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Erik der Rote: Wikinger, Entdecker und Gründer Grönlands

Veröffentlicht 22. Mai 2026 Aktualisiert 15. Juni 2026

Wie prägte Erik der Rote die Geschichte der Wikinger?

Erik der Rote, altnordisch Eiríkr rauði Þorvaldsson, gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Figuren der Wikingergeschichte. Als Entdecker und erster Besiedler Grönlands hat er nicht nur die geographische Erkundung des Nordatlantiks vorangetrieben, sondern auch den Grundstein für jene nordeuropäische Siedlungsgeschichte gelegt, die wenige Jahrzehnte später seinen Sohn Leif Eriksson zur Küste Nordamerikas führen sollte.

Wie prägte Erik der Rote die Geschichte der Wikinger?

Herkunft und frühe Jahre

Erik der Rote wurde zwischen 930 und 950 n. Chr. in der Region Jæren im heutigen Norwegen geboren. Über sein genaues Geburtsjahr gibt es keine gesicherten Quellen, da die Überlieferung hauptsächlich auf isländischen Sagas beruht, die erst im 13. und 14. Jahrhundert schriftlich festgehalten wurden, obwohl ihre mündliche Überlieferung deutlich früher ansetzt. Den Beinamen "der Rote" erhielt Erik nach seiner auffällig roten Haar- und Bartfarbe - eine körperliche Eigenschaft, die in der Wikingerzeit als markantes Erkennungszeichen und Beiname genutzt wurde.

Eriks Vater, Thorvald Asvaldsson, war aufgrund eines Tötungsdelikts aus Norwegen verbannt worden und floh mit seiner Familie nach Island, das zu diesem Zeitpunkt erst wenige Jahrzehnte zuvor von skandinavischen Siedlern besiedelt worden war. Die Familie ließ sich in Drangar auf der Halbinsel Hornstrandir im Nordwesten Islands nieder, einer kargen und unwirtlichen Gegend. Als Thorvald starb, übernahm der junge Erik die Führung der Familie.

Erik heiratete Thjodhild, die Tochter einer wohlhabenden isländischen Familie, und ließ sich mit ihr in Haukadal im Westen Islands nieder. Doch ähnlich wie sein Vater geriet auch Erik in Streitigkeiten mit Nachbarn, bei denen mehrere Menschen ums Leben kamen. Infolgedessen wurde er zunächst für drei Jahre und nach weiteren gewaltsamen Auseinandersetzungen schließlich dauerhaft aus Island verbannt - ein schweres Schicksal in einer Gesellschaft, in der soziale Zugehörigkeit und Landbesitz die Grundlagen des Überlebens darstellten.

Die Entdeckung Grönlands

Die Verbannung aus Island im Jahr 982 n. Chr. erwies sich paradoxerweise als der entscheidende Auslöser für Eriks größte Leistung. Ohne Heimat und ohne Land, aber mit einem Schiff und einer erfahrenen Mannschaft, beschloss er, in Richtung Westen aufzubrechen - dorthin, wo isländische Seefahrer bereits von Land berichtet hatten, das man gelegentlich in der Ferne sehen konnte.

Während seiner dreijährigen Verbannung erkundete Erik die Westküste eines großen, unbekannten Landes systematisch. Er überwinterte mehrfach dort, erforschte Fjorde und Buchten, fand fruchtbare Täler im Süden der Insel und war von den Möglichkeiten des Landes überzeugt. Als seine Verbannung endete und er nach Island zurückkehren durfte, hatte er bereits einen Plan: Er würde Siedler für das neu entdeckte Land gewinnen.

Erik war dabei ein geschickter Vermarkter seiner Entdeckung. Er nannte das neue Land "Grönland" (altnordisch: Grænland, "Grünland"), obwohl ein Großteil der