Hopi-Schöpfungsmythos: Die Vier Welten der Urzeit
Die Hopi sind ein indigenes Volk im Südwesten der heutigen USA, das seit Jahrtausenden auf dem Hochplateau des heutigen Arizona lebt. Ihre Kosmologie erklärt die Entstehung der Welt nicht als einmaliges Ereignis, sondern als einen fortlaufenden Prozess des Aufstiegs durch mehrere aufeinanderfolgender Welten. Nach dem Hopi-Glauben hat die Menschheit bereits drei frühere Welten bewohnt und befindet sich heute in der Vierten Welt – an der Schwelle zu einer fünften. Diese Überzeugung prägt bis heute Zeremonien, Kunst und die spirituelle Praxis der Hopi.

Der Urschöpfer Taiowa und die erste Leere
Am Beginn der Hopi-Kosmologie stand nichts außer endlosem Raum, dem sogenannten Tokpella (wörtlich: „endloser Raum"). In dieser Leere existierte einzig Taiowa, der Urschöpfer und Sonnengott. Taiowa fasste den Entschluss, die Unendlichkeit in etwas Geordnetes umzuwandeln, und erschuf zu diesem Zweck zunächst seinen Neffen Sotuknang.
Sotuknang erhielt die Aufgabe, nach dem Plan des Schöpfers neun Universen zu gestalten: eines für Taiowa, eines für sich selbst und sieben für die zukünftigen Menschen. Sotuknang ordnete die Wasser, schuf Land und Luft und rief dann auf Anweisung Taiowas die Kokyangwuti ins Leben – die sogenannte Spinnfrau oder Spinnenmutter.
Die Spinnmutter als Mittlerin der Schöpfung
Kokyangwuti (in der Hopi-Sprache: Kòokyangwso'wùuti, „Alte Spinnfrau") nimmt in der Hopi-Mythologie eine zentrale Stellung ein. Sie gilt als Mittlerin zwischen dem göttlichen Schöpfer und den sterblichen Menschen. Nach einigen Versionen der Überlieferung schuf sie unter Anleitung Sotuknang's alles Leben auf der Erde: Tiere, Pflanzen und schließlich die Menschen selbst.
Der Legende nach formte sie zwei Wesen aus gelbem und rotem Lehm, bedeckte sie mit ihrem Umhang aus weißer Schöpfungssubstanz (qaöma) und sang über ihnen den Schöpfungsgesang. Als sie den Umhang hob, erwachten die Wesen zu eigenem Bewusstsein. Diese ersten Geschöpfe wurden die Vorfahren aller Menschen. Begleitet wurde Kokyangwuti stets von ihren zwei Zwillingssöhnen Poqanghoya und Palongawhoya, die als Wächter des Gleichgewichts zwischen den Welten galten.
Die Erste, Zweite und Dritte Welt – und ihr Untergang
Die Erste Welt war von insektenähnlichen Wesen bewohnt, die in dunklen Höhlen lebten und sich ihrer selbst noch kaum bewusst waren. Taiowa und Sotuknang waren unzufrieden mit dem moralischen Zustand dieser Wesen: Sie hatten zwar Leben, aber kein Bewusstsein über ihren eigenen Sinn und Zweck. Die Erste Welt wurde durch Feuer vernichtet – Vulkane und Flammen zerstörten alles. Nur jene Wesen, die noch reinen Geistes waren, wurden von Kokyangwuti in die nächste Welt geleitet.
In der Zweiten Welt hatten die Wesen Gestalt angenommen und ähnelten nun Tieren wie Wölfen und Bären. Doch auch in dieser Welt breitete sich sittlicher Verfall aus: Die Bewohner vergaßen ihre Schöpfer, wurden gierig und kämpferisch. Sotuknang ließ die Zweite Welt durch extremte Kälte und Eis enden. Wieder entkamen nur jene, die ihren Ursprung nicht vergessen hatten.
Die Dritte Welt war bevölkert von Menschen in ihrer heutigen Gestalt. Die Zivilisation entwickelte sich, Städte entstanden, Wissen breitete sich aus. Doch mit wachsendem Wohlstand wuchs auch die Korruption: Machtkämpfe, Hexerei und die Abkehr vom Schöpfer verbreiteten sich. Sotuknang ließ die Dritte Welt durch eine große Flut untergehen – ein Motiv, das sich in vielen Kulturen der Welt findet. Die tugendhaften Menschen wurden von Kokyangwuti gewarnt und retteten sich, indem sie sich in hohlen Schilfrohrhalmen (paatuwvota) verbargen und auf dem Wasser trieben, bis das Land zurückkehrte.
Der Aufstieg in die Vierte Welt: Sipapu und Masauwu
Der Übergang in die Vierte Welt – die gegenwärtige Erde – vollzog sich durch den Sipapu, eine heilige Öffnung zwischen den Welten. In der mythologischen Geografie der Hopi liegt dieser Ort im Bereich des Grand Canyon, genauer gesagt an der Mündung des Little Colorado River. Diese Stelle wird als Sipapuni bezeichnet und gilt als buchstäblicher Nabel der Welt.
