Club der 27: Mythos, Mitglieder und die Wahrheit dahinter
Der Club der 27 ist ein informeller Begriff für eine Gruppe von Musikern und Künstlern, die alle im Alter von 27 Jahren starben - viele von ihnen Ikonen ihrer Zeit, deren Tod Generationen von Fans erschütterte. Der Begriff ist zugleich Trauerarbeit und Mythos, populärkulturelle Obsession und statistisches Missverständnis. Wer wirklich zum Club der 27 gehört, was diese Menschen verbindet und was die Wissenschaft tatsächlich über das Phänomen sagt, ist komplexer, als es zunächst scheint.

Ursprung des Begriffs
Die Idee eines "Clubs" entstand nicht spontan nach einem einzigen Todesfall. Die Wurzeln liegen in den Jahren 1969 bis 1971, als innerhalb kurzer Zeit drei große Rockmusiker im Alter von 27 Jahren starben: Jimi Hendrix (September 1970), Janis Joplin (Oktober 1970) und Jim Morrison (Juli 1971). Dazu gesellte sich kurz vorher, im Juli 1969, Brian Jones von den Rolling Stones. Dass drei dieser vier Todesfälle innerhalb von weniger als zwei Jahren stattfanden, sorgte in der Rockwelt für Bestürzung und erste Spekulationen über eine schicksalhafte Verbindung.
Obwohl diese Häufung damals Aufsehen erregte, wurde der Begriff "Club 27" erst nach dem Tod von Kurt Cobain im April 1994 wirklich populär. Cobain hatte enormen Einfluss auf die Rockmusik der frühen 1990er-Jahre, und Fans sowie Journalisten zogen sofort Verbindungen zu den anderen Musikern, die ebenfalls mit 27 Jahren gestorben waren. Medien berichteten von einem "Fluch" oder einer mysteriösen Verbindung zwischen den Musikern.
Der Begriff festigte sich endgültig nach dem Tod von Amy Winehouse im Juli 2011. Sie war die erste große Musikerin des 21. Jahrhunderts, die dem Club zugerechnet wurde. Ihre globale Bekanntheit sorgte dafür, dass das Thema von Australien bis Norwegen diskutiert wurde. Seither ist der Club der 27 fester Bestandteil der Popkultur.
Die bekanntesten Mitglieder
Sechs Namen werden fast immer als "Kernmitglieder" des Clubs der 27 genannt. Ihre Lebensgeschichten sind sehr unterschiedlich, doch sie teilen das Schicksal, auf dem Höhepunkt ihrer Popularität oder kurz nach ihrem Durchbruch gestorben zu sein.
Brian Jones (1942-1969)
Brian Jones war Mitgründer der Rolling Stones und anfangs die treibende musikalische Kraft der Band. Er brachte die anderen Mitglieder zusammen, benannte die Gruppe nach einem Muddy-Waters-Song und war zunächst der Bandleader. Er spielte unzählige Instrumente, von Gitarre über Mundharmonika bis hin zu orientalischen Saiteninstrumenten, und formte den frühen, blueslastigen Sound der Stones. Mit zunehmendem Drogenkonsum, psychischen Problemen und internen Machtkämpfen verlor er seinen Einfluss an Mick Jagger und Keith Richards. Im Juni 1969 wurde er aus der Band geworfen. Wenige Wochen später, am 3. Juli 1969, wurde er leblos in seinem Swimmingpool in Sussex aufgefunden. Die offizielle Todesursache lautete "Tod durch Ertrinken unter Einfluss von Alkohol und Drogen".
Jimi Hendrix (1942-1970)
Jimi Hendrix gilt bis heute als einer der einflussreichsten Gitarristen der Musikgeschichte. In einer Karriere von kaum vier Jahren revolutionierte er den Klang der E-Gitarre mit Techniken wie extremem Feedback, Tremolo-Effekten und einer Virtuosität, die Zeitgenossen verblüffte. Sein Debütalbum "Are You Experienced" (1967) war ein Meilenstein. Am 18. September 1970 starb er in London. Die Obduktion ergab, dass er nach dem Einnehmen einer Überdosis Schlaftabletten (Barbiturate) an seinem eigenen Erbrochenen erstickte. Er war 27 Jahre alt.
