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Wer entdeckte Penicillin: Fleming, Florey oder Chain?

Veröffentlicht 22. Mai 2026 Aktualisiert 15. Juni 2026

Wer entdeckte Penicillin: Fleming oder jemand anders?

Die Entdeckung des Penicillins gilt als eine der bedeutendsten Errungenschaften der Medizingeschichte. Millionen von Menschenleben, die zuvor an bakteriellen Infektionen gestorben wären, konnten gerettet werden. Doch die Frage, wer das Penicillin tatsächlich entdeckt hat, ist komplexer als die einfache Antwort "Alexander Fleming" vermuten lässt. Die Geschichte der Penicillin-Entdeckung ist eine Geschichte von Zufällen, Rückschlägen, internationaler Zusammenarbeit und strittigen Lorbeeren.

Alexander Fleming: Der Mann hinter dem Mythos

Alexander Fleming wurde 1881 in Lochfield, Schottland, geboren. Er studierte Medizin am St. Mary's Hospital in London und blieb dieser Institution sein gesamtes Forscherleben treu. Fleming war ein gewissenhafter Bakteriologe mit einem besonderen Interesse an natürlichen antiseptischen Substanzen. Bereits 1922 hatte er das Enzym Lysozym entdeckt, das in Körperflüssigkeiten vorkommt und bestimmte Bakterien abtöten kann, allerdings zu schwach, um als Therapeutikum zu taugen.

Im September 1928 kehrte Fleming nach einem Sommerurlaub in sein Labor am St. Mary's Hospital zurück. Was er dort vorfand, sollte die Medizin für immer verändern. Auf einer Petrischale, auf der er Staphylokokken-Bakterien gezüchtet hatte und die er vor seinem Urlaub nicht ordnungsgemäß entsorgt hatte, war ein Schimmelpilz gewachsen. Rund um den Schimmelpilzfleck hatten die Bakterien sich aufgelöst. Irgendetwas, das der Pilz produzierte, tötete die Staphylokokken ab.

Fleming identifizierte den Schimmelpilz als Penicillium notatum und nannte den antibakteriell wirksamen Stoff "Penicillin". Er publizierte seine Beobachtungen 1929 im British Journal of Experimental Pathology. Doch Flemings Entdeckung fand zunächst wenig Resonanz. Er konnte den Wirkstoff nicht in ausreichend stabiler Form isolieren, und seine Präsentation überzeugte die Fachwelt nicht davon, dass Penicillin als Therapeutikum geeignet sei. Für fast ein Jahrzehnt blieb Penicillin eine Randnotiz in der medizinischen Forschung.

War Fleming wirklich der Erste?

Die Geschichte ist noch etwas komplizierter, denn Fleming war nicht der allererste, der die antibakteriellen Eigenschaften von Penicillium-Schimmel beobachtete. Bereits im 19. Jahrhundert hatten verschiedene Wissenschaftler ähnliche Phänomene beschrieben:

  • John Tyndall (1875): Der britische Physiker beobachtete, dass Penicillium-Schimmel das Wachstum von Bakterien hemmen kann, ohne die Bedeutung dieser Beobachtung vollständig zu erfassen.
  • Joseph Lister (1871): Der Pionier der antiseptischen Chirurgie experimentierte ebenfalls mit Penicillium und behandelte sogar erfolgreich einen Patienten, ohne den Zusammenhang zu systematisieren.
  • Ernest Duchesne (1897): Ein junger französischer Militärarzt beschrieb in seiner Doktorarbeit, wie Penicillium glaucum bei Tieren vor Typhus schützte. Duchesne reichte seine Arbeit dem Pasteur-Institut ein, erhielt aber keine Antwort. Er starb jung, ohne jemals Anerkennung zu finden, und seine Arbeit geriet in Vergessenheit.

Flemings Verdienst liegt also nicht darin, als absolut erster die antibakteriellen Eigenschaften von Penicillium beobachtet zu haben, sondern darin, die Entdeckung systematisch dokumentiert und publiziert zu haben. Dennoch betonen Wissenschaftshistoriker, dass ohne Florey und Chain aus Flemings Beobachtung nie ein Medikament geworden wäre.

