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Wie wurde die Gotthard-Bahn gebaut? Geschichte & Fakten

Veröffentlicht 22. Mai 2026 Aktualisiert 15. Juni 2026

Wie wurde die Gotthard-Bahn in der Schweiz erbaut?

Der Bau der Gotthardbahn gehört zu den kühnsten Ingenieurleistungen des 19. Jahrhunderts. Als die Arbeiten 1872 begannen, war der Gotthardtunnel mit über 15 Kilometern das längste Eisenbahntunnelprojekt der Welt. Es war ein technischer Kraftakt unter extremen Bedingungen: Die Arbeiter gruben sich durch hartes Gestein, ertrugen Temperaturen von bis zu 40 Grad, arbeiteten mit gefährlichem Dynamit und zahlten nicht selten mit ihrem Leben. Die Gotthardbahn wurde nicht nur ein Symbol des schweizerischen Ingenieursgeistes, sondern auch einer der entscheidenden Verkehrswege Europas.

Wie wurde die Gotthard-Bahn in der Schweiz erbaut?

Vorgeschichte: Die Idee einer Alpendurchquerung per Schiene

Der Traum von einer Eisenbahnverbindung durch die Alpen war nicht neu. Bereits in den 1830er und 1840er Jahren diskutierten Schweizer Politiker und Ingenieure verschiedene Routenoptionen. Drei Pässe standen im Wettbewerb: der Simplon im Westen, der Lukmanier in der Mitte und der Gotthard im Norden. Jede Route hatte ihre Befürworter, ihre politischen Interessen und ihre finanziellen Unterstützer.

Der Gotthard setzte sich letztlich durch, vor allem dank der hartnäckigen Bemühungen des Zürcher Politikers und Unternehmers Alfred Escher. Escher, einer der einflussreichsten Schweizer seiner Zeit, Mitgründer der Schweizerischen Kreditanstalt (heute Credit Suisse) und der Schweizerischen Nordostbahn, trieb das Projekt jahrzehntelang voran. Er schuf die Gotthardbahn-Gesellschaft und überzeugte die notwendigen Finanzierungspartner.

Die internationale Finanzierung

Das gigantische Projekt war ohne internationale Beteiligung nicht finanzierbar. 1869 einigten sich Delegierte aus der Schweiz, Deutschland und Italien auf ein Budget von rund 85 Millionen Franken. Die Aufteilung war politisch ausgehandelt: Italien trug 45 Millionen Franken bei, Deutschland 20 Millionen, und die Schweizer Eidgenossenschaft steuerte ebenfalls 20 Millionen bei. Den Rest sollten private Investoren und Anleihen decken.

Diese Finanzierungsbasis war von Anfang an knapp kalkuliert. Wie sich zeigen sollte, war das ursprüngliche Budget erheblich zu niedrig angesetzt - eine Erfahrung, die bei Großbauprojekten bis heute nicht selten ist.

Alfred Escher und die Gotthardbahn-Gesellschaft

1871 wurde in Luzern die Gotthardbahn-Gesellschaft formell gegründet. Alfred Escher übernahm die entscheidende Rolle als treibende Kraft hinter dem Projekt. Er sammelte Kapital, verhandelte mit europäischen Regierungen und suchte nach einem geeigneten Unternehmer für den Tunnelbau - die größte und technisch anspruchsvollste Aufgabe des gesamten Projekts.

Die Ausschreibung für den Tunnelbau war international und lockte mehrere Bewerber an. Den Zuschlag erhielt schließlich der Genfer Ingenieur Louis Favre, dessen Angebot überraschend günstig war. Favre hatte bis dahin noch keinen Tunnel von auch nur annähernd vergleichbarer Länge gebaut - sein größtes vorheriges Tunnelprojekt war weniger als 1000 Meter lang. Sein Angebot war dennoch überzeugend und sein Ruf als fähiger Bauingenieur ausreichend gut, um den Zuschlag zu erhalten.

Louis Favre und der Baubeginn

Louis Favre gründete das Unternehmen "Entreprise du Grand Tunnel du Gothard" und begann die Vorbereitungen. Am 12. August 1872 starteten die Tunnelarbeiten offiziell - gleichzeitig von beiden Seiten: vom Tessiner Portal bei Airolo im Süden und vom Urner Portal bei Göschenen im Norden. Ziel war es, dass sich die beiden Tunnelhälften genau in der Mitte treffen würden - eine geodätische Herausforderung ersten Ranges.