Janis Joplin (1943-1970)
Janis Joplin war eine der kraftvollsten Sängerinnen des Blues-Rock. Mit ihrer rauen, leidenschaftlichen Stimme schuf sie einen unverwechselbaren Stil, der Soul, Blues und psychedelischen Rock verband. Mit der Band Big Brother and the Holding Company und später als Solistin wurde sie zur Kultfigur. Am 4. Oktober 1970 - weniger als drei Wochen nach Hendrix - starb sie an einer Heroinüberdosis in einem Hotelzimmer in Los Angeles. Ihr posthum erschienenes Album "Pearl", auf dem das bekannte "Me and Bobby McGee" enthalten ist, wurde eines ihrer erfolgreichsten.
Jim Morrison (1943-1971)
Jim Morrison, Sänger und Texter der Doors, verkörperte wie kein anderer die literarische, dionysische Seite des Rock 'n' Roll. Er kombinierte Poesie, Philosophie und musikalische Improvisation zu einem künstlerischen Gesamtwerk. Songs wie "Light My Fire", "The End" und "Riders on the Storm" zählen zu den bedeutendsten der Rockgeschichte. Morrison lebte exzessiv, wurde zunehmend von Alkohol abhängig und zog sich nach Paris zurück. Am 3. Juli 1971 - exakt zwei Jahre nach Brian Jones - wurde er tot in seiner Badewanne aufgefunden. Die offizielle Todesursache lautete Herzversagen; eine Autopsie wurde nie durchgeführt, was bis heute Raum für Spekulationen lässt.
Kurt Cobain (1967-1994)
Kurt Cobain war Sänger, Gitarrist und Hauptsongschreiber von Nirvana. Mit dem Album "Nevermind" (1991) und dem Lied "Smells Like Teen Spirit" leitete er den weltweiten Durchbruch des Grunge ein und beeinflusste damit eine ganze Generation von Musikern und Hörern nachhaltig. Cobain litt an chronischen Magenschmerzen, schweren Depressionen und einer Heroinabhängigkeit. Der Ruhm war für ihn Bürde, nicht Freude. Am 5. April 1994 wurde er tot in seinem Haus in Seattle aufgefunden, nachdem er sich erschossen hatte. Sein Tod markiert für viele das emotionale Ende der Grunge-Bewegung.
Amy Winehouse (1983-2011)
Amy Winehouse war eine britische Singer-Songwriterin aus Nord-London, die mit ihrem Album "Back to Black" (2006) weltweit Bekanntheit erlangte und mehrere Grammy Awards gewann. Ihr Stil vereinte Soul, Jazz, Rhythm and Blues und Pop auf eine Weise, die in der modernen Musiklandschaft einzigartig war. Nach Jahren des öffentlichen Kampfes mit Alkohol- und Drogenproblemen, die intensiv medial verfolgt wurden, starb sie am 23. Juli 2011 in ihrer Wohnung im Londoner Stadtteil Camden. Die Obduktion ergab eine Blutalkoholkonzentration von 4,16 Promille. Ihr Tod wurde als versehentliche Alkoholvergiftung eingestuft.
Weitere Künstler im Club der 27
Die Liste der Menschen, die mit 27 Jahren starben, ist deutlich länger als die sechs bekanntesten Namen. Zu den weiteren Mitgliedern zählen:
- Robert Johnson (gestorben 1938): Legendärer Blues-Gitarrist aus Mississippi, dessen Einfluss auf den Rock 'n' Roll unermesslich ist. Er starb unter bis heute ungeklärten Umständen - möglicherweise an vergiftetem Whiskey.
- Jean-Michel Basquiat (gestorben 1988): Bildender Künstler und Musiker aus New York, der mit seiner Neo-Expressionismus-Malerei berühmt wurde und an einer Heroinüberdosis starb.
- Pete de Freitas (gestorben 1989): Schlagzeuger der britischen Post-Punk-Band Echo and the Bunnymen, verstorben bei einem Motorradunfall.