Florey und Chain: Die eigentlichen Entwickler

Der entscheidende nächste Schritt kam aus Oxford. Howard Florey, ein australischer Pathologe, und Ernst Boris Chain, ein deutsch-jüdischer Biochemiker, der vor dem Nationalsozialismus nach England geflohen war, stießen Ende der 1930er-Jahre auf Flemings Publikation. Zusammen mit dem Biochemiker Norman Heatley begannen sie 1938/39 damit, Penicillin zu reinigen, zu konzentrieren und auf seine therapeutische Wirksamkeit zu testen.

Die technische Herausforderung war enorm. Penicillin ist ein instabiles Molekül, das sich leicht zersetzt, und die Ausbeute aus dem Schimmelpilz war winzig. Heatley entwickelte geniale Extraktionsmethoden, um größere Mengen des Wirkstoffs zu gewinnen. Im Mai 1940 testete die Oxford-Gruppe Penicillin erstmals an acht Mäusen, die mit einer tödlichen Dosis Streptokokken infiziert worden waren. Die mit Penicillin behandelten Mäuse überlebten; die unbehandelten starben innerhalb von Stunden.

Der erste menschliche Patient wurde im Januar 1941 behandelt: ein Polizeibeamter, der an einer lebensbedrohlichen Staphylokokken-Sepsis litt. Penicillin zeigte dramatische Wirkung, doch der Vorrat war zu gering. Als das Medikament ausging, verschlechterte sich der Zustand des Mannes wieder, und er starb. Wenig später gelang es der Gruppe, vier weitere Patienten erfolgreich zu behandeln.

Angesichts der Kriegssituation suchte Florey Unterstützung in den USA. 1941 reiste er mit Heatley nach Amerika und überzeugte US-Pharmaunternehmen, in die Massenproduktion von Penicillin zu investieren. Die Entwicklung der Tieffermentation, bei der Penicillium in großen Behältern gezüchtet wurde, ermöglichte eine drastische Steigerung der Produktion:

  • 1943: US-Pharmafirmen stellen 1,5 Tonnen reines Penicillin her
  • 1944: Ausreichende Mengen für den Einsatz bei den alliierten Truppen ab der Normandie-Invasion
  • 1945: Produktion von über 400 Tonnen jährlich

Penicillin im Zweiten Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg wurde zum entscheidenden Katalysator für die Verbreitung des Penicillins. In früheren Kriegen starben mehr Soldaten an Infektionen als durch direkte Kampfeinwirkung; Wundbrand und Blutvergiftung waren gefürchtete Todesurteile. Penicillin veränderte diese Situation grundlegend. Verwundete, die wenige Jahre zuvor unweigerlich gestorben wären, konnten nun erfolgreich behandelt werden.

Die Alliierten hatten mit der Massenproduktion von Penicillin einen erheblichen medizinischen Vorteil gegenüber Deutschland und Japan, die über kein vergleichbares Antibiotikum verfügten. Manche Militärhistoriker bezeichnen Penicillin neben Radar und der Atombombe als eines der strategisch bedeutendsten Projekte der Alliierten im Zweiten Weltkrieg.

Die Zivilbevölkerung profitierte zunächst kaum von Penicillin; die gesamte Produktion war für das Militär reserviert. Erst nach Kriegsende, ab 1945/46, wurde das Antibiotikum auch für die Allgemeinbevölkerung zugänglich und revolutionierte die medizinische Praxis grundlegend.

Der Nobelpreis und die Frage der Anerkennung

1945 erhielten Alexander Fleming, Howard Florey und Ernst Boris Chain gemeinsam den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin "für die Entdeckung des Penicillins und seiner heilenden Wirkung bei verschiedenen Infektionskrankheiten". Die Formulierung des Nobelpreises spiegelt die geteilte Leistung wider: Fleming für die ursprüngliche Beobachtung, Florey und Chain für die Entwicklung zum Therapeutikum.

Norman Heatley, dessen Extraktionsmethoden entscheidend für die Massenproduktion waren, blieb beim Nobelpreis unberücksichtigt, was in der Wissenschaftsgemeinschaft als Unrecht empfunden wurde. 1990 erhielt er als erste Person ein Ehrendoktorat der Universität Oxford in Medizin, obwohl er kein Mediziner war, eine späte Anerkennung seiner Verdienste.

