Schildmaiden der Wikinger: Mythos, Saga und Geschichte
Schildmaiden gehören zu den faszinierendsten Figuren der nordischen Mythologie und Sagaliteratur. Als bewaffnete Kriegerinnen, die in Schlachten kämpften und Männern ebenbürtig waren, inspirierten sie Generationen von Schriftstellern, Filmemachern und Spieleentwicklern. Doch wer waren diese Frauen wirklich, was sagen die historischen Quellen über sie aus, und wie viel davon ist gesichertes Wissen? Die Antworten sind komplexer und nuancierter, als die populäre Darstellung in Film und Fernsehen vermuten lässt.

Der Begriff Schildmaid: Herkunft und Bedeutung
Das altnordische Wort für Schildmaid lautet "skjaldmær" (ausgesprochen etwa "skjald-mair"). Es setzt sich aus "skjald" (Schild) und "mær" (Mädchen, Jungfrau) zusammen. Der Begriff taucht in verschiedenen altnordischen Texten auf, darunter in der Prosa-Edda, der Poetischen Edda und in mehreren Sagas aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Im heutigen Isländischen ist "mær" noch immer ein archaisches Wort für eine junge Frau.
In der nordischen Vorstellungswelt bezeichnete der Begriff eine Frau, die das Leben einer Kriegerin gewählt hatte. Sie trug Waffen, kämpfte in Schlachten und lehnte die gesellschaftlich erwartete Rolle als Hausfrau und Mutter ab. Dieses Bild ist in erster Linie literarisch geprägt und entsprang der Imagination mittelalterlicher Dichter, die teilweise Jahrhunderte nach der eigentlichen Wikingerzeit schrieben.
Verwandt mit dem Konzept, aber nicht identisch, sind die Walküren der nordischen Mythologie. Diese übernatürlichen Figuren wählten auf Befehl Odins die Gefallenen auf dem Schlachtfeld aus und brachten sie nach Walhall. Walküren wie Brynhildr werden manchmal ebenfalls als Kriegerinnen beschrieben. Schildmaiden hingegen werden in den Sagas als sterbliche Frauen dargestellt, nicht als göttliche oder halbgöttliche Wesen. Dieser Unterschied ist für das historische Verständnis wesentlich.
Schildmaiden in den altnordischen Sagas
Die wichtigste Quelle für Schildmaiden ist die Sagaliteratur des Mittelalters. Besonders in den sogenannten Fornaldarsögur (Vorzeitsagas) tauchen kämpfende Frauen regelmäßig auf. Diese Texte wurden im 13. und 14. Jahrhundert in Island aufgezeichnet, beschreiben aber eine mythische Vorzeit, die Jahrhunderte weiter zurückreicht. Die zeitliche Distanz zwischen Entstehungszeit und geschilderten Ereignissen ist dabei erheblich.
Hervör ist eine der bekanntesten Schildmaiden aus der Sagaliteratur. In der Hervarar-Saga wächst sie als Bauerntochter auf, lehnt das weibliche Leben ab und bricht aus, um das magische Schwert Tyrfing von ihrem toten Vater zu stehlen. Sie verkleidet sich als Mann, kämpft als Kriegerin und stirbt schließlich im Kampf, um ihre Tochter zu beschützen. Die Geschichte enthält deutliche mythische Elemente wie das verzauberte Schwert und Totenbeschwörung, kann aber als literarischer Ausdruck der Vorstellung gelten, dass manche Frauen sich der Kriegerkultur verschreiben konnten.
Saxo Grammaticus beschreibt in seinem lateinischsprachigen Werk "Gesta Danorum" aus dem späten 12. Jahrhundert ebenfalls kämpfende Frauen. Er nennt sie "Schildträgerinnen" und berichtet von ihrer Teilnahme an der legendären Heiðabraut-Schlacht. Saxo ist jedoch kein neutraler Chronist: Er schreibt über eine mythische Vorzeit, mischt Geschichte mit Legende und verfolgt eine eigene politische Agenda zur Glorifizierung der dänischen Geschichte.
Weitere Schildmaiden in der Literatur
Neben Hervör und Lagertha gibt es weitere Schildmaid-Figuren in der nordischen Sagaliteratur. Brynhildr aus der Völsungasaga ist eine mächtige Kriegerin mit übernatürlichen Fähigkeiten, die eng mit der Walküren-Tradition verknüpft ist. Stikla und Visna werden in der Saga von Bravalla-Schlachtbeschreibungen als Anführerinnen von Frauenarmeen erwähnt. Diese Figuren zeigen, dass das Konzept der kämpfenden Frau in der nordischen Literatur kein Ausnahmefall war, sondern ein wiederkehrendes Motiv.
Lagertha: Die bekannteste Schildmaid
Lagertha ist heute wohl die berühmteste Schildmaid, vor allem durch ihre Darstellung in der Fernsehserie "Vikings" (2013-2020) bekannt, in der sie von der Schauspielerin Katheryn Winnick verkörpert wird. Historisch stammt ihr Name ebenfalls aus Saxo Grammaticus' "Gesta Danorum".
Saxo beschreibt Lagertha als norwegische Kriegerin, die an der Seite des legendären Ragnar Lodbrok kämpfte. Nach einer gemeinsamen militärischen Unternehmung heirateten sie, trennten sich später, und Lagertha heiratete einen anderen Fürsten, den sie nach Berichten schließlich tötete. Ob hinter dieser Figur eine reale historische Person steckt, ist unter Forschern umstritten. Viele Historiker betrachten Lagertha als literarische Schöpfung, die möglicherweise auf nordischen Göttinnen wie Thorgerd oder auf allgemeinen Kriegerinnen-Archetypen basiert.
Die Fernsehserie hat Lagertha zu einer modernen Ikone gemacht. Sie verkörpert darin eine unabhängige, kampferprobte Frau, die Stärke und Würde verbindet und gleichzeitig als Ehefrau, Mutter und politische Führerin agiert. Diese zeitgemäße Darstellung entspricht nicht unbedingt der historischen Quellenlage, hat aber das Interesse an der Wikingerzeit und ihren weiblichen Figuren erheblich gesteigert und neue Leser in die Sagaliteratur gelockt.
Das Grab von Birka: Archäologische Belege
Die wichtigste archäologische Entdeckung im Zusammenhang mit weiblichen Wikinger-Kriegerinnen wurde in Birka gemacht, einem bedeutenden Handelsplatz im heutigen Schweden, der zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert eine wichtige Rolle in der skandinavischen Welt spielte. Das Grab mit der Bezeichnung Bj 581 wurde 1878 vom Archäologen Hjalmar Stolpe dokumentiert. Er beschrieb es als eines der außergewöhnlichsten Gräber im gesamten Gebiet, wegen der reichen Beigaben.
Das Grab enthielt eine außergewöhnliche Kriegerausstattung: zwei Schilde, ein Schwert, ein Messer, einen Speer, Pfeile, ein vollständiges Pferd sowie Spielsteine aus einem Brettspiel, die als Hinweis auf taktisches Denken und Führungsqualitäten interpretiert werden. Aufgrund dieser Waffenbeigaben gingen Forscher lange Zeit davon aus, dass es sich um das Grab eines männlichen Kriegers gehandelt habe.
Eine osteologische Analyse im Jahr 2014 und ein DNA-Test im Jahr 2017 ergaben jedoch, dass die Überreste eindeutig von einer Frau stammten. Die Veröffentlichung der DNA-Studie im renommierten Journal "American Journal of Physical Anthropology" löste weltweit Aufsehen aus und wurde in Hunderten von Medien diskutiert.
Die wissenschaftliche Debatte um Bj 581
Die Interpretation des Grabes ist unter Archäologen nicht unumstritten. Einige Forscher akzeptieren die Schlussfolgerung, dass es sich um eine weibliche Kriegerin gehandelt habe, und verweisen auf die Kombination aus DNA-Befund und Waffenbeigaben als schlüssig. Andere weisen darauf hin, dass die Waffenbeigaben symbolischen Charakter haben könnten oder dass die Frau eine militärische Führungsrolle innehatte, ohne selbst aktiv zu kämpfen. Historiker wie Dr. Matthias Toplak haben die Befunde mehrfach kritisch reanalysiert und betonen, dass weitere Funde nötig sind, um weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen. Unabhängig davon bleibt das Grab von Birka der bisher stärkste archäologische Hinweis auf kämpfende Frauen in der Wikingerzeit.
Historische Realität und wissenschaftliche Debatte
Die Frage, ob Schildmaiden historisch wirklich existierten, ist in der Forschung nicht abschließend geklärt. Schriftliche Quellen aus der Wikingerzeit selbst, also Runeninschriften oder zeitgenössische arabische und fränkische Berichte über Wikingerzüge, erwähnen kämpfende Frauen nicht systematisch. Die meisten Sagas wurden erst im 13. und 14. Jahrhundert niedergeschrieben, also 200 bis 400 Jahre nach dem Ende der klassischen Wikingerzeit.
Archäologische Befunde zeigen, dass Frauen in der nordischen Gesellschaft eine komplexe Rolle spielten. Es gibt Gräber mit Waffenbeigaben für Frauen an mehreren Orten in Skandinavien, nicht nur in Birka. Ob diese Frauen aktive Kriegerinnen waren oder ob die Waffen symbolische, religiöse oder statusbezogene Bedeutung hatten, bleibt Gegenstand der laufenden Forschung.
Neuere historische Studien tendieren dazu, ein nuancierteres Bild zu zeichnen. Frauen in der Wikingerzeit hatten möglicherweise mehr Handlungsspielraum als in vielen anderen mittelalterlichen Gesellschaften. Sie konnten Land besitzen, erben und in Abwesenheit ihrer Männer Höfe und Güter verwalten. Scheidung war rechtlich möglich. Dass vereinzelte Frauen auch Kampferfahrung hatten oder an Konflikten teilnahmen, erscheint vor diesem Hintergrund plausibel, auch wenn flächendeckende Belege fehlen.
Schildmaiden in der modernen Popkultur
Die Figur der Schildmaid hat in der modernen Popkultur eine bemerkenswerte Renaissance erlebt. Neben der Fernsehserie "Vikings" tauchen Schildmaiden in Videospielen wie "Assassin's Creed Valhalla" auf, in dem die Spielerin Eivor eine kämpfende Frau spielt. In Fantasy-Romanen, Tabletop-Rollenspielen und der Living-History-Bewegung ist der Begriff ebenfalls allgegenwärtig geworden.
Dabei ist zu beachten, dass diese modernen Darstellungen oft mehr mit zeitgenössischen Vorstellungen von Geschlechterrollen zu tun haben als mit historischer Genauigkeit. Die Schildmaid erfüllt heute eine andere Funktion als in den mittelalterlichen Sagas: Sie dient als Symbol für weibliche Stärke, Unabhängigkeit und Gleichberechtigung. Das ist keine Kritik, sondern eine Beobachtung: Jede Epoche interpretiert historische Figuren durch die Brille ihrer eigenen Werte.
Historiker weisen gelegentlich darauf hin, dass die Popularisierung von Schildmaiden zu einem vereinfachten Bild der Wikingerzeit führen kann. Gleichzeitig anerkennen viele, dass das gestiegene Interesse an diesen Figuren dazu beigetragen hat, die Archäologie und Geschichte der nordischen Frauen stärker in den Fokus der Wissenschaft zu rücken. Neue Grabungsprojekte und Reanalysen alter Funde wurden durch die Debatte um das Birka-Grab angestoßen - ein Beispiel dafür, wie populärkulturelles Interesse die Wissenschaft befruchten kann.