- Mia Zapata (gestorben 1993): Sängerin der Punk-Band The Gits aus Seattle, Opfer eines Gewaltverbrechens.
- Richey Edwards (vermisst seit 1995): Texter und Rhythmusgitarrist von Manic Street Preachers, der im Alter von 27 Jahren verschwand. Er ist offiziell für tot erklärt und wird gelegentlich dem Club zugerechnet.
Der Mythos und die Wissenschaft
Die Vorstellung, dass 27 ein besonders gefährliches Alter für Musiker ist, klingt verlockend und hat etwas von Schicksal oder Fluch. Tatsächlich gibt es für diese Annahme keine statistische Grundlage.
Eine umfangreiche Studie, die 2011 im British Medical Journal veröffentlicht wurde, untersuchte das Sterberisiko populärer Musiker systematisch und fand keinen signifikanten Anstieg bei 27-Jährigen. Das Sterberisiko war bei dieser Altersgruppe ähnlich hoch wie bei 25- oder 32-Jährigen. Eine australische Studie der Musikwissenschaftlerin Dianna Kenny zeigte, dass populäre Musiker statistisch am häufigsten mit 56 Jahren starben, nicht mit 27.
Psychologen und Mediziner haben betont, dass der Club der 27 ein Produkt des "Verfügbarkeitsheuristik" ist: Weil mehrere extrem bekannte Musiker zufällig mit 27 starben, erscheint das Muster auffällig, obwohl es statistisch nicht belastbar ist. Wären die berühmten Todesfälle bei 28 oder 29 Jahren eingetreten, hätte man dort ein "Muster" konstruiert. Wissenschaftler der Universität Stuttgart haben zudem auf einen möglichen Werther-Effekt hingewiesen: Wenn junge Künstler den Mythos des Club 27 als Teil einer "romantischen Musiker-Identität" internalisieren, könnte das Konzept selbst zur Selbstgefährdung beitragen.
Was statistisch stimmt, ist, dass Musiker in bestimmten Genres ein insgesamt erhöhtes Risiko für frühen Tod haben - durch Drogenmissbrauch, Alkohol, riskantes Verhalten und den psychischen Druck des Showgeschäfts. Dieses Risiko ist jedoch nicht auf das Alter von 27 Jahren beschränkt, sondern über einen weiten Altersbereich zwischen etwa 20 und 40 Jahren verteilt.
Was diese Künstler wirklich verbindet
Jenseits des Alters haben die bekanntesten Mitglieder des Clubs der 27 einige echte Gemeinsamkeiten. Fast alle starben an den direkten oder indirekten Folgen von Sucht, sei es Heroin, Alkohol oder andere Substanzen. Fast alle befanden sich in einer Phase erheblicher privater oder psychischer Krisen, oft kombiniert mit dem enormen Druck von Ruhm, öffentlicher Aufmerksamkeit und den Erwartungen der Musikindustrie. Und fast alle hinterließen ein unvollendetes künstlerisches Werk, das posthum weiter veröffentlicht wurde.
Diese Kombination aus genialer Kreativität, exzessivem Lebensstil, psychischer Vulnerabilität und frühem Tod ist es, die den Club der 27 so wirkungsvoll macht. Die Figur des "doomed artist", des verdammten Künstlers, der sich für seine Kunst verbrennt, ist ein romantisches Narrativ, das tief in der westlichen Kulturgeschichte verwurzelt ist. Es wäre jedoch falsch, diesen Tod zu verklären oder zu romantisieren. Die meisten dieser Musiker litten erheblich - ihre Geschichten sind nicht Glorie, sondern Tragödie.
Sucht, psychische Gesundheit und das Rockstar-Leben
Ein gemeinsamer Faden, der durch die Biografien fast aller Club-der-27-Mitglieder zieht, ist die Kombination aus überwältigender Kreativität, psychischen Erkrankungen und Substanzabhängigkeit. Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison lebten in einer Ära, in der Drogenkonsum in der Rockkultur nicht nur toleriert, sondern oft glorifiziert wurde. Heroin, Alkohol und Barbiturate gehörten zum Touring-Alltag vieler Musiker der 1960er und 1970er Jahre, ohne dass ernsthafte Unterstützungsstrukturen existierten.
