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Wer entdeckte die Radioaktivität: Curie oder Becquerel?

Veröffentlicht 22. Mai 2026 Aktualisiert 15. Juni 2026

Wer entdeckte die Radioaktivität: Marie Curie oder jemand anders?

Die Entdeckung der Radioaktivität zählt zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Errungenschaften des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie veränderte das Bild der Materie grundlegend und ebnete den Weg für die moderne Kern- und Teilchenphysik. Doch wer hat diese unsichtbare Strahlung tatsächlich entdeckt? Die Antwort ist nicht so eindeutig, wie sie zunächst erscheinen mag: Mehrere Wissenschaftler trugen entscheidend zu diesem Durchbruch bei - allen voran Henri Becquerel und das Ehepaar Marie und Pierre Curie. Ihre Geschichte ist eine der faszinierendsten in der Wissenschaftsgeschichte: geprägt von Zufallsfunden, hartnäckiger Forschungsarbeit und dem Kampf einer Frau um Anerkennung in einer von Männern dominierten Welt.

Henri Becquerel: Der Mann, der die Strahlung zufällig fand

Es war der 1. März 1896, als der französische Physiker Henri Antoine Becquerel in seinem Pariser Labor eine Entdeckung machte, die er zunächst selbst kaum einzuordnen wusste. Becquerel stammte aus einer Gelehrtenfamilie - sowohl sein Vater Alexandre-Edmond als auch sein Großvater Antoine César hatten sich mit Phosphoreszenz beschäftigt, also dem Leuchten von Stoffen nach vorheriger Lichteinwirkung. Diese familiäre Tradition prägte auch Henris wissenschaftliche Interessen.

Becquerel wollte ursprünglich den Zusammenhang zwischen der kurz zuvor von Wilhelm Conrad Röntgen entdeckten Röntgenstrahlung und phosphoreszierenden Substanzen untersuchen. Seine Hypothese: Phosphoreszenz und Röntgenstrahlung könnten zusammenhängen. Er legte Uransalze auf eine in schwarzes Papier eingewickelte Fotoplatte und wollte sie dem Sonnenlicht aussetzen - in der Hoffnung, die durch Licht angeregte Phosphoreszenz würde die Platte belichten. Doch das Wetter spielte nicht mit: Tagelang war es bewölkt in Paris.

Becquerel legte die Uransalze zusammen mit der unbelichteten Platte in eine Schublade und wartete auf besseres Wetter. Als er die Platte einige Tage später dennoch entwickelte - eher aus Routine als mit großer Erwartung - war er überrascht: Die Platte zeigte deutliche Schwärzungen, obwohl sie nie dem Sonnenlicht ausgesetzt worden war. Das Uran sendete offenbar von selbst eine unsichtbare Strahlung aus, unabhängig von jeder Lichteinwirkung. Becquerel hatte das Phänomen entdeckt, das wir heute als natürliche Radioaktivität bezeichnen. Er nannte es zunächst "Uranstrahlung".

Für diese Entdeckung erhielt Henri Becquerel 1903 gemeinsam mit Marie und Pierre Curie den Nobelpreis für Physik. Als internationale Maßeinheit der Aktivität radioaktiver Substanzen wurde zu seinen Ehren das Becquerel (Bq) benannt: Ein Becquerel entspricht einem radioaktiven Zerfall pro Sekunde. Diese Einheit wird heute weltweit in der Strahlenschutz-Messtechnik, in der Nuklearmedizin und bei Umweltmessungen verwendet.

Marie Curie: Von der Doktorandin zur Doppel-Nobelpreisträgerin

Marie Curie, geboren 1867 als Maria Sklodowska in Warschau im damals russisch besetzten Polen, kam 1891 nach Paris, um Physik zu studieren - in einer Zeit, in der Frauen an den meisten europäischen Universitäten noch nicht zugelassen waren. Schon in Warschau hatte sie sich durch heimliches Lernen an der illegalen "Fliegenden Universität" Wissen angeeignet, da Polen unter russischer Herrschaft keine freie Bildung für Frauen zuließ. In Paris brillierte sie als eine der wenigen Frauen an der Sorbonne und schloss ihr Studium der Physik als Jahrgangsbeste ab.

