Kasimir Malewitsch: Schöpfer des Schwarzen Quadrats
Das Schwarze Quadrat gilt als eines der radikalsten und einflussreichsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts. Sein Schöpfer ist der russisch-ukrainische Maler Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch (1879–1935), Begründer des Suprematismus und einer der bedeutendsten Vertreter der russischen Avantgarde. Mit einem schlichten schwarzen Viereck auf weißem Grund läutete er 1915 eine neue Ära der abstrakten Kunst ein und stellte die Frage, was Malerei überhaupt sein kann.
Wer war Kasimir Malewitsch?
Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch wurde am 23. Februar 1879 (nach dem gregorianischen Kalender) in Kiew im Russischen Kaiserreich als Sohn polnischer Eltern geboren. Schon als Jugendlicher entdeckte er seine Leidenschaft für die bildende Kunst: Von 1895 bis 1896 besuchte er eine Zeichenschule in Kiew, 1904/05 studierte er an der Moskauer Schule für Malerei, Plastik und Architektur.
In seiner frühen Phase ließ er sich von Impressionismus, Fauvismus und Kubismus beeinflussen, bevor er zu einer radikal eigenen Position fand. Malewitsch verstand sich nicht allein als Maler, sondern auch als Kunsttheoretiker: Er formulierte Manifeste, lehrte an Kunsthochschulen und diskutierte die Grundlagen der Malerei auf philosophischer Ebene. Den Begriff Suprematismus verwendete er erstmals 1913 auf einem Futuristenkongress in Finnland, bevor er ihn 1915 mit seinem berühmtesten Werk in die Praxis umsetzte.
Das Schwarze Quadrat: Entstehung und erste Ausstellung
Die erste Version des Schwarzen Quadrats entstand 1915. Malewitsch malte mit breiten Pinselstrichen schwarze Ölfarbe auf eine Leinwand von 79,5 × 79,5 cm. Das Werk ist dabei bewusst imperfekt: Das Quadrat ist nicht exakt, die Oberfläche ungleichmäßig. Genau das war keine Schwäche, sondern Absicht — kein geometrisches Konstrukt aus dem Reißbrett, sondern ein gemaltes, handgemachtes Objekt.
Im Dezember 1915 stellte Malewitsch das Bild erstmals in Petrograd (dem heutigen Sankt Petersburg) aus, auf der Ausstellung mit dem bezeichnenden Titel Die letzte futuristische Ausstellung der Bilder 0,10. Die Art, wie er das Werk präsentierte, war ebenso programmatisch wie das Bild selbst: Es hing hoch oben in der Ecke des Raumes — exakt an der Stelle, an der in russisch-orthodoxen Haushalten traditionell die Heiligenikone ihren Platz hat. Malewitsch ersetzte das religiöse Bild durch ein abstraktes schwarzes Quadrat und erklärte es damit zur neuen Ikone der Moderne.
Suprematismus: Die Idee hinter dem Werk
Der Suprematismus, den Malewitsch mit diesem Gemälde begründete, basiert auf einem radikalen Gedanken: Kunst soll sich vollständig von der Darstellung der Gegenstandswelt befreien. Was bleibt, sind geometrische Grundformen — Quadrate, Kreise, Rechtecke, Kreuze — und reine Farbe. Ziel ist nicht die Abbildung von Realität, sondern das direkte Auslösen von Empfindung durch Form.
Im suprematistischen Manifest, das 1915 erschien, schrieb Malewitsch von einem verzweifelten Kampf, die Kunst vom Ballast der gegenständlichen Welt zu befreien. Das Schwarze Quadrat beschrieb er als den Nullpunkt der Malerei — einen radikalen Neuanfang, der alle bisherigen Konventionen verwarf. Malewitsch erklärte zudem, er habe das Bild in einem Zustand mystischer Trance erschaffen, unter dem Einfluss eines kosmischen Bewusstseins.
Vier Versionen des Schwarzen Quadrats
Malewitsch schuf insgesamt vier Versionen des Schwarzen Quadrats — 1915, um 1923, 1929 und eine vierte undatierte Version. Die erste und bekannteste Fassung befindet sich heute in der Tretjakow-Galerie in Moskau. Die übrigen Versionen sind im Russischen Museum in Sankt Petersburg sowie in der Eremitage zu sehen.
Die verschiedenen Fassungen unterscheiden sich in Farbton, Textur und Größe. Malewitsch kehrte immer wieder zu dem Motiv zurück — nicht aus Einfallslosigkeit, sondern weil er das Schwarze Quadrat als das zentrale Symbol seiner Kunsttheorie betrachtete, das er kontinuierlich weiterentwickelte.
