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Candle in the Wind: Entstehung des Jahrhundertsongs

Veröffentlicht 22. Mai 2026 Aktualisiert 15. Juni 2026

Candle in the Wind: Entstehung des Jahrhundertsongs

Wenige Songs der Popgeschichte haben so tiefe Spuren hinterlassen wie "Candle in the Wind" von Elton John und Bernie Taupin. Das Lied, das im Laufe von mehr als fünfzig Jahren zwei verschiedene, aber gleichermaßen bewegende Gestalten annahm, ist ein Zeugnis dafür, wie Musik historische Momente einzufangen und Menschen über Generationen und Landesgrenzen hinweg zu berühren vermag. Von einer nachdenklichen Hommage an eine missverstanden Ikone der 1960er Jahre wurde es zu einem der meistverkauften Singles in der Musikgeschichte - und seine Entstehungsgeschichte ist ebenso fesselnd wie die Melodie selbst.

Das Songwriting-Duo: Elton John und Bernie Taupin

Um die Entstehung von "Candle in the Wind" zu verstehen, muss man zunächst das kreative Duo betrachten, das hinter dem Lied steht. Elton John (bürgerlich Reginald Kenneth Dwight, geboren 1947 in Pinner, England) und Bernie Taupin (geboren 1950 in Sleaford, Lincolnshire) arbeiten seit 1967 zusammen - eine der erfolgreichsten und langlebigsten Songwriting-Partnerschaften der Musikgeschichte. Über fünf Jahrzehnte haben sie gemeinsam mehr als 30 Studioalben veröffentlicht und Dutzende internationaler Hits geschrieben.

Ihre Arbeitsteilung ist klar und seit Beginn ihrer Zusammenarbeit unverändert geblieben: Taupin schreibt die Texte - oft auf Reisen, in Hotels oder auf Flügen - und schickt sie an John. Dieser vertont sie, häufig innerhalb von weniger als einer Stunde, am Klavier, ohne dass die beiden dabei im selben Raum sitzen müssten. Diese ungewöhnliche Methode des Fernschreibens hat sich über Jahrzehnte bewährt und gibt jedem der beiden den nötigen künstlerischen Freiraum.

Taupin selbst bezeichnete seinen Schreibprozess als stark visuell und bildgetrieben: Er lässt sich von Bildern, Ausdrücken und Charakteren inspirieren, die ihn nicht loslassen, und baut daraus lyrische Erzählungen. "Candle in the Wind" ist ein besonders gelungenes Beispiel dafür, wie aus einem einzigen metaphorischen Ausdruck ein zeitloser Song entstehen kann.

Die Ursprungsidee: Eine Metapher für Ruhm und Vergänglichkeit

Das Lied entstand im Frühjahr 1973 auf der Basis eines Ausdrucks, der Taupin nicht losließ. In Interviews schilderte er, dass er die Formulierung "candle in the wind" - auf Deutsch etwa "Kerze im Wind" - zum ersten Mal aus dem Mund des US-Musikmanagers Clive Davis gehört hatte, als dieser über das kurze Leben und den frühen Tod der Sängerin Janis Joplin sprach. Die Metapher - eine Kerze, die im Wind flackert, bevor sie erlischt - traf Taupin als perfektes Bild für ein Leben, das plötzlich und vorzeitig ausbrennt.

Taupin wandte diese Metapher auf Marilyn Monroe an, die am 4. August 1962 im Alter von nur 36 Jahren gestorben war. In einem Monat vor dem Entstehen des Songs, im Januar 1973, schrieb Taupin die Texte nieder - die Originalhandschriften, datiert auf den 14. Januar 1973, wurden später bei Auktionshäusern wie Bonhams für mehr als eine Million Dollar versteigert. Sie tragen noch den Arbeitstitel "Marilyn Monroe".

Taupin betonte in späteren Interviews, dass er kein besonderer Monroe-Fan gewesen sei. Monroe fungierte für ihn eher als Symbol für einen universellen Gedanken: "Der Song hätte auch über James Dean, James Morrison, Montgomery Clift oder Janis Joplin sein können. Er handelt von der Idee von Ruhm oder Jugend, oder davon, dass jemand im Höhepunkt seines Lebens abgebrochen wird." Diese thematische Offenheit ist wohl einer der Gründe dafür, dass das Lied über Jahrzehnte seine Wirkkraft behielt.