Die öffentliche Wahrnehmung war von Anfang an ungleich verteilt. Fleming wurde zum Volkshelden; seine Geschichte vom "glücklichen Zufall" mit dem Schimmelpilz war eine perfekte Mediengeschichte. Florey und Chain, die die eigentliche therapeutische Arbeit leisteten, blieben in der öffentlichen Wahrnehmung lange im Schatten, obwohl Fachleute ihre Leistung für mindestens ebenso bedeutsam halten.

Die Weiterentwicklung der Antibiotika

Penicillin war der Beginn einer Revolution. Penicillium notatum, das Fleming in seinem Labor gefunden hatte, produzierte nur geringe Mengen des Wirkstoffs. Die Forscher suchten nach leistungsfähigeren Stämmen und wurden fündig: Penicillium chrysogenum, ursprünglich aus einer Melone aus einem Markt in Peoria, Illinois, isoliert, produzierte erheblich mehr Penicillin und wurde zur Grundlage der industriellen Produktion.

Ab den 1940er- und 1950er-Jahren wurden weitere Antibiotika entdeckt: Streptomycin (1943), Chloramphenicol (1947), Tetracycline (1948) und viele weitere. Die Grundidee, bakterielle Infektionen mit Substanzen zu bekämpfen, die von Mikroorganismen produziert werden, hatte sich als fruchtbar erwiesen. Penicillin war der Türöffner für das gesamte Feld der Antibiotikaforschung.

Heute existieren Dutzende verschiedener Penicillin-Varianten und Derivate, die gegen unterschiedliche Bakterien wirksam sind. Die Halbsynthesepenicilline wurden entwickelt, um Resistenzprobleme zu umgehen und das Wirkspektrum zu erweitern. Trotz aller Weiterentwicklungen bleibt das ursprüngliche Penicillin G für bestimmte Erreger wie Streptokokken ein Mittel der ersten Wahl.

Penicillin in der deutschen und europäischen Medizin

Während in Großbritannien und den USA die Penicillin-Forschung voranschritt, hatte Deutschland im Zweiten Weltkrieg keinen vergleichbaren Zugang zu diesem Antibiotikum. Die nationalsozialistische Wissenschaftspolitik und die Kriegsbedingungen isolierten deutsche Forscher vom internationalen Wissensaustausch. Zwar gab es in Deutschland Forschungsansätze zu antibakteriellen Substanzen, doch ein einsatzfähiges Penicillin-Präparat stand deutschen Soldaten und Zivilisten nicht zur Verfügung.

Erst nach Kriegsende, mit dem Beginn der alliierten Besatzung und dem Wiederaufbau des wissenschaftlichen Austauschs, wurde Penicillin auch in Deutschland zugänglich. Der Zugang zu diesem Medikament war in den unmittelbaren Nachkriegsjahren ein dringend benötigtes Mittel gegen Infektionskrankheiten, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit grassierten. Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten und Wundinfektionen konnten nun deutlich wirksamer behandelt werden als zuvor.

In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde die Penicillin-Produktion auch in Deutschland industriell aufgebaut. Deutsche Pharmaunternehmen entwickelten eigene Fermentationsverfahren und trugen zur Erforschung neuer Penicillin-Derivate bei. Halbsynthetische Penicilline wie Ampicillin, die ein breiteres Wirkspektrum haben als das ursprüngliche Penicillin G, wurden zu wichtigen Arzneimitteln des 20. Jahrhunderts.

Für die breitere Öffentlichkeit wurde Penicillin in Deutschland zum Symbol des medizinischen Fortschritts der Nachkriegszeit. Die Generation, die Typhus, Scharlach und eitrige Wundinfektionen noch als lebensbedrohliche Erkrankungen kannte, erlebte unmittelbar, welche Wunderleistungen diese kleinen Pillen vollbringen konnten. Die gesellschaftliche Wirkung war enorm und festigte das Vertrauen in die moderne Wissenschaftsmedizin nachhaltig.

Antibiotikaresistenzen: Flemings Warnung

Fleming ahnte bereits früh, welche Gefahr im sorglosem Umgang mit Penicillin lag. In seiner Nobelpreisrede 1945 warnte er ausdrücklich vor der Gefahr von Resistenzentwicklungen. Wenn Penicillin in zu geringen Dosen oder zu kurz angewendet werde, so Fleming, könnten Bakterien Resistenzen entwickeln. Diese Prophezeiung hat sich als zutreffend erwiesen.