Kurt Cobain litt dokumentiert an schweren Depressionen und chronischen Schmerzen, die er mit Heroin zu lindern versuchte. Amy Winehouse kämpfte öffentlich mit Alkohol und Drogen; Paparazzi und Boulevardmedien verfolgten ihren Verfall mit einer Intensität, die von Kritikern als mitverantwortlich für ihren Zusammenbruch bezeichnet wurde. Die Rockstars des 21. Jahrhunderts standen unter einem Mediendruck, den frühere Generationen nicht kannten.
Was sich für alle Mitglieder des Club der 27 sagen lässt: Ihr früher Tod war kein romantisches Schicksal, sondern das Ergebnis fehlender oder unzureichender Unterstützung bei psychischen und Suchterkrankungen. Heute bieten Organisationen wie die Deutsche Depressionshilfe und spezialisierte Einrichtungen für suchtgefährdete Künstler bessere Ressourcen - auch wenn der Druck auf junge Musiker unvermindert hoch bleibt.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Club der 27?
Der Club der 27 ist ein informeller Begriff für Musiker und Künstler, die alle im Alter von 27 Jahren starben. Die Bezeichnung entstand nach dem Tod von Kurt Cobain 1994 und wurde durch den Tod von Amy Winehouse 2011 weltweit bekannt. Zu den bekanntesten Mitgliedern zählen Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Brian Jones, Kurt Cobain und Amy Winehouse.
Warum sterben so viele Musiker mit 27 Jahren?
Statistisch gesehen sterben nicht überdurchschnittlich viele Musiker mit 27. Wissenschaftliche Studien im British Medical Journal zeigen, dass das Sterberisiko bei Musikern in diesem Alter vergleichbar ist mit dem bei 25 oder 32 Jahren. Die scheinbare Häufung der bekanntesten Fälle ist vor allem ein Wahrnehmungseffekt - weil mehrere Ikonen zufällig mit 27 starben, wurde daraus ein Muster konstruiert.
Wann ist Amy Winehouse gestorben und woran?
Amy Winehouse starb am 23. Juli 2011 in ihrer Wohnung in London. Die Todesursache war eine versehentliche Alkoholvergiftung mit einer Blutalkoholkonzentration von 4,16 Promille. Sie hatte nach einem Drogenentzug einen Rückfall in den Alkohol erlitten und war in den Jahren zuvor wiederholt wegen Suchtproblemen behandelt worden.
Ist Kurt Cobains Tod als Suizid eingestuft?
Ja. Kurt Cobain wurde am 8. April 1994 von einem Elektriker in seinem Haus in Seattle aufgefunden. Er war drei Tage zuvor, am 5. April 1994, gestorben. Die Behörden stuften seinen Tod als Suizid ein. Cobain hinterließ einen Brief, der als Abschiedsschreiben interpretiert wird. Kurz vor seinem Tod hatte er eine Entzugsklinik verlassen.
Wer gilt als das älteste bekannte Mitglied des Club der 27?
Robert Johnson, der Bluesgitarrist aus Mississippi, starb bereits 1938 mit 27 Jahren und gilt als eines der frühesten bekannten Mitglieder. Sein Tod unter mysteriösen Umständen - und die Legende, er habe seine Seele dem Teufel verkauft - passt symbolisch in das Narrativ des Club der 27.
Gibt es neuere Mitglieder im Club der 27 nach Amy Winehouse?
Es gibt weitere Musiker, die nach 2011 mit 27 Jahren starben und gelegentlich im Zusammenhang mit dem Club der 27 erwähnt werden, darunter einige Rapper. Keiner dieser Todesfälle erreichte die globale Aufmerksamkeit der klassischen Mitglieder. In der öffentlichen Wahrnehmung bleibt Amy Winehouse das letzte Mitglied, das dem Club kulturell zugerechnet wird.