Das Original von 1973: Hommage an Norma Jeane

Elton John vertonte Taupins Text für das Doppelalbum "Goodbye Yellow Brick Road", das im Oktober 1973 erschien. Das Album gilt heute als eines der bedeutendsten Alben der Rockgeschichte und markierte den Höhepunkt von Elton Johns früher Karriere. Neben "Candle in the Wind" enthielt es Klassiker wie die Titelmelodie "Goodbye Yellow Brick Road", "Bennie and the Jets", "Saturday Night's Alright for Fighting" und "Funeral for a Friend/Love Lies Bleeding".

Der Originaltext beginnt mit der Zeile "Goodbye, Norma Jean" - eine direkte Anspielung auf Marilyn Monroes bürgerlichen Namen Norma Jeane Mortenson. Der Text thematisiert Monroes Leben als ständige Spannung zwischen der Person und dem öffentlichen Mythos: die Einsamkeit hinter dem Glamour, die Schutzlosigkeit gegenüber dem Boulevardapparat und das Gefühl, nie wirklich als Mensch und nicht nur als Symbol gesehen zu werden. Zeilen wie "they set you on a treadmill and they made you change your name" treffen einen Nerv, der weit über Monroes spezifische Geschichte hinausgeht.

Musikalisch ist "Candle in the Wind" ein Meisterwerk der schlichten Intensität. Johns Klavierbegleitung ist nicht virtuos, sondern warmherzig und direkt. Keine unnötigen Ornamente lenken von der emotionalen Essenz ab. Zusammen mit dem langsamen Tempo und dem leichten Country-Einfluss entsteht eine Atmosphäre der Trauer, die auch nach Hunderten von Wiederholungen nicht abgestumpft wirkt.

Chartperformance der Original-Single

Die Albumversion erschien 1973, wurde aber erst 1974 als Single veröffentlicht. Im Vereinigten Königreich erreichte das Lied Platz 11 der Charts - ein achtbares, aber nicht überragendes Ergebnis. In den USA blieb die Single zunächst ohne besondere Charterfolge. Das Lied galt als Albumperk - tief geschätzt von Fans und Kritikern, aber kein massenhafter Hits wie "Crocodile Rock" oder "Rocket Man". Diese moderate Resonanz sollte sich über zwei Jahrzehnte später auf dramatische Weise ändern.

In den Jahren nach 1974 entwickelte sich "Candle in the Wind" zum festen Bestandteil von Elton Johns Liveauftritten. Das Konzertalbum "Here and There" (1976) enthielt eine Liveaufnahme aus der Royal Festival Hall in London, die das Lied einem breiteren Publikum zugänglich machte. Bei Live-Auftritten entstand beim Erklingen der ersten Klavierakkorde regelmäßig eine spürbare Stille im Publikum - ein Zeichen für die besondere emotionale Qualität des Stückes.

Diana, Prinzessin von Wales: Das Lied erhält ein neues Gesicht

Der 31. August 1997 veränderte die Welt. Diana, Prinzessin von Wales, starb in den frühen Morgenstunden bei einem Autounfall im Pariser Tunnel Pont de l'Alma. Ihr Tod löste eine Welle des öffentlichen Trauerns aus, die in ihrer Intensität und globalen Reichweite ohne Vergleich war. Hunderttausende Menschen pilgerten zum Buckingham Palace und zum Kensington Palace, um Blumen niederzulegen, und Millionen weitere verfolgten die Ereignisse im Fernsehen.

Elton John kannte Diana persönlich. Die beiden hatten sich 1981 auf einer Party kennengelernt und im Laufe der Jahre eine echte Freundschaft entwickelt. Nach Dianas Tod wurde John von der Königsfamilie und den Organisatoren der Trauerfeier gebeten, bei dem Begräbnis zu singen. Er wandte sich an Bernie Taupin mit der Bitte, die Texte von "Candle in the Wind" für Diana anzupassen. Taupin arbeitete schnell: In wenigen Stunden entstand eine neue Version, die die Metapher des Originalliedes beibehielt, die Worte aber an Dianas Leben und Schicksal anpasste.