Als die Menschen durch das Sipapu in die Vierte Welt aufstiegen, trafen sie auf Masauwu, den Hüter dieser Welt. Masauwu ist eine komplexe Gottheit: Er ist Herr des Todes, Wächter der Grenze zwischen Leben und Jenseits, Hüter des Feuers und Beschützer des Landes. Trotz seiner düsteren Natur empfing er die Neuankömmlinge nicht feindlich. Er erklärte ihnen, dass die Vierte Welt arm und hart sei, dass aber jene, die demütig, fleißig und in Erinnerung an den Schöpfer lebten, hier gedeihen könnten.
Masauwu übergab den Hopi vier heilige Steintafeln, die ihre Wanderungen, Pflichten und ihr rechtes Verhalten in der Vierten Welt in symbolischer Form beschrieben. Seither betrachten die Hopi ihr angestammtes Land auf dem Colorado-Plateau als ein ihnen von Masauwu anvertrautes Gut, das sie als Hüter zu bewahren haben.
Das Sipapu als rituelles Symbol
Das Konzept des Sipapu ist in der gelebten Praxis der Hopi bis heute lebendig. In jedem traditionellen Kiva – dem unterirdischen Zeremonialraum der Pueblo-Völker – befindet sich ein kleines rundes Loch im Boden, das symbolisch den Sipapu darstellt. Es erinnert an die Herkunft der Menschen aus der Unterwelt und dient als ritueller Verbindungspunkt zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Ahnen und Geister.
Die Kachinas, Geistwesen die den Hopi in den Zeremonien erscheinen, gelten als Boten aus jener unsichtbaren Welt unterhalb und jenseits der gegenwärtigen Realität. Für sechs Monate im Jahr, von der Wintersonnenwende bis zur Niman-Zeremonie im Sommer, sollen die Kachinas in den Hopi-Dörfern wohnen und die Verbindung zur kosmischen Ordnung aufrechterhalten.
Die Prophezeiung: Schwelle zur Fünften Welt
Nach dem Hopi-Glauben lebt die Menschheit derzeit in der Vierten Welt – und wiederholt die Fehler der früheren Welten. Zahlreiche Hopi-Älteste haben über Jahrhunderte Prophezeiungen überliefert, die auf das Ende der Vierten Welt und den Aufstieg in eine Fünfte hinweisen. Zeichen wie Umweltzerstörung, moralischer Verfall und technologische Hybris werden als Hinweise interpretiert, dass die Vierte Welt ihrem Ende entgegengeht. Der Übergang in die Fünfte Welt, so die Überlieferung, werde jenen gewährt, die im Einklang mit den Lehren des Schöpfers gelebt haben.
Diese prophetische Dimension unterscheidet die Hopi-Kosmologie von rein historischen Schöpfungsmythen: Sie ist keine abgeschlossene Geschichte, sondern ein andauerndes Narrativ, in dem jede lebende Generation eine aktive Rolle spielt.
Häufig gestellte Fragen
Wer ist der Schöpfergott der Hopi?
Der oberste Schöpfergott der Hopi heißt Taiowa (auch Tawa). Er existierte in der uranfänglichen Leere und schuf zunächst seinen Neffen Sotuknang, der wiederum die Spinnmutter Kokyangwuti erschuf. Diese drei Wesen sind die zentralen Akteure der Hopi-Schöpfungskosmologie.
Was ist der Sipapu bei den Hopi?
Der Sipapu ist die heilige Öffnung zwischen den Welten, durch die die Menschen aus der Dritten in die Vierte Welt aufstiegen. Der mythologische Ort wird mit dem Grand Canyon, genauer der Mündung des Little Colorado River, assoziiert. In jedem Kiva (Zeremonialraum) gibt es ein symbolisches Sipapu-Loch im Boden.
Wie viele Welten kennt die Hopi-Mythologie?
Die Hopi-Überlieferung beschreibt mindestens vier Welten, die die Menschheit bisher durchlebt hat. Die gegenwärtige Erde ist die Vierte Welt. Nach der Hopi-Prophezeiung steht ein Übergang in eine Fünfte Welt bevor, der tugendhaften Menschen vorbehalten ist.
Wer ist Masauwu in der Hopi-Religion?
Masauwu ist der Hüter der Vierten Welt und Herr des Todes. Er empfing die aus der Dritten Welt aufgestiegenen Menschen, übergab ihnen heilige Steintafeln und wies ihnen ihr Land zu. Er gilt gleichzeitig als Schutzgottheit der Hopi und als Wächter an der Grenze zwischen Leben und Tod.
Womit vergleicht man den Hopi-Schöpfungsmythos in anderen Kulturen?
Der Hopi-Mythos teilt strukturelle Motive mit vielen anderen Weltschöpfungserzählungen: die Flut als Weltengericht (vergleichbar mit dem biblischen Noah oder dem mesopotamischen Utnapischtim), das Konzept einer Urmutter als Lebensspenderin (ähnlich der ägyptischen Isis oder der griechischen Gaia) sowie die Idee zyklisch endender und neu beginnender Zeitalter, wie sie auch im hinduistischen Konzept der Yugas oder dem aztekischen Sonnenkalender auftritt.