Nach ihrer Heirat mit dem Physiker Pierre Curie begann sie eine Doktorarbeit, für die sie Becquerels Entdeckung als Ausgangspunkt wählte. Systematisch untersuchte sie verschiedene Substanzen auf ihre Strahlungseigenschaften. Dabei stellte sie fest, dass nicht nur Uran, sondern auch Thorium ähnliche Strahlen aussendet. Wichtiger noch: Die Intensität der Strahlung war direkt proportional zur Menge des enthaltenen Urans oder Thoriums - unabhängig von der chemischen Verbindung, in der das Element vorlag. Das war ein revolutionärer Befund: Die Strahlung war eine Eigenschaft des Atoms selbst, nicht der chemischen Bindung. Marie Curie prägte für dieses Phänomen den Begriff "Radioaktivität" - von lateinisch "radius" (Strahl).

Polonium und Radium: Zwei neue Elemente

Bei der Untersuchung von Pechblende - einem uranhaltigen Erz aus dem böhmischen Bergwerk von Joachimsthal (heute Jáchymov in Tschechien) - machte Marie Curie gemeinsam mit ihrem Mann Pierre eine verblüffende Beobachtung: Die Strahlung des Erzes war deutlich stärker, als der bekannte Urangehalt erklären konnte. Das konnte nur bedeuten, dass in dem Erz weitere, bisher unbekannte strahlende Elemente enthalten sein mussten.

In mühsamer Kleinarbeit - tonnenweise Pechblende wurde in einem provisorischen Schuppen in Paris verarbeitet, da kein offizielles Laboratorium zur Verfügung stand - gelang es den Curies 1898, zunächst das Element Polonium zu isolieren. Marie benannte das neue Element nach ihrer polnischen Heimat, die damals unter russischer, preußischer und österreichischer Besatzung stand und auf keiner Landkarte existierte - ein stilles politisches Statement. Wenige Monate später, im Dezember 1898, folgte die Entdeckung und schrittweise Isolierung des Radiums, eines noch stärker strahlenden Elements. Für die Gewinnung von einem Gramm reinem Radiumchlorid mussten rund zehn Tonnen Pechblende verarbeitet werden - eine erschöpfende Arbeit, die Marie Curie physisch stark belastete.

Die Entdeckung dieser neuen Elemente bewies endgültig, dass Radioaktivität eine atomare Eigenschaft einzelner Elemente ist. Damit widerlegten die Curies die bis dahin vorherrschende Annahme von der Unteilbarkeit und Unveränderlichkeit der Atome. Diese Erkenntnis war ein erster, wegweisender Blick in die innere Struktur der Materie und ebnete den Weg für die Atomphysik des 20. Jahrhunderts.

Die Nobelpreise und ihre historische Bedeutung

1903 erhielten Marie und Pierre Curie gemeinsam mit Henri Becquerel den Nobelpreis für Physik "in Anerkennung der außerordentlichen Verdienste, die sie durch ihre gemeinsamen Forschungen über die von Professor Henri Becquerel entdeckten Strahlungsphänomene erworben haben". Marie Curie war damit die erste Frau überhaupt, die einen Nobelpreis erhielt - eine historische Zäsur in der von Männern dominierten Wissenschaftswelt der Jahrhundertwende.

1911 wurde ihr erneut der Nobelpreis verliehen - diesmal der Nobelpreis für Chemie, für die Entdeckung und Isolierung des Radiums und Poloniums sowie die Bestimmung der Atommasse des Radiums. Sie wurde damit zur ersten Person überhaupt, die Nobelpreise in zwei verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen erhielt - eine Leistung, die bis heute nur wenige andere Wissenschaftler erreicht haben. Diese Auszeichnung erfolgte mitten in einer persönlichen Krise: Pierre Curie war 1906 bei einem Straßenunfall ums Leben gekommen, und Marie stand unter dem Druck von Skandalberichten in der Boulevardpresse über eine angebliche Liebesaffäre. Der Nobelpreis-Ausschuss versuchte sogar, sie von der Reise nach Stockholm abzuhalten. Marie Curie ließ sich nicht beirren.

