Wie schnell fliegt eine Rakete in km/h? Alle Typen
Raketen gehören zu den schnellsten von Menschen gebauten Objekten überhaupt. Je nach Typ und Einsatzzweck erreichen sie Geschwindigkeiten von einigen hundert bis zu mehreren hunderttausend Kilometern pro Stunde. Dabei gibt es riesige Unterschiede zwischen einer konventionellen Kurzstreckenrakete, einem ballistischen Interkontinentalflugkörper und einer Weltraumrakete, die Satelliten in die Umlaufbahn bringt. Dieser Artikel erklärt, welche Geschwindigkeiten verschiedene Raketentypen erreichen, warum bestimmte Mindestgeschwindigkeiten physikalisch notwendig sind und wie sich Raketen von anderen schnellen Flugkörpern unterscheiden.

Grundlagen: Was bestimmt die Geschwindigkeit einer Rakete?
Um zu verstehen, wie schnell Raketen fliegen, muss man zunächst die physikalischen Grundprinzipien kennen. Raketen funktionieren nach dem Rückstoßprinzip (Reaktionsprinzip): Sie verbrennen Treibstoff in einer Brennkammer und stoßen die heißen Verbrennungsgase mit hoher Geschwindigkeit nach hinten aus. Die dabei entstehende Schubkraft beschleunigt die Rakete in die entgegengesetzte Richtung - exakt gemäß Newtons drittem Gesetz.
Ein entscheidender Parameter ist der spezifische Impuls (Isp), ein Maß für die Effizienz eines Raketentriebwerks. Je höher der spezifische Impuls, desto mehr Schub erzeugt eine bestimmte Treibstoffmenge. Flüssige Treibstoffe, insbesondere die Kombination aus flüssigem Wasserstoff und flüssigem Sauerstoff, erzielen sehr hohe spezifische Impuls-Werte (bis zu 450 Sekunden im Vakuum) und werden daher in leistungsstarken Trägerraketen bevorzugt. Feststoffraketen sind einfacher zu handhaben, aber weniger effizient.
Grundsätzlich gilt: Je mehr Treibstoff eine Rakete mitführt und je effizienter ihr Triebwerk arbeitet, desto höher ist die maximal erreichbare Geschwindigkeit. Da Treibstoff aber selbst Gewicht hat, steigt der Verbrauch mit der Beladung. Dieses Dilemma - die sogenannte Tsiolkowski-Raketengleichung - beschreibt mathematisch die Beziehung zwischen Treibstoffmasse, Gesamtmasse und erreichbarer Endgeschwindigkeit. Mehrstufige Raketen lösen dieses Problem, indem sie verbrauchte Stufen abwerfen und so Gewicht reduzieren.
Der Luftwiderstand spielt in den unteren Atmosphärenschichten ebenfalls eine wichtige Rolle. In großer Höhe nimmt die Luftdichte schnell ab, und ab der Kármán-Linie in 100 Kilometern Höhe ist praktisch kein Luftwiderstand mehr vorhanden. Raketen beschleunigen daher am effizientesten außerhalb der dichten Atmosphäre.
Kosmische Geschwindigkeiten: Die physikalischen Grenzwerte der Raumfahrt
Für Weltraumraketen definiert die Physik bestimmte Mindestgeschwindigkeiten, die sogenannten kosmischen Geschwindigkeiten. Diese Werte sind keine Faustregeln, sondern exakt berechenbare physikalische Grenzen, die aus der Gravitation der Erde und der Sonne folgen.
- Erste kosmische Geschwindigkeit (7,9 km/s = 28.440 km/h): Dies ist die Mindestgeschwindigkeit für eine stabile Kreisbahn im niedrigen Erdorbit (Low Earth Orbit, LEO). Bei dieser Geschwindigkeit entspricht die nach innen gerichtete Fliehkraft genau der Erdanziehung. Unterschreitet ein Satellit diese Grenze, fällt er zurück auf die Erde.
- Zweite kosmische Geschwindigkeit / Fluchtgeschwindigkeit (11,2 km/s = 40.320 km/h): Bei dieser Geschwindigkeit kann ein Objekt das Schwerefeld der Erde dauerhaft verlassen. Für Missionen zum Mond oder zu anderen Planeten ist sie die Mindestanforderung. Man nennt sie auch Fluchtgeschwindigkeit oder Parabolgeschwindigkeit.