Die neue Eröffnungszeile lautete: "Goodbye, England's rose." Dianas Spitzname "England's Rose" - geprägt durch das Lied selbst - war damit geboren und verbreitete sich umgehend weltweit. Der restliche Text bezog sich auf Dianas Mitgefühl für die Schwachen und Ausgegrenzten, ihre Liebenswürdigkeit und die Grausamkeit des plötzlichen Verlustes. Produktion übernahm George Martin, der legendäre Produzent der Beatles, der in seinen letzten aktiven Jahren noch einmal einen Meilenstein der Popgeschichte mitgestaltete.

Das Begräbnis in Westminster Abbey: Ein historischer Moment

Am 6. September 1997 spielte Elton John "Candle in the Wind 1997" zum ersten - und, wie er ankündigte, einzigen - Mal live. Die Kulisse war Westminster Abbey in London: mehr als 2.000 geladene Gäste im Inneren, darunter Staatschefs, Mitglieder der Königsfamilie und enge Freunde Dianas. Draußen verfolgten Hunderttausende auf Großleinwänden. Weltweit sahen rund 2,5 Milliarden Menschen die Übertragung im Fernsehen - eine der größten Fernsehereignisse der Geschichte.

John saß allein am Flügel, begleitet von einem kleinen Orchester. Er spielte das Lied mit sichtlicher Erschütterung und brach nach der Aufführung in Tränen aus. Die Szene - der emotionale Sänger am Piano, die Melodie, die hallend durch die gotische Kirche stieg, der Sarg der Prinzessin wenige Meter entfernt - wurde zu einem der unvergesslichsten Fernsehmomente des 20. Jahrhunderts.

Im Anschluss an die Zeremonie erklärte John, dass er das Lied in dieser Form nicht noch einmal auf der Bühne singen werde. Diese Entscheidung, die er seither konsequent eingehalten hat, verleiht dem Auftritt in Westminster Abbey eine historische Einzigartigkeit und trägt wesentlich zur Legendenbildung rund um das Lied bei.

Rekordverdächtige Verkaufszahlen und Wohltätigkeit

Zwei Wochen nach dem Begräbnis, am 13. September 1997, wurde "Candle in the Wind 1997" als Single veröffentlicht. Die Nachfrage überwältigte alle Erwartungen der Musikindustrie. Allein am ersten Verkaufstag wurden im Vereinigten Königreich 658.000 Exemplare abgesetzt - damals ein Tagesrekord. In der ersten Woche überschritt die Single die Marke von 1,5 Millionen Verkäufen in Großbritannien, ein bis dahin nie erreichter Wert.

Weltweit wurden bis heute über 33 Millionen Exemplare der 1997er Version verkauft. Damit ist "Candle in the Wind 1997" die meistverkaufte Single in der Geschichte der britischen Charts und eine der meistverkauften Singles aller Zeiten, hinter "White Christmas" von Bing Crosby. In den USA führte das Lied 14 Wochen lang ununterbrochen die Billboard Hot 100 an und ist bis heute die bestverkaufte Single in der Geschichte der amerikanischen Charts. In über 30 Ländern erreichte die Single die Spitze der nationalen Charts.

Sämtliche Einnahmen aus Künstler- und Autorenhonoraren sowie alle Gewinne des Plattenlabels wurden vollständig dem Diana, Princess of Wales Memorial Fund gespendet. Dieser Fonds unterstützte Dianas Wohltätigkeitsprojekte, darunter die weltweite Kampagne gegen Landminen und Hilfe für Menschen mit HIV/AIDS. Insgesamt wurden durch den Song und die damit verbundenen Aktivitäten mehr als 35 Millionen Dollar für diese Projekte gesammelt.

Das Vermächtnis: Ein Lied für zwei Epochen

Was "Candle in the Wind" von den meisten Pophits unterscheidet, ist seine Fähigkeit, Epoche zu überdauern, ohne zu veralten. Bernie Taupins Text, geschrieben für eine Frau, die er nach eigenem Bekunden nicht besonders kannte oder bewunderte, trifft etwas Universelles: die Vergänglichkeit des Lebens, die Einsamkeit hinter öffentlichem Glanz und die Unmöglichkeit, einen Menschen zu kennen, dessen öffentliches Image weit mehr Raum einnimmt als die Person selbst.