Technische Innovation: Druckluftbohrer und Dynamit

Zu Beginn der Arbeiten wurden Tunnels noch weitgehend von Hand gebohrt. Die Arbeiter schlugen mit Schlägeln und Meißeln Löcher in den Fels, die dann mit Schwarzpulver gesprengt wurden. Der Fortschritt war mühsam: Oft schaffte man nicht mehr als einen halben Meter pro Tag.

Die entscheidende technische Innovation war die Einführung von Druckluftbohrmaschinen und Dynamit. Alfred Nobel hatte Dynamit 1867 erfunden und patentiert - ein Sprengstoff, der deutlich zuverlässiger und leistungsfähiger war als Schwarzpulver und sich besser dosieren ließ. Die Druckluftbohrhämmer, die mit komprimierter Luft betrieben wurden, ermöglichten es, Bohrlöcher schneller und effizienter zu setzen. Mit dieser Kombination stieg der tägliche Vortrieb auf etwa vier Meter - eine enorme Leistungssteigerung.

Die Druckluft für die Bohrhämmer wurde durch große Kompressoren erzeugt, die durch Wasserkraft angetrieben wurden - eine frühe Form der Nutzung erneuerbarer Energie für industrielle Zwecke. Diese Kombination aus hydraulischer Energie und mechanischem Bohren war für die damalige Zeit wegweisend.

Die Arbeitsbedingungen im Tunnel

Der Tunnelbau war für die Arbeiter mit extremen Belastungen verbunden. Im Inneren des Berges herrschten Bedingungen, die kaum vorstellbar sind: Die Temperaturen stiegen auf 33 bis 40 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit lag häufig bei annähernd 100 Prozent. In dieser feuchten Hitze arbeiteten die Männer in engen, schlecht belüfteten Stollen - Schicht für Schicht, Tag für Tag.

Unfälle und Todesopfer

Mindestens 199 Menschen verloren beim Bau des Gotthardtunnels ihr Leben. Sie starben durch Unfälle mit Dynamit - das trotz seiner Verlässlichkeit weiterhin gefährlich war - durch herabstürzende Felsmassen, durch Zusammenstöße mit der Tunnelbahn und durch andere Unglücke im engen Arbeitsraum. Mehrere Dynamitlager und -wärmehütten explodierten im Verlauf der Bauarbeiten.

Dazu kamen schwere Krankheiten. Die feuchte Hitze und die schlechte Belüftung begünstigten Lungenerkrankungen, Haken- und Madenwurm-Infektionen sowie andere Erkrankungen. Viele Arbeiter, die den Tunnelbau überlebten, kehrten krank oder dauerhaft geschwächt nach Hause zurück. Ärztliche Versorgung und Sicherheitsstandards entsprachen nicht dem, was heute als selbstverständlich gilt.

Arbeitskampf und Streik

Die miserable Behandlung der überwiegend italienischen Arbeiter führte zu erheblichen sozialen Spannungen. Im Juli 1875 brach ein großer Streik aus - die Arbeiter forderten bessere Löhne, kürzere Schichten und sicherere Arbeitsbedingungen. Der Streik wurde brutal niedergeschlagen: Schweizer Militär rückte an, und mehrere Arbeiter wurden erschossen. Das Ereignis gilt als eines der frühen Beispiele für staatliche Gewalt gegen streikende Arbeiter in der Schweiz und beschäftigt die Geschichtswissenschaft bis heute.

Kostenüberschreitungen und Finanzierungskrise

1875, während der Streik die Arbeiten kurz unterbrach, war das ursprüngliche Budget von 85 Millionen Franken weit überschritten. Der neue Oberingenieur Carl von Gerber legte Anfang 1876 eine erschreckende Kalkulation vor: Rund 100 Millionen Franken mehr als ursprünglich geplant würden benötigt. Die Gotthardbahn-Gesellschaft stand am Rand der Zahlungsunfähigkeit.

Hektische Verhandlungen zwischen der Schweiz, Deutschland und Italien folgten. Schließlich einigten sich die Länder auf eine Aufstockung der Mittel, aber zu einem hohen politischen Preis: Alfred Escher, der Vater des Projekts, musste 1878 als Präsident der Gotthardbahn-Gesellschaft zurücktreten. Er hatte sein Leben dem Projekt gewidmet, sah aber seinen Triumph nicht mehr vollständig: Er starb 1882, wenige Monate nach der feierlichen Eröffnung der Strecke.

Der Durchbruch und die technischen Herausforderungen

Neben dem Haupttunnel musste die Gotthardbahn auch die schwierige Bergstrecke zwischen dem flachen Mittelland und dem Tunnelportal überwinden. Auf der Nordseite, im Kanton Uri, und auf der Südseite, im Tessin, war die Höhendifferenz enorm. Um ausreichende Steigungen für Dampflokomotiven einzuhalten, griffen die Ingenieure zu einer ingeniösen Lösung: Kehrtunnels und Spiraltunnels.