Heute ist die Antibiotikaresistenz eine der größten Herausforderungen der globalen Gesundheitspolitik. Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) und andere multiresistente Keime sind ein ernstes medizinisches Problem in Krankenhäusern weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet Antibiotikaresistenzen als eine der größten Bedrohungen für die globale Gesundheit des 21. Jahrhunderts.

Wenn Sie Antibiotika verschrieben bekommen, ist es wichtig, die Einnahme vollständig abzuschließen und das Medikament nicht ohne ärztliche Anweisung abzubrechen. Konsultieren Sie bei Infektionssymptomen immer einen Arzt, bevor Sie Antibiotika einnehmen, da diese nur gegen bakterielle, nicht gegen virale Infektionen wirksam sind.

Die internationale Gemeinschaft reagiert auf die Resistenzkrise mit verschiedenen Maßnahmen: strengere Regelungen für die Antibiotikaverwendung in der Landwirtschaft, Förderprogramme für die Entwicklung neuer Antibiotika, Aufklärungskampagnen über richtigen Umgang mit Antibiotika und globale Überwachungssysteme für Resistenzentwicklungen. In Deutschland koordiniert das Robert Koch-Institut die Überwachung von Antibiotikaresistenzen im Rahmen des Antibiotic Stewardship-Programms. Fleming hätte diese Entwicklungen vermutlich nicht überrascht, aber tief besorgt.

Häufig gestellte Fragen

Hat Fleming das Penicillin wirklich zufällig entdeckt?

Die Geschichte des glücklichen Zufalls ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Fleming hatte eine kontaminierte Petrischale mit Schimmelpilz beobachtet, was tatsächlich ein Zufallsereignis war. Doch seine Entscheidung, dieses Phänomen zu untersuchen und zu dokumentieren, war keine Zufallsleistung, sondern das Ergebnis wissenschaftlicher Neugier und jahrelanger Erfahrung. Louis Pasteur sagte einst, der Zufall begünstige den vorbereiteten Geist, was auf Fleming besonders gut zutrifft.

Warum dauerte es so lange, bis Penicillin eingesetzt werden konnte?

Zwischen Flemings Entdeckung 1928 und dem ersten klinischen Einsatz 1941 lagen 13 Jahre. Das lag vor allem daran, dass Penicillin ein chemisch instabiler Wirkstoff ist, der sich schwer isolieren und konzentrieren ließ. Flemings Labor hatte weder die biochemischen Kenntnisse noch die technische Ausstattung, um diese Hürden zu überwinden. Erst das Oxford-Team um Florey, Chain und Heatley löste diese Probleme mit spezifischem Fachwissen in Biochemie und Ingenieurtechnik.

Wer hat mehr verdient: Fleming oder Florey und Chain?

Diese Frage ist unter Wissenschaftshistorikern umstritten. Fleming gebührt das Verdienst, Penicillin erstmals beschrieben und publiziert zu haben. Florey und Chain verdienen die Anerkennung dafür, aus dieser Beobachtung ein lebensrettendes Medikament gemacht zu haben. Beide Leistungen waren unverzichtbar; ohne Flemings Publikation hätten Florey und Chain das Penicillin vielleicht nie aufgegriffen, und ohne Floreys und Chains Arbeit wäre Flemings Entdeckung vielleicht nie zu einem Medikament geworden.

Gibt es Bakterien, die gegen Penicillin resistent sind?

Ja, Penicillinresistenz ist weit verbreitet. Viele Staphylokokken-Stämme produzieren heute Enzyme (Beta-Laktamasen), die Penicillin chemisch inaktivieren. Um dies zu umgehen, wurden Penicillinase-feste Penicilline und Kombinationspräparate entwickelt. Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) sind gegen die meisten Penicilline unempfindlich und ein ernstes Problem in der modernen Medizin.

Wie wird Penicillin heute hergestellt?

Modernes Penicillin wird durch Fermentation in riesigen Bioreaktoren hergestellt, in denen Penicillium-Schimmelpilze gezüchtet werden. Aus der Rohbrühe wird Penicillin chemisch extrahiert und gereinigt. Halbsynthetische Penicilline werden zusätzlich chemisch modifiziert, um ihr Wirkspektrum zu erweitern oder Resistenzen zu überwinden. Die weltweite Jahresproduktion beläuft sich auf Tausende von Tonnen.

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