Das Lied existiert heute in zwei klar getrennten, aber verwandten Formen. Die Original-Studiofassung von 1973 mit ihrem Bezug zu Marilyn Monroe ist ein zeitloses Kunstwerk, das im Kontext des Goodbye Yellow Brick Road Albums zu genießen ist. Die 1997er Version mit dem Bezug zu Princess Diana ist untrennbar mit dem Trauermoment des 6. September 1997 verbunden und trägt die emotionale Last dieses historischen Augenblicks in sich.

Beide Versionen teilen dieselbe Melodie, denselben Geist und dieselbe emotionale Tiefe - aber jede steht für eine andere Frau, eine andere Epoche und eine andere kollektive Erschütterung. Selten hat ein Song eine solche Fähigkeit bewiesen, sich neu zu erfinden und dabei in seiner Essenz treu zu bleiben. "Candle in the Wind" ist mehr als ein Lied: Es ist ein kulturelles Dokument über Ruhm, Verlust und die menschliche Sehnsucht nach Helden, die zu früh aus der Welt gerissen werden.

Häufig gestellte Fragen

Wer hat "Candle in the Wind" geschrieben?

Der Text von "Candle in the Wind" wurde von Bernie Taupin verfasst, dem langjährigen Songwriting-Partner von Elton John. Die Musik stammt von Elton John. Das Originalwerk entstand im Januar 1973 als Hommage an Marilyn Monroe. Taupin schreibt die Texte traditionell allein, bevor John sie vertont - oft innerhalb sehr kurzer Zeit. Diese Arbeitsteilung gilt als eine der erfolgreichsten in der Geschichte der Popmusik.

Wem ist das Original von 1973 gewidmet?

Die Original-Version von 1973 ist Marilyn Monroe gewidmet, die 1962 im Alter von 36 Jahren gestorben war. Der Text beginnt mit "Goodbye, Norma Jean" - eine Anspielung auf Monroes bürgerlichen Namen Norma Jeane Mortenson. Taupin nutzte Monroe jedoch eher als Metapher für das Schicksal aller Künstler, die durch Ruhm und öffentliche Aufmerksamkeit ausgebrannt wurden und jung starben.

Wie entstand die Diana-Version von 1997?

Nach dem Tod von Prinzessin Diana am 31. August 1997 bat Elton John seinen Partner Bernie Taupin, den Text für Diana anzupassen. Taupin schrieb die neue Version innerhalb weniger Stunden. Elton John spielte das Lied erstmals am 6. September 1997 bei Dianas Trauerfeier in Westminster Abbey vor einem weltweiten TV-Publikum von rund 2,5 Milliarden Menschen - und kündigte an, es danach nicht mehr live aufzuführen.

Wie viele Exemplare hat "Candle in the Wind 1997" verkauft?

Die 1997er Version von "Candle in the Wind" hat weltweit über 33 Millionen Exemplare verkauft und ist damit eine der meistverkauften Singles in der gesamten Musikgeschichte. Allein in der ersten Woche nach der Veröffentlichung wurden in Großbritannien 1,5 Millionen Kopien abgesetzt. In den USA führte die Single 14 Wochen ununterbrochen die Billboard Hot 100 an - bis heute unerreicht.

Wurden die Einnahmen aus dem Verkauf gespendet?

Ja, alle Künstler- und Autorenhonorare sowie die Gewinne des Plattenlabels wurden vollständig dem Diana, Princess of Wales Memorial Fund gespendet. Schätzungen zufolge wurden durch den Song insgesamt mehr als 35 Millionen Dollar für Dianas Wohltätigkeitsprojekte gesammelt, darunter Kampagnen gegen Landminen und Hilfsleistungen für HIV/AIDS-Betroffene.

Warum spielt Elton John das Lied nicht mehr live?

Elton John hat die Entscheidung getroffen, "Candle in the Wind 1997" nicht noch einmal live aufzuführen. Für ihn ist der Auftritt bei Dianas Begräbnis in Westminster Abbey am 6. September 1997 ein heiliger, einzigartiger Moment, der durch Wiederholungen auf Konzertbühnen nicht relativiert werden soll. Diese Entscheidung hat er über alle folgenden Jahrzehnte und Tourneen konsequent eingehalten.

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