Geheimnisse unter der Oberfläche: Entdeckungen aus dem Jahr 2015
Im Jahr 2015, zum hundertjährigen Jubiläum des Werkes, untersuchten Wissenschaftler der Tretjakow-Galerie das Original mit moderner Röntgen- und Infrarottechnik. Die Ergebnisse waren aufsehenerregend: Unter der schwarzen Oberfläche befinden sich zwei ältere Gemälde — Malewitsch hatte frühere Werke übermalt. Außerdem wurde eine handschriftliche Inschrift entdeckt, die Graphologen Malewitsch selbst zuschreiben.
Die Inschrift wurde weitgehend entziffert und lautet sinngemäß: Ein Kampf von Afrikanern in einer dunklen Höhle. Das ist eine Anspielung auf das Werk Combat de nègres dans une cave, pendant la nuit (Kampf von Negern in einer Höhle, bei Nacht) des französischen Künstlers Paul Bilhaud aus dem Jahr 1882 — einer der frühesten bekannten vollständig schwarzen Leinwände überhaupt. Ob Malewitsch von Bilhauds Werk direkt beeinflusst wurde oder die Inschrift ein ironischer Kommentar war, ist bis heute Gegenstand kunsthistorischer Diskussion.
Malewitschs späteres Leben und Vermächtnis
Die revolutionäre Begeisterung, mit der die russische Avantgarde nach 1917 zunächst die neue Sowjetmacht begrüßte, schlug für Malewitsch in den 1930er Jahren in Verfolgung um. Die stalinistische Kulturpolitik lehnte abstrakte Kunst zugunsten des sozialistischen Realismus ab. Malewitsch wandte sich zuletzt wieder der gegenständlichen Malerei zu, versah Porträts jedoch mit suprematistischen Elementen als stille Signatur seiner Überzeugungen.
Kasimir Malewitsch starb am 15. Mai 1935 in Leningrad an Krebs. Er wurde in einem Sarg beigesetzt, den er selbst entworfen hatte — auf dessen Deckel war das Schwarze Quadrat abgebildet. Sein Grab erhielt zunächst einen weißen Kubus als Grabstein, der ebenfalls mit dem Schwarzen Quadrat versehen war.
Sein Einfluss auf die Kunstgeschichte ist kaum zu überschätzen. Der Suprematismus prägte den Konstruktivismus, das Bauhaus, die konkrete Kunst und den Minimalismus. Das Schwarze Quadrat selbst ist heute nicht nur ein Gemälde, sondern ein kulturelles Symbol — es steht für den Bruch mit der Tradition, für die Frage nach dem Wesen der Kunst und für die Radikalität des modernen Denkens.
Häufig gestellte Fragen
Wer hat das Schwarze Quadrat gemalt?
Das Schwarze Quadrat wurde von dem russisch-ukrainischen Maler Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch (1879–1935) geschaffen. Die erste Version entstand 1915 und wurde im Dezember desselben Jahres in Petrograd (heute Sankt Petersburg) erstmals ausgestellt.
Wo befindet sich das Schwarze Quadrat heute?
Die bekannteste erste Version aus dem Jahr 1915 wird in der Tretjakow-Galerie in Moskau aufbewahrt. Weitere drei Versionen des Werkes befinden sich im Russischen Museum in Sankt Petersburg sowie in der Eremitage.
Was bedeutet das Schwarze Quadrat?
Malewitsch bezeichnete das Schwarze Quadrat als den „Nullpunkt der Malerei" — einen radikalen Neuanfang, der die Kunst von jeder Gegenstandsdarstellung befreit. Es steht als Schlüsselwerk des Suprematismus für die Idee, dass reine geometrische Form und Farbe allein in der Lage sind, tiefe Empfindungen auszulösen.
Was wurde unter dem Schwarzen Quadrat entdeckt?
Röntgenuntersuchungen aus dem Jahr 2015 zeigten, dass Malewitsch zwei ältere Gemälde übermalt hatte. Zudem wurde eine handschriftliche Inschrift gefunden, die sinngemäß lautet: „Ein Kampf von Afrikanern in einer dunklen Höhle" — eine Anspielung auf ein völlig schwarzes Gemälde des Franzosen Paul Bilhaud aus dem Jahr 1882.
Wie viele Versionen des Schwarzen Quadrats gibt es?
Es existieren vier Versionen des Schwarzen Quadrats, die Malewitsch in den Jahren 1915, um 1923, 1929 und in einem vierten, undatierten Exemplar schuf. Alle vier gelten als eigenständige Werke, wobei die erste Version von 1915 die bekannteste ist.