- Dritte kosmische Geschwindigkeit (42 km/s = 151.200 km/h): Diese Geschwindigkeit braucht ein Objekt, um das Sonnensystem zu verlassen und in den interstellaren Raum vorzudringen. Die Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 haben diese Grenze überschritten, wobei ihnen Gravitationsmanöver an großen Planeten halfen.
Diese Werte gelten für den Start von der Erdoberfläche aus. In der Praxis müssen Raketen noch höhere Geschwindigkeiten erreichen, um die Verluste durch Luftwiderstand, Gravitationsverluste beim Aufstieg und andere Faktoren auszugleichen. Außerdem werden für Manöver im Orbit oder für Transfers zu anderen Planeten zusätzliche Geschwindigkeitsänderungen (delta-v) benötigt.
Trägerraketen: Von der Startrampe in den Orbit
Moderne Trägerraketen, die Satelliten oder bemannte Raumschiffe in den Erdorbit befördern, arbeiten in mehreren Stufen. Jede Stufe hat eigene Triebwerke und Treibstofftanks und wird nach Verbrauch abgeworfen, um das Gesamtgewicht zu reduzieren. Dieses Stufenprinzip erlaubt es, die notwendige Orbitalgeschwindigkeit zu erreichen, ohne die Rakete von Anfang an mit dem gesamten Treibstoff beladen zu müssen.
Die SpaceX Falcon 9 ist heute eine der meistgenutzten Trägerraketen der Welt. Ihre erste Stufe, angetrieben von neun Merlin-Triebwerken, beschleunigt die Rakete auf etwa 7.000 bis 8.000 km/h, bevor sie sich abkoppelt und kontrolliert zur Erde zurückkehrt - ein einzigartiges Merkmal, das SpaceX zur Wiederverwendung der teuren Erststufe nutzt. Die zweite Stufe übernimmt dann die weitere Beschleunigung und bringt die Nutzlast auf die benötigte Orbitalgeschwindigkeit von rund 27.000 km/h für den niedrigen Erdorbit.
Die legendäre Saturn V der NASA, die zwischen 1967 und 1972 die Apollo-Missionen zum Mond trug, war die leistungsstärkste Trägerrakete, die je erfolgreich geflogen ist. Sie erreichte auf ihrem Weg zum Mond Spitzengeschwindigkeiten von etwa 39.000 km/h. Bei ihrer Ankunft in der Mondumgebung musste sie abbremsen, um in die Mondumlaufbahn einzuschwenken. Für Missionen in den geostationären Orbit (GEO) in etwa 36.000 km Höhe sind Geschwindigkeiten von rund 35.000 km/h nötig.
Europas Ariane-Raketenfamilie, die russische Sojus und die amerikanische Atlas V folgen denselben physikalischen Grundsätzen. Die aktuell entwickelte Ariane 6 soll günstigere Starts in verschiedene Orbits ermöglichen. Chinas Long March-Raketen und Indiens PSLV runden das internationale Angebot an Trägerraketen ab. Trotz ihrer Verschiedenartigkeit müssen alle diese Systeme dieselben kosmischen Geschwindigkeiten erreichen - die Physik macht dabei keine Ausnahmen.
Militärische Raketen: Ballistische Raketen und ihre Reichweiten
Ballistische Raketen sind eine eigene Klasse. Der entscheidende Unterschied zu Trägerraketen: Sie werden nur in der Startphase aktiv angetrieben. Danach fliegen sie auf einer ballistischen Kurve - wie ein geworfener Stein, nur in gigantischem Maßstab. Je nach Reichweite unterscheidet man verschiedene Kategorien:
- Kurzstreckenraketen (SRBM, bis 1.000 km): Relativ langsam, fliegen auf niedrigeren Kurven.
- Mittelstreckenraketen (MRBM, 1.000 bis 3.500 km): Höhere Endgeschwindigkeiten, steilere Flugbahnen.
- Interkontinentalraketen (ICBM, ab 5.500 km): Die schnellsten militärischen Raketen, Spitzengeschwindigkeiten über 25.000 km/h.