Diese Kunstbauten - heute noch als technische Meisterleistungen anerkannt - erlaubten es der Bahn, sich in Spiralen und Schleifen den Hang hinaufzuwinden, ohne die Maximalsteigung zu überschreiten. Die Spiraltunnels von Wassen (Pfaffensprung), Wattingen und auf der Tessiner Seite von Pianotondo und Travi sind eindrucksvolle Beispiele dieser Technik. Reisende bemerken das Phänomen noch heute: Die Kirche von Wassen erscheint bei der Tunneldurchfahrt dreimal - auf drei verschiedenen Höhen.

Der Durchbruch am 29. Februar 1880

Am 29. Februar 1880 - einem Schaltjahr-Datum - war es so weit: Die beiden Tunnelhälften trafen sich in der Mitte des Berges. Die Vermessung hatte präzise Arbeit geleistet: Der horizontale Versatz der beiden Tunnelachsen betrug lediglich 33 Zentimeter, der vertikale Versatz nur 5 Zentimeter. Für die damalige Messtechnik war dies eine außerordentliche Genauigkeit.

Louis Favre, der Erbauer des Tunnels, erlebte diesen Triumph nicht mehr. Er war am 19. Juli 1879 - kaum sieben Monate vor dem Durchbruch - bei einer Tunnelbegehung zusammengebrochen und an einem Aortariss gestorben. Man findet in der Geschichte des Gotthardtunnels eine gewisse Tragik: Der Mann, der mehr als jeder andere für den Bau verantwortlich war, starb kurz vor dem Erfolg.

Eröffnung und Bedeutung der Gotthardbahn

Zwischen Januar und Dezember 1882 wurden die Bauarbeiten abgeschlossen. Die feierliche Eröffnung der Gotthardbahn fand vom 21. bis 25. Mai 1882 statt - ein nationales Fest, das mit großem Pomp gefeiert wurde. Am 1. Juni 1882 begann der reguläre Betrieb.

Die Gotthardbahn verband nun erstmals auf direktem Weg die norddeutschen Industrieregionen mit dem Mittelmeer. Güter konnten schneller und günstiger zwischen Nord- und Südeuropa transportiert werden. Für die Schweiz bedeutete die neue Strecke einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung: Zolleinnahmen, Transitgebühren und die Belebung des Tourismus im Alpenraum brachten dem Land erhebliche Vorteile.

Auswirkungen auf den europäischen Verkehr

Die Eröffnung der Gotthardbahn veränderte die Handelsströme in Europa spürbar. Der Bau hatte den Beweis erbracht, dass selbst die höchsten Gebirgsbarrieren mit modernen Methoden bezwungen werden können. Er inspirierte andere Tunnelprojekte in den Alpen: den Simplontunnel (1906) und den Lötschbergtunnel (1913) in der Schweiz sowie zahlreiche weitere alpeine Eisenbahnverbindungen.

Der Gotthardkorridor ist bis heute einer der meistbefahrenen Eisenbahnkorridore Europas. 2016 wurde der neue Gotthard-Basistunnel eröffnet - mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt. Er unterquert den Berg tief im Inneren der Alpen und ersetzt für den Hochgeschwindigkeits- und Güterverkehr den alten Scheiteltunnel von 1882. Doch die historische Bergstrecke ist noch immer in Betrieb und lockt Eisenbahnfans und Touristen aus aller Welt an.

Gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung

Der Bau der Gotthardbahn war nicht nur ein technisches und wirtschaftliches Ereignis, sondern auch ein politisches Symbol. Er zeigte, dass die Schweiz - ein kleines, neutrales Land ohne direkten Zugang zum Meer - eine zentrale Rolle im europäischen Verkehrsnetz einnehmen konnte. Die Bereitschaft Italiens und Deutschlands, Millionen in ein Schweizer Infrastrukturprojekt zu investieren, verdeutlichte die geopolitische Bedeutung des Gotthardkorridors.

Die Gotthardbahn wurde auch zu einem wichtigen Teil der Schweizer Identität. Der Gotthard, der Berg, der das Herz der Eidgenossenschaft bildet, galt den Schweizern schon lange als Symbol nationaler Stärke und Widerstandskraft. Dass nun eine Eisenbahn durch dieses Symbol führte, verstärkte dieses Selbstbild. In der bildenden Kunst und in der Literatur wurde der Bau vielfach verarbeitet.