Wissenschaftliche Anerkennung trotz systematischer Hindernisse

Der Weg zu diesen Ehrungen war für Marie Curie alles andere als selbstverständlich. Bei der Verleihung des ersten Nobelpreises 1903 hatte die Schwedische Akademie der Wissenschaften ursprünglich nur Pierre Curie und Henri Becquerel nominiert - auf Maries fundamentalen Beitrag wurde erst nach Intervention ihres Mannes hingewiesen, der ausdrücklich klarstellte, dass die Entdeckungen ohne sie nicht möglich gewesen wären. Auch die Aufnahme in die Academie des Sciences in Paris wurde ihr 1911 mit knapper Mehrheit verweigert, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits zweifache Nobelpreisträgerin war. Dieses Gremium nahm erst 1962 erstmals eine Frau auf.

Warum die Radioaktivität eine kollektive Entdeckung ist

Die Frage, wer die Radioaktivität entdeckt hat, lässt sich nicht mit einem einzigen Namen beantworten. Becquerel lieferte die erste, zunächst eher zufällige Beobachtung des Phänomens. Marie Curie erkannte als erste das grundlegende Prinzip - dass Radioaktivität eine atomare Eigenschaft ist - und schuf den wissenschaftlichen Begriff dafür. Gemeinsam mit Pierre identifizierte sie zwei neue radioaktive Elemente und bewies so, dass das Phänomen weit über Uran hinausgeht.

Alle drei wurden für ihre Beiträge mit dem Nobelpreis geehrt - eine ungewöhnlich breite Anerkennung, die der Tatsache Rechnung trägt, dass diese Entdeckung ein mehrstufiger, arbeitsteiliger Prozess war. Es war eine der ersten großen wissenschaftlichen Kollaborationen der modernen Wissenschaftsgeschichte. Dennoch ist bis heute Marie Curie diejenige, deren Name am stärksten mit der Radioaktivität verbunden ist - weil sie dem Phänomen nicht nur einen Namen gab, sondern es als erste systematisch erforschte und seine Gesetzmäßigkeiten herausarbeitete.

Folgen und Anwendungen der Radioaktivitätsforschung

Die Entdeckung der Radioaktivität hatte weitreichende Konsequenzen für Wissenschaft, Medizin und Technik. In der Medizin ermöglichte sie zunächst die Strahlentherapie zur Behandlung von Krebserkrankungen - Marie Curie selbst verfolgte dieses Ziel von Anfang an. Während des Ersten Weltkriegs entwickelte und koordinierte sie mobile Röntgeneinheiten für verwundete Soldaten an der Front - die sogenannten "petites Curies". Radium wurde in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fälschlicherweise als Wundermittel vermarktet und in Kosmetika, Zahnpasta und Getränken eingesetzt, bis die Gefahren der Strahlung erkannt wurden. Heute werden Radioisotope präzise und kontrolliert in der Nuklearmedizin eingesetzt, etwa bei der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) zur Früherkennung von Tumoren oder bei der Szintigraphie.

Die Physik erfuhr durch die Radioaktivitätsforschung einen fundamentalen Wandel. Ernest Rutherford und Frederick Soddy erkannten um 1900, dass radioaktiver Zerfall eine Umwandlung eines chemischen Elements in ein anderes bedeutet - ein Gedanke, der bis dahin als alchemistische Spinnerei gegolten hatte. Diese Erkenntnis führte direkt zur modernen Atomphysik und schließlich zur Entdeckung des Atomkerns durch Rutherford 1911 sowie zur Entwicklung der Quantenmechanik. Ohne Becquerel und die Curies wäre der Weg zur Kernspaltung und damit auch zu modernen Kernkraftwerken erheblich länger gewesen.

Das tragische Ende: Strahlung als Gesundheitsrisiko

Was die Pioniere nicht wussten: Radioaktive Strahlung schädigt lebende Zellen erheblich und ist bei dauerhafter Einwirkung lebensgefährlich. Marie Curie arbeitete jahrzehntelang ohne jeglichen Strahlenschutz mit hochradioaktiven Substanzen - sie trug Proben in der Kitteltasche, schlief mit Röhrchen Radium auf dem Nachttisch und bewunderte deren nachtleuchtendes Glühen. Ihre Laborhefte aus jener Zeit sind bis heute so stark kontaminiert, dass sie nur mit Schutzausrüstung zugänglich sind und im Pariser Nationalarchiv in Bleibehältern aufbewahrt werden.

