagen breitet sie ihre Flügel über die Verstorbenen aus und verspricht ihnen Wiedergeburt – analog zur täglichen Neugeburt der Sonne aus ihrem Schoß. Sie nimmt die Seelen der Toten in sich auf und führt sie durch die Nacht des Jenseits ins neue Leben."}},{"@type":"Question","name":"Wie wird Nut bildlich dargestellt?","acceptedAnswer":{"@type":"Answer","text":"Die häufigste Darstellung zeigt Nut als nackte Frau, die sich in einem Bogen über die liegende Gestalt des Erdgottes Geb wölbt, gestützt von Schu, dem Gott der Luft. Ihr Körper ist mit Sternen bedeckt. Alternativ erscheint sie als geflügelte Frau auf Sarkophagdeckeln oder als Himmelskuh."}},{"@type":"Question","name":"In welchem Verhältnis steht Nut zum Sonnengott Ra?","acceptedAnswer":{"@type":"Answer","text":"Nut und Ra sind durch den täglichen Sonnenlauf verbunden: Jeden Abend verschluckt Nut die untergehende Sonne, die dann durch ihren Körper durch die Nacht reist. Am Morgen wird Ra neu aus ihr geboren. Dieser Kreislauf symbolisiert die ewige Erneuerung des Lebens und war ein zentrales Element der ägyptischen Kosmologie."}}]}

Verwandte Artikel