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Priesterinnen der Inka: Leben und Aufgaben der Acllas

Veröffentlicht 18. Juli 2025 Aktualisiert 15. Juni 2026

Im Inkareich nahmen Frauen im religiösen Gefüge eine besondere Stellung ein, die in der europäischen Geschichtsschreibung lange unterschätzt wurde. Die sogenannten Acllas – auch „Auserwählte Frauen" oder „Jungfrauen der Sonne" genannt – bildeten eine eigene, streng organisierte weibliche Institution, die zugleich religiöse, wirtschaftliche und politische Funktionen erfüllte. Wer sie waren, wie sie lebten und was sie täglich taten, erschließt sich aus Chroniken spanischer Conquistadoren, indigenen Überlieferungen sowie neueren archäologischen Befunden.

Auswahl und Herkunft: Wer wurde zur Aclla?

Die Auswahl der Acllas begann früh im Kindheitsalter, typischerweise zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr. Kaiserliche Inspektoren, sogenannte Apupanaka, bereisten die Provinzen des Tahuantinsuyu – des Vier-Regionen-Reiches der Inka – und wählten Mädchen nach strengen Kriterien aus: körperliche Schönheit und Unversehrtheit, aber auch Intelligenz und Charaktereignung galten als Voraussetzungen. Die Auserwählten stammten sowohl aus einfachen Gemeinschaften der Provinzen als auch aus Adelsfamilien, wobei die Herkunft über den späteren Status innerhalb der Hierarchie mitentschied.

Nach der Auswahl wurden die Mädchen aus ihrem Familienverband herausgelöst und in spezielle Einrichtungen gebracht: die Acllahuasi (Acllawasi), wörtlich „Haus der Auserwählten". Diese klosterähnlichen Komplexe gab es in mehreren Provinzstädten, das bedeutendste befand sich in der Hauptstadt Cuzco. Das dortige Acllahuasi lag an der zentralen Straße Loreto, eingerahmt von Palastmauern; auf seinen Fundamenten errichteten die Spanier später das Kloster Santa Catalina, das noch heute steht.

Das Leben im Acllahuasi: Klausur und Ausbildung

Das Leben innerhalb des Acllahuasi war streng abgeschottet. Die Mädchen durften das Gebäude über mehrere Jahre hinweg nicht verlassen; Männer hatten grundsätzlich keinen Zutritt. Beaufsichtigt wurden die Acllas von älteren Priesterinnen, den Mamakuna (Singular: Mamacona), die selbst dem Acllahuasi entstammten und ihre Leben dem Dienst für die Gottheit Inti, den Sonnengott, geweiht hatten.

Die Ausbildung dauerte etwa vier Jahre und umfasste:

  • Religiöse Unterweisung: Rituale, Gebete, Kalenderkenntnis und Mythen des Inkareiches
  • Textilherstellung: Spinnen und Weben des feinen Cumbi-Tuchs, das als Prestigeobjekt und rituelles Material diente
  • Zubereitung ritueller Speisen sowie das Brauen von Chicha, dem fermentierten Maisgetränk, das bei Zeremonien und Festmählern unverzichtbar war
  • Pflege des heiligen Feuers in den Sonnentempeln

Die Mamakuna lebten dauerhaft in Keuschheit und nahmen damit eine Stellung ein, die – wie spanische Chronisten bemerkten – westlichen Ordensnonnen strukturell ähnelte. Sie übten Aufsicht, lehrten und verwalteten das Innenleben des Acllahuasi. Ihr sozialer Status war hoch; sie galten als Bräute des Sonnengottes.

Hierarchie und Bestimmungswege: Wohin führten die Wege der Acllas?

Nach Abschluss der Ausbildung öffneten sich für die Acllas verschiedene Lebenswege – abhängig von Herkunft, Begabung und dem Willen des Kaisers:

Mamakuna: Das geistliche Leben

Die fähigsten und frömmsten Frauen wurden zu Mamakuna geweiht und blieben dauerhaft im Acllahuasi. Sie übernahmen Lehr- und Aufsichtsfunktionen, vollzogen Opferhandlungen und pflegten die Heiligtümer. Die ranghöchsten Mamakuna im Coricancha-Tempel in Cuzco, dem zentralen Sonnentempel des Reiches, genossen besonderen Respekt. Quellen erwähnen eine Oberpriesterin, die als Coyapacusa bezeichnet wurde und den gesamten weiblichen Tempeldienst leitete.

Frauen des Kaisers und des Adels

Besonders schöne und hochrangige Acllas konnten zur Nebenfrau oder sogar zur Hauptfrau des Sapa Inca werden. Andere wurden als politisches Instrument eingesetzt: Der Kaiser verschenkte Acllas an verdiente Heerführer, Provinzfürsten oder Stammeshäuptlinge – eine Form symbolischer Bindung, die Loyalität sicherte. Damit fungierten Acllas auch als lebendige Ressource imperialer Diplomatie.