Marie Curie starb am 4. Juli 1934 an aplastischer Anämie, einer schweren Erkrankung des blutbildenden Knochenmarks. Diese Krankheit wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die jahrzehntelange Einwirkung ionisierender Strahlung zurückgeführt. Auch ihre Tochter Irène Joliot-Curie, die ebenfalls Physik-Nobelpreisträgerin wurde (1935, gemeinsam mit ihrem Mann Frédéric Joliot), erkrankte später an Leukämie, die vermutlich durch Strahlungsexposition verursacht wurde.

Häufig gestellte Fragen

Wer hat die Radioaktivität wirklich entdeckt?

Die Radioaktivität wurde zunächst von Henri Becquerel am 1. März 1896 beobachtet, der das Phänomen der spontanen Strahlung von Uran entdeckte. Marie Curie und ihr Mann Pierre erforschten das Phänomen systematisch, prägten den Begriff "Radioaktivität" und entdeckten zwei neue radioaktive Elemente - Polonium und Radium. Alle drei erhielten 1903 gemeinsam den Nobelpreis für Physik. Eine präzise Antwort ist daher: Die Radioaktivität wurde von Becquerel entdeckt und von den Curies wissenschaftlich erschlossen.

Was bedeutet der Begriff "Radioaktivität"?

Der Begriff wurde von Marie Curie geprägt und leitet sich vom lateinischen "radius" (Strahl) ab. Er bezeichnet die Eigenschaft instabiler Atomkerne, spontan Strahlung abzugeben und sich dabei in andere Kerne umzuwandeln. Diese Strahlung kann als Alphastrahlung (Heliumkerne), Betastrahlung (Elektronen) oder Gammastrahlung (elektromagnetische Strahlen) auftreten, je nach Art des zerfallenden Atomkerns.

Welche zwei Elemente entdeckten die Curies?

Marie und Pierre Curie entdeckten 1898 das Polonium (benannt nach Maries Heimatland Polen) und das Radium. Beide Elemente wurden aus dem Uranerz Pechblende isoliert, wobei die Gewinnung winziger Mengen die Verarbeitung riesiger Erzmengen erforderte. Für die Isolierung eines einzigen Gramms Radiumchlorid mussten rund zehn Tonnen Pechblende verarbeitet werden.

Wie viele Nobelpreise erhielt Marie Curie?

Marie Curie erhielt zwei Nobelpreise: 1903 den Nobelpreis für Physik (gemeinsam mit Pierre Curie und Henri Becquerel) und 1911 den Nobelpreis für Chemie (allein, für die Entdeckung von Polonium und Radium sowie die Isolierung von Radium). Sie war die erste Frau mit einem Nobelpreis und die erste Person, die diese Auszeichnung in zwei verschiedenen Disziplinen erhielt.

Woran starb Marie Curie?

Marie Curie starb am 4. Juli 1934 an aplastischer Anämie, einer schweren Erkrankung des blutbildenden Knochenmarks. Diese Erkrankung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die jahrzehntelange Einwirkung ionisierender Strahlung zurückzuführen, der sie ohne Strahlenschutz ausgesetzt war. Die Gefahren ionisierender Strahlung für den menschlichen Körper waren ihr und ihren Zeitgenossen noch nicht bekannt.

Hat die Radioaktivitätsforschung die Medizin verändert?

Ja, grundlegend. Die Strahlentherapie ist heute eine der wichtigsten Säulen der Krebsbehandlung. Radioisotope werden in der nuklearmedizinischen Diagnostik genutzt, etwa bei der Szintigraphie, der PET-Untersuchung oder der Strahlentherapie von Tumoren. Auch die Röntgendiagnostik, die radiometrische Datierung (z.B. Radiokohlenstoffdatierung) und die Entwicklung der Kernenergie wären ohne die Grundlagenforschung Becquerels und der Curies nicht möglich gewesen.

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