Für die überwiegend aus Norditalien stammenden Bauarbeiter bedeutete das Projekt Arbeit und ein oft besseres Einkommen als in der Heimat - aber auch erhebliche Risiken und die Trennung von der Familie. Viele der Toten wurden in den Bergdörfern rund um den Gotthard begraben. Gedenksteine und kleine Friedhöfe erinnern noch heute an die Menschen, die ihr Leben für den Bau der Bahn gaben.

Die Gotthardbahn als Tourismusprojekt

Bereits kurz nach der Eröffnung erkannte man das touristische Potential der neuen Strecke. Die atemberaubende Berglandschaft, die Spiraltunnels und die technischen Kunstbauten wurden zu Attraktionen für Reisende aus ganz Europa. Reiseführer pries die Gotthardbahn als eine der schönsten und aufregendsten Bahnstrecken der Welt. Der Tourismus im Tessin, in Uri und in anderen Kantonen entlang der Strecke blühte auf, und Hotels entstanden in vielen Bergdörfern, die bis dahin schwer erreichbar gewesen waren.

Dieser Aspekt ist bis heute relevant: Die Panoramastrecke des Gotthard-Bergbahnkorridors - insbesondere im Abschnitt durch die Schöllenenschlucht und über die Spiraltunnels - gehört zu den meistfotografierten Bahnstrecken Europas. Sonderzüge und Dampflokfahrten ziehen jedes Jahr Tausende von Besuchern an, die die historische Strecke erleben wollen.

Häufig gestellte Fragen

Wann begann der Bau der Gotthardbahn?

Der Bau des Gotthardtunnels begann offiziell am 12. August 1872, gleichzeitig vom Nordportal in Göschenen (Kanton Uri) und vom Südportal in Airolo (Kanton Tessin). Die gesamte Gotthardbahn-Strecke wurde bis zur Eröffnung am 1. Juni 1882 fertiggestellt.

Wer war Louis Favre und welche Rolle spielte er beim Bau?

Louis Favre war ein Genfer Bauingenieur, der den Auftrag für den Bau des Gotthardtunnels gewann. Sein Unternehmen "Entreprise du Grand Tunnel du Gothard" führte die Tunnelarbeiten durch. Favre starb am 19. Juli 1879, wenige Monate vor dem Durchbruch, bei einer Tunnelbegehung an einem Aortariss. Er erlebte die Fertigstellung seines größten Werkes nicht mehr.

Wie viele Menschen starben beim Bau des Gotthardtunnels?

Beim Bau des Gotthardtunnels starben mindestens 199 Menschen. Sie kamen durch Dynamitunfälle, herabstürzende Felsmassen, Unfälle mit der Tunnelbahn und andere Unglücke ums Leben. Viele weitere Arbeiter erlitten dauerhafte Gesundheitsschäden durch die extremen Bedingungen im Tunnel.

Welche technischen Innovationen wurden beim Bau eingesetzt?

Die wichtigsten technischen Innovationen beim Bau des Gotthardtunnels waren der Einsatz von Druckluftbohrmaschinen (angetrieben durch wasserkraftbetriebene Kompressoren) und die Verwendung von Dynamit anstelle von Schwarzpulver. Diese Kombination erhöhte den täglichen Vortrieb von etwa einem halben Meter auf rund vier Meter. Außerdem wurden Spiraltunnels und Kehrtunnels eingesetzt, um die Höhendifferenz an den Bergflanken zu überwinden.

Wie wurde die Gotthardbahn finanziert?

Die Gotthardbahn wurde international finanziert. Das ursprüngliche Budget von etwa 85 Millionen Franken wurde von Italien (45 Millionen), Deutschland (20 Millionen) und der Schweizer Eidgenossenschaft (20 Millionen) getragen, ergänzt durch private Investoren. Da die Kosten erheblich überschritten wurden, mussten die Länder nachverhandeln und zusätzliche Mittel bereitstellen.

Was ist der Unterschied zwischen der alten Gotthardbahn und dem neuen Gotthard-Basistunnel?

Die historische Gotthardbahn von 1882 verläuft über den Gotthard-Scheiteltunnel auf rund 1150 Metern Höhe und überwindet die Höhendifferenz durch spektakuläre Spiraltunnels. Der neue Gotthard-Basistunnel, eröffnet 2016, verläuft tief im Inneren der Alpen auf Niveau des Schweizer Mittellandes und ist mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt. Er ermöglicht Hochgeschwindigkeits- und schwere Güterzugverkehr ohne die steilen Rampen der alten Strecke.

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