Capacocha: Das Opfer

Der dunkelste Weg, den eine Aclla nehmen konnte, war das rituelle Menschenopfer, die Capacocha. Bei bedeutenden Anlässen – Tod eines Herrschers, Inthronisierung eines neuen Sapa Inca, Katastrophen oder wichtige astronomische Ereignisse – wurden auserwählte Kinder und junge Frauen geopfert. Jüngere archäologische Forschungen, darunter eine 2025 in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlichte Studie zu Opferplätzen auf den Vulkanen Chachani und Pichu Pichu in Peru, dokumentieren die räumliche Organisation dieser Pilgerrituale: Entlang der Aufstiegswege zu Berggipfeln wurden Raststationen (Tambos) angelegt, die eine Trennung zwischen sakralen Bereichen und Versorgungszonen aufweisen. Mädchen, die für die Capacocha bestimmt waren, wurden in Begleitung eines Priestergefolges auf Berggipfel geführt und dort – oft unter dem Einfluss von Chicha und Kokapflanzen – geopfert und beigesetzt. Ihre mumifizierten Überreste zählen zu den besterhaltenen archäologischen Funden der Andenarchäologie.

Textilarbeit als religiöse Praxis

Das Weben nahm im Alltag der Acllas nicht nur eine handwerkliche, sondern eine zutiefst symbolische Rolle ein. Das feine Cumbi-Tuch, das sie herstellten, war kein gewöhnlicher Stoff: Es wurde für zeremonielle Gewänder des Kaisers verwendet, als Opfergabe verbrannt und bei diplomatischen Schenkungen eingesetzt. In der Kosmologie der Inka galt das Weben als geistige Tätigkeit mit kosmischer Bedeutung – das Verschlingen der Fäden spiegelte das Ordnen der Welt wider. Damit waren die Textilarbeiten der Acllas nicht von ihrem religiösen Dienst zu trennen, sondern ein Teil desselben.

Chicha-Brauen als ritueller Dienst

Das Brauen von Chicha war ebenfalls eine sakrale Aufgabe. Bei großen Festen wie dem Inti Raymi (Sonnenfest) oder dem Capacocha-Ritual wurden Unmengen Chicha benötigt. Die Acllas produzierten das Getränk in erheblichen Mengen; sein Konsum war Teil kultischer Handlungen und symbolisierte die Gemeinschaft zwischen Menschen und Göttern. Chicha wurde den Göttern geopfert, auf den Boden gegossen oder gemeinsam mit Priestern und Würdenträgern getrunken.

Soziale Bedeutung und imperiale Kontrolle

Das Acllahuasi-System war mehr als eine religiöse Institution – es war ein Instrument imperialer Verwaltung. Indem der Inka-Staat Mädchen aus allen Teilen des Reiches in zentrale Einrichtungen überführte, entzog er sie der lokalen Kontrolle und band sie an die kaiserliche Macht. Die Acllas repräsentierten damit symbolisch die Unterwerfung der Provinzen unter Cuzco. Gleichzeitig sicherte das System die Reproduktion rituell ausgebildeter Frauen, die für die religiöse Infrastruktur des Reiches unverzichtbar waren.

Für die Familien war die Auswahl einer Tochter ambivalent: Sie bedeutete Ehre und möglichen sozialen Aufstieg, aber auch den dauerhaften Verlust des Kindes. In manchen Quellen ist von Klagen der Mütter die Rede – ein Zeichen, dass der staatliche Eingriff nicht von allen als Gunst empfunden wurde.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet der Begriff „Aclla"?

„Aclla" (auch Acllacuna im Plural) stammt aus dem Quechua und bedeutet sinngemäß „Auserwählte" oder „Auserkorene". Der Begriff bezeichnete Frauen, die vom Inka-Staat für religiöse, wirtschaftliche oder soziale Zwecke aus ihrer Gemeinschaft herausgelöst und im Acllahuasi untergebracht wurden.

Waren alle Acllas Priesterinnen?

Nein. Acllas durchliefen zwar alle eine religiöse Ausbildung, aber nicht alle wurden Priesterinnen (Mamakuna). Einige wurden als Ehefrauen an den Kaiser oder Adlige weitergegeben, andere für Opferrituale bestimmt. Nur die frömm­sten und fähigsten blieben dauerhaft als geweihte Priesterinnen im Tempeldienst.

Durften Acllas das Acllahuasi verlassen?

Im Normalfall nicht. Die Mädchen und Frauen lebten in strikter Klausur; das Gebäude durfte nur unter besonderen Umständen und in Begleitung verlassen werden, etwa bei großen Staatszeremonien. Männer hatten grundsätzlich keinen Zutritt. Ein Verstoß gegen die Keuschheitspflicht wurde laut Chronisten mit dem Tod bestraft.

Was ist die Capacocha?

Die Capacocha war ein Staatsritual der Inka, bei dem Kinder und junge Frauen – darunter Acllas – als Menschenopfer dargebracht wurden. Es fand bei außergewöhnlichen Anlässen statt, etwa beim Tod eines Herrschers. Die Opfer wurden häufig auf Berggipfel gebracht und dort beigesetzt. Zahlreiche mumifizierte Überreste wurden von der modernen Archäologie gefunden und untersucht.

Existieren noch archäologische Überreste des Acllahuasi?

Das bedeutendste Acllahuasi in Cuzco wurde nach der spanischen Eroberung (1532–1535) abgerissen und durch das Kloster Santa Catalina ersetzt, das noch heute besteht. Teile der originalen Inka-Mauern sind jedoch erhalten und sichtbar. In anderen Städten des ehemaligen Inkareiches, etwa in Huánuco Pampa, konnten Archäologen Überreste von Acllahuasi-Komplexen identifizieren und dokumentieren.

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