Interkontinentalraketen gehören zu den schnellsten Flugkörpern überhaupt, die auf oder nahe der Erde fliegen. Sie erreichen Spitzengeschwindigkeiten von über 25.000 km/h - das entspricht etwa 7 km pro Sekunde. Da sie eine Reichweite von mindestens 5.500 km überbrücken müssen, fliegen sie auf sehr hohen ballistischen Kurven, die sie bis in den Randbereich des Weltraums führen. Ihre Gesamtflugzeit beträgt je nach Ziel zwischen 25 und 40 Minuten. Amerikanische ICBMs der Klasse Minuteman III und russische Systeme wie die Topol-M oder die RS-28 Sarmat gehören zu den leistungsstärksten dieser Kategorie.
Marschflugkörper: Präzision statt Geschwindigkeit
Marschflugkörper wie der amerikanische Tomahawk oder der europäische Taurus unterscheiden sich grundlegend von ballistischen Raketen. Sie haben während des gesamten Fluges ein aktives Triebwerk - meist ein kleines Strahltriebwerk - und können ihre Flugbahn jederzeit anpassen. Diese Fähigkeit macht sie extrem präzise, aber vergleichsweise langsam.
Konventionelle Marschflugkörper fliegen mit Unterschallgeschwindigkeit, meist zwischen 800 und 900 km/h, also knapp unter der Schallgeschwindigkeit. Sie fliegen in sehr geringer Höhe - oft nur 50 bis 100 Meter über dem Boden - und nutzen die Geländekonturen als Deckung. Ihre Treffgenauigkeit liegt oft bei wenigen Metern. Der Nachteil: Sie benötigen viel länger als ballistische Raketen, um ihr Ziel zu erreichen, und können in dieser Zeit theoretisch abgefangen werden.
Hyperschallraketen: Die nächste Generation der Hochgeschwindigkeitswaffen
Eine neue Waffenkategorie dominiert die rüstungstechnischen Debatten der 2020er Jahre: Hyperschallraketen und Hyperschallgleiter. Als "Hyperschall" gilt alles, was schneller als Mach 5 fliegt - also mindestens fünffache Schallgeschwindigkeit, was in großer Höhe etwa 6.000 km/h entspricht.
Hyperschallgleiter (Hypersonic Glide Vehicles, HGV) werden zunächst von einer ballistischen Rakete auf hohe Geschwindigkeit gebracht und gleiten dann kontrolliert durch die oberen Atmosphärenschichten. Im Gegensatz zu ballistischen Raketen können sie ihre Flugbahn während des Gleitflugs ändern, was sie für Raketenabwehrsysteme schwer vorhersehbar macht. Russlands Avangard-System soll Geschwindigkeiten von bis zu Mach 20 (rund 24.000 km/h) erreichen und wurde nach russischen Angaben bereits in Dienst gestellt. Chinas DF-17 und DF-ZF sind weitere bekannte Systeme dieser Klasse.
Hyperschall-Marschflugkörper hingegen sind während des gesamten Fluges aktiv angetrieben, meist durch spezielle Scramjet-Triebwerke, die bei hohen Geschwindigkeiten effizienter arbeiten als konventionelle Strahltriebwerke. Russlands Kinzhal-Rakete, die seit 2018 einsatzbereit sein soll, gilt als luft-gestützter Hyperschall-Marschflugkörper mit einer Geschwindigkeit von Mach 10. Viele dieser Angaben sind schwer unabhängig zu verifizieren, da militärische Leistungsdaten oft nicht offen kommuniziert werden.
Die USA, Russland und China investieren massiv in diese Technologie, da Hyperschallwaffen mit aktuellen Abwehrsystemen kaum zu stoppen sind. Europa arbeitet ebenfalls an entsprechenden Projekten. Hyperschallwaffen gelten als eines der wichtigsten Felder des gegenwärtigen Rüstungswettlaufs.
Weltraumsonden: Jenseits der Rakete
Die schnellsten von Menschen gebauten Objekte sind keine Waffen und keine Trägerraketen, sondern Weltraumsonden. Da sie nach ihrem Start nicht mehr aktiv angetrieben werden, aber durch Gravitationsmanöver (Swing-by oder Gravity Assist) an Planeten enorme Zusatzgeschwindigkeiten gewinnen können, erreichen sie Werte, die kein erdgebundenes Flugsystem je erzielen wird.
Die NASA-Sonde Parker Solar Probe hält mit Stand 2026 den Geschwindigkeitsrekord unter allen menschengemachten Objekten. Bei ihren Annäherungen an die Sonne nutzt sie die Sonnenschwerkraft und erreicht dabei Geschwindigkeiten von über 690.000 km/h. Das entspricht etwa 0,064 Prozent der Lichtgeschwindigkeit - immer noch unvorstellbar langsam im kosmischen Maßstab, für menschliche Technik aber ein absoluter Rekord.
Die 1977 gestarteten Voyager-Sonden bewegen sich mit etwa 61.000 km/h durch den interstellaren Raum und haben das Sonnensystem inzwischen verlassen. Sie sind die am weitesten von der Erde entfernten menschengemachten Objekte. Ihre enorme Geschwindigkeit erreichten sie durch Gravitationsmanöver an Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun - eine geschickte Nutzung der Himmelsmechanik.
Häufig gestellte Fragen
Wie schnell muss eine Rakete sein, um in den Weltraum zu gelangen?
Für den Grenzbereich des Weltraums (Kármán-Linie bei 100 km Höhe) reicht auch eine suborbitalere Flugbahn mit weniger Geschwindigkeit. Für eine stabile Erdumlaufbahn braucht eine Rakete mindestens rund 28.000 km/h (erste kosmische Geschwindigkeit). Um die Erdanziehung dauerhaft zu verlassen, sind mindestens 40.320 km/h nötig (zweite kosmische Geschwindigkeit).
Wie schnell ist eine Interkontinentalrakete (ICBM)?
ICBMs erreichen Spitzengeschwindigkeiten von rund 24.000 bis 28.000 km/h, was etwa 7 km/s entspricht. Sie fliegen auf hohen ballistischen Kurven durch den Randbereich des Weltraums und schlagen nach einer Flugzeit von 25 bis 40 Minuten ein. Im Vergleich: Ein Verkehrsflugzeug erreicht gerade einmal 900 km/h.
Was ist der Unterschied zwischen einer ballistischen Rakete und einem Marschflugkörper?
Eine ballistische Rakete wird nur kurz nach dem Start aktiv angetrieben und fliegt dann als ungelenktes Projektil auf einer vorberechneten Kurve. Ein Marschflugkörper hat dagegen während des gesamten Fluges ein aktives Triebwerk und kann seine Flugbahn ändern. Marschflugkörper sind langsamer (meist unter 1.000 km/h), aber präziser und durch Tiefflug schwerer zu entdecken.
Was bedeutet "Mach" und wie schnell ist Mach 5?
Mach ist ein Maß für die Schallgeschwindigkeit. Mach 1 entspricht der Schallgeschwindigkeit, die auf Meereshöhe bei normaler Temperatur rund 1.235 km/h beträgt. In großer Höhe ist die Luft kälter und dünner, die Schallgeschwindigkeit dort liegt bei etwa 1.062 km/h. Mach 5 entspricht damit je nach Höhe etwa 5.300 bis 6.175 km/h. Als Hyperschall gilt alles ab Mach 5.
Welche Rakete ist die schnellste der Welt?
Das hängt von der Kategorie ab. Unter den aktiv angetriebenen Raketen erreichen ICBMs und Raumfahrtraketen die höchsten Geschwindigkeiten beim Start von der Erde. Das schnellste menschengemachte Objekt überhaupt ist die NASA-Sonde Parker Solar Probe, die Geschwindigkeiten von über 690.000 km/h erreicht - allerdings durch Gravitationsmanöver an der Sonne und nicht durch eigenen Antrieb allein.
Warum können Raketen im Weltraum viel schneller werden als in der Atmosphäre?
In der Erdatmosphäre bremst der Luftwiderstand jeden Flugkörper erheblich. Ab einer Höhe von rund 100 Kilometern (Kármán-Linie) gibt es praktisch keine Atmosphäre mehr, und damit auch keinen Luftwiderstand. Außerdem können Raketen im Orbit ohne Energieverbrauch mit konstanter Geschwindigkeit weiterreisen, da es kein Medium gibt, das sie abbremst. Triebwerke können im Vakuum auch effizienter arbeiten, da die Abgase ungehindert ausströmen.