Schildmaiden und die nordische Religion
Ein oft übersehener Aspekt der Schildmaid-Tradition ist ihre Verbindung zur nordischen Religion. In der Ásatrú, der altgermanischen Götterverehrung, nahmen Frauen bedeutende spirituelle Rollen ein. Seiðr-Praktizierende (Seherinnen) und Vǫlven (Prophetinnen) waren gesellschaftlich angesehene Figuren, die Zugang zu übernatürlichem Wissen hatten. Einige Forscher vermuten, dass die Schildmaid-Tradition mit diesen religiösen Rollen verwoben war: Frauen, die die gesellschaftlichen Grenzen des Weiblichen überschritten, könnten sowohl als Kriegerinnen als auch als spirituelle Vermittlerinnen agiert haben.
Die Verbindung zwischen Walküren und Schildmaiden ist in diesem Kontext besonders interessant. Brynhildr, eine der berühmtesten Walküren der Edda, wird in einigen Versionen als menschliche Schildmaid dargestellt, die von Odin in einen Schlaf versetzt wurde. Diese fließenden Grenzen zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen sind charakteristisch für die nordische Mythologie und erschweren die historische Einordnung von Schildmaiden zusätzlich.
Archäologische Befunde aus Frauengräbern zeigen zudem, dass Amulette, Opfergaben und religiöse Objekte häufig gemeinsam mit Waffen gefunden werden. Dies legt nahe, dass Kriegerinnen und spirituelle Führerinnen möglicherweise dieselbe Person sein konnten - eine Frau, die sowohl kämpfte als auch rituelle Funktionen übernahm.
Häufig gestellte Fragen
Gab es Schildmaiden wirklich, oder sind sie nur Mythos?
Die Antwort liegt irgendwo dazwischen. Als literarische Figuren in den Sagas sind Schildmaiden klar belegt. Das Grab von Birka (Bj 581) liefert archäologische Hinweise auf eine weibliche Person mit vollständiger Kriegerausstattung. Ob es ein weit verbreitetes Phänomen weiblicher Kriegerinnen in der Wikingerzeit gab, ist historisch nicht gesichert.
Wer war Lagertha?
Lagertha ist eine Figur aus Saxo Grammaticus' "Gesta Danorum" (12. Jahrhundert). Sie wird als Kriegerin beschrieben, die an der Seite von Ragnar Lodbrok kämpfte. Ob hinter dieser Figur eine reale Person steckt, ist unter Historikern umstritten. Moderne Bekanntheit erlangte sie durch die Fernsehserie "Vikings" (2013-2020).
Was ist das altnordische Wort für Schildmaid?
Das altnordische Wort lautet "skjaldmær". Es setzt sich aus "skjald" (Schild) und "mær" (Mädchen, Jungfrau) zusammen und bezeichnet in der nordischen Sagaliteratur eine Frau, die das Leben einer Kriegerin gewählt hat.
Was wurde in Birka gefunden?
Im Grab Bj 581 in Birka wurden die Überreste einer Person gefunden, die ursprünglich für männlich gehalten wurde. Waffenbeigaben wie Schilde, Schwert, Pfeile und ein Pferd deuteten auf einen hochrangigen Krieger hin. DNA-Tests aus dem Jahr 2017 zeigten jedoch, dass die Person weiblich war, was eine intensive wissenschaftliche Debatte auslöste.
Was unterscheidet eine Schildmaid von einer Walküre?
Walküren sind übernatürliche Figuren der nordischen Mythologie, die auf Odins Befehl die Gefallenen im Kampf auswählen und nach Walhall bringen. Schildmaiden hingegen werden in den Sagas als sterbliche Frauen dargestellt, die sich für das Leben als Kriegerin entschieden haben. Der wesentliche Unterschied liegt in ihrer Natur: göttlich-mythisch gegenüber menschlich-historisch.
Wie wurden Schildmaiden in der nordischen Gesellschaft gesehen?
In den Sagas werden Schildmaiden oft mit Bewunderung, manchmal auch mit Ambivalenz betrachtet. Ihre Entscheidung, weibliche Rollenerwartungen abzulegen, wird als außergewöhnlich dargestellt. Die reale nordische Gesellschaft war hierarchisch und patriarchalisch, bot Frauen aber im Vergleich zu anderen mittelalterlichen Kulturen relativ mehr rechtliche Handlungsmöglichkeiten.
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