Ausländische Autos aus den Niederlanden: Montagewerke und ihre Geschichte
Die Niederlande gelten nicht als klassisches Automobilland – und doch wurden dort über Jahrzehnte hinweg Hunderttausende Fahrzeuge gebaut, die ursprünglich amerikanische, britische, schwedische, japanische und deutsche Konstruktionen waren. Hohe Importzölle, günstige Hafenanbindungen und staatliche Wirtschaftsförderung machten das kleine Land zu einem attraktiven Standort für ausländische Hersteller, die den europäischen Markt bedienen wollten. Von Rotterdam über Amsterdam bis Born im Limburger Zipfel entstand eine erstaunlich vielfältige Montagegeschichte.
Die Anfänge: Assemblage vor und nach dem Zweiten Weltkrieg
Bereits in der Zwischenkriegszeit erkannten ausländische Automobilhersteller die Vorteile einer lokalen Fertigung in den Niederlanden. Wer Fahrzeuge als Bausätze (sogenannte CKD-Pakete, „Completely Knocked Down") einführte, umging hohe Zölle auf fertige Importwagen erheblich. Ende 1938 entstand am Scheldeplein in Amsterdam die Nederlandsche Fabriek Autobouw, die unter anderem Willys-Modelle zusammenbaute.
In den 1950er-Jahren wurde in Sassenheim die Marke DKW montiert: Zwischen 1955 und 1960 liefen dort rund 15.000 Fahrzeuge vom Band, vorwiegend für den niederländischen Inlandsmarkt. Auch dieser Betrieb war eine direkte Antwort auf die Zollstruktur der frühen Nachkriegsjahre.
NEKAF in Rotterdam: Kaiser, Simca, Hillman und der Jeep
Das bemerkenswerteste Montagewerk der frühen Nachkriegszeit war die Nederlandse Kaiser Automobiel Fabriek (NEKAF) in Rotterdam. Am 21. Februar 1949 rollte auf dem Gelände am Sluisjesdijk der erste niederländische Kaiser vom Band – mit ausdrücklicher Unterstützung der niederländischen Regierung, die in der neu gegründeten Benelux-Zone einen strategisch günstigen Standort sah.
NEKAF war von Beginn an mehr als ein Ein-Marken-Betrieb. Das Werk montierte im Laufe der Zeit ein breites Spektrum ausländischer Fahrzeuge:
- Kaiser und Frazer – die ersten vollständig neuen amerikanischen Modelle nach dem Krieg
- Henry J – ein kompakter Kaiser-Ableger, ab 1951 in Rotterdam assembliert
- Simca 8-1200 – ab Februar 1950, der erste europäische Pkw im Werk
- Hillman Minx und Hillman Husky – zwischen 1953 und 1957 insgesamt rund 2.170 Einheiten
- Willys Aero – 1954 bis 1957, 576 Exemplare
- Jeep M38A1 – 5.674 Exemplare für die niederländische Armee; dieser Jeep wurde unter Wehrpflichtigen schlicht als „die NEKAF" bekannt
- Saab 96 – 1962 und 1963 wurden noch 570 Einheiten des schwedischen Kompaktwagens montiert
Ende 1958 wurde NEKAF liquidiert; der Betrieb lief unter dem Namen Chrysler Benelux weiter und schloss schließlich 1971 die Tore.
Ford in Amsterdam: vier Jahrzehnte am Noordzeekanaal
Eine der langlebigsten ausländischen Automontagen der Niederlande war die Ford-Fabrik in Amsterdam. Bereits ab 1933 wurde am Noordzeekanaal produziert; nach Kriegsende, von 1945 bis 1964, liefen dort deutsche, englische und vereinzelt amerikanische Ford-Modelle vom Band. Zu den bekanntesten Fahrzeugen zählten:
- Ford Anglia und Ford Corsair (britische Produkte)
- Ford Cortina
- Ford Taunus (aus deutscher Entwicklung)
Neben Personenwagen wurden in Amsterdam auch Nutzfahrzeuge, Lieferwagen und Kombis assembliert. Die Fabrik blieb bis 1981 in Betrieb und war damit eines der am längsten aktiven Automontagewerke des Landes.
Britische Marken in Amersfoort: Molenaar und die Morris-Familie
Der frühere Importeur der britischen Marke Morris, J.J. Molenaar in Amersfoort, baute von 1959 bis 1966 in einer eigens errichteten Fabrik britische Fahrzeuge zusammen. Das Programm umfasste den Morris Minor, den MG, den Austin Seven sowie den Innocenti Mini. Insgesamt entstanden in Amersfoort etwas über 4.000 Fahrzeuge – bescheiden in der Stückzahl, aber ein typisches Beispiel für die vielköpfige niederländische Assemblage-Kultur der 1960er-Jahre.
NedCar in Born: das größte Automontagewerk der Niederlande
Das bedeutendste und langlebigste Montagewerk ausländischer Fahrzeuge war zweifellos das Werk in Born im südniederländischen Limburg – bekannt unter dem Namen NedCar und später VDL Nedcar. Mit einer Kapazität von bis zu 240.000 Fahrzeugen pro Jahr war es das größte Automobilwerk des Landes. Seine Geschichte umspannt mehr als fünf Jahrzehnte und mehrere internationale Konzerne.
Von DAF zu Volvo (1967–2004)
Die Fabrik wurde 1967 gegründet und am 27. Juni 1968 von Königin Juliana offiziell eröffnet – zunächst als DAF-Werk für die Modelle DAF 44 und DAF 55. Als Volvo 1975 die Pkw-Sparte von DAF übernahm, wandelte sich Born zum schwedischen Produktionsstandort. Produziert wurden unter anderem:
- Volvo 66 (1975–1981) – ein umgelabelter DAF 66
- Volvo 343/345 (1976–1991)
- Volvo 440/460 (1987–1996)
- Volvo S40/V40 (erste Generation, 1995–2004)
Mitsubishi-Ära (1991–2012)
Ab August 1991 entstand ein Joint Venture zwischen dem niederländischen Staat, Volvo und Mitsubishi Motors. 1996 wurde das Unternehmen offiziell in Netherlands Car B.V. (NedCar) umbenannt. Das Werk teilte sich Produktionslinien: Der Volvo S40/V40 teilte die Fertigungsstraße mit dem Mitsubishi Carisma. In der Folge entstanden in Born außerdem:
- Mitsubishi SpaceStar
- Mitsubishi Colt (bis 2012)
- Mitsubishi Outlander
- Smart ForFour – als enger Verwandter des Colt, in Kooperation mit DaimlerChrysler
Volvo beendete seine Produktion in Born 2004; Mitsubishi folgte 2012.
BMW und Mini (2014–2024)
Nach einer kurzen Pause übernahm die niederländische Industriegruppe VDL Groep das Werk und schloss einen Vertrag mit der BMW Group. Ab 2014 wurde der Mini Hatch gefertigt, ab 2017 auch der BMW X1 (F48). Im Februar 2024 rollte das letzte Fahrzeug – ein silbergrauer Mini Cabrio – vom Band. Da die BMW Group den Vertrag nicht verlängerte, schloss VDL Nedcar im März 2024.
Seit 2025 wird das Gelände in Born für eine völlig andere Zweckbestimmung vorbereitet: Verteidigungsminister Ruben Brekelmans und VDL kündigten an, das Werk teilweise zur Produktion von Militärdrohnen und Rüstungsgütern umzurüsten. Die Provinz Limburg und VDL investieren gemeinsam 25 Millionen Euro in das Gelände.
Tesla in Tilburg: Endmontage für Europa (2013–2021)
Auch der amerikanische Elektroautohersteller Tesla nutzte die Niederlande als Montagestandort. Ab 2013 betrieb Tesla in Tilburg ein Endmontagewerk, in dem Model S und Model X für den europäischen Markt fertiggestellt wurden. Das Konzept war bewährt: CKD-Pakete aus den USA einführen, in den Niederlanden assemblieren und so europäische Importzölle auf Fertigfahrzeuge reduzieren. Die Anlage war die erste Tesla-Produktionsstätte außerhalb der Vereinigten Staaten.
2021 wurde die Fahrzeugmontage eingestellt, nachdem das aktualisierte Model S und Model X eine Komplettüberarbeitung erhalten hatten, die die bisherige Fertigungslogistik in Tilburg hinfällig machte. Der Standort ist weiterhin in Betrieb – als Logistikzentrum, Teilelager, Spritzlackierwerk und Analysezentrum für Batteriepakete. Eine Fahrzeugproduktion findet in Tilburg seit 2026 nicht mehr statt.
Häufig gestellte Fragen
Welche ausländischen Automarken wurden in den Niederlanden montiert?
Im Laufe der Jahrzehnte wurden in den Niederlanden unter anderem Fahrzeuge der Marken Kaiser, Frazer, Henry J, Simca, Hillman, Willys, Jeep, Saab, Ford, Morris, MG, Austin, Volvo, Mitsubishi, Smart, Mini, BMW und Tesla assembliert oder endgefertigt.
Was wurde in der NedCar-Fabrik in Born produziert?
Das Werk in Born (Limburg) produzierte seit 1968 zunächst DAF-Modelle, dann Volvo-Fahrzeuge (u. a. Volvo 343, S40), anschließend Mitsubishi-Modelle (Carisma, Colt, Smart ForFour) und zuletzt Mini Hatch sowie BMW X1. Im März 2024 schloss die Fabrik endgültig als Automontagewerk.
Warum haben ausländische Hersteller Autos in den Niederlanden gebaut?
Der wichtigste Grund waren Importzölle: Auf fertig montierte Fahrzeuge wurden höhere Abgaben erhoben als auf zerlegte Bausätze (CKD). Zudem boten die niederländischen Seehäfen günstige Logistikbedingungen, und staatliche Wirtschaftsförderung machte Investitionen attraktiv.
Hat Tesla heute noch eine Fabrik in den Niederlanden?
Tesla betreibt seit 2013 eine Anlage in Tilburg, die jedoch seit 2021 keine Fahrzeuge mehr montiert. Der Standort dient seitdem als Logistik- und Servicezentrum sowie als Analysehub für Batteriepacks.
Was passiert mit dem ehemaligen VDL Nedcar-Werk in Born?
Das 2024 geschlossene Automontagewerk in Born wird seit 2025 schrittweise zur Produktion von Militärdrohnen und Rüstungsmaterial umgebaut. VDL Groep und die Provinz Limburg investieren gemeinsam 25 Millionen Euro in die Neuausrichtung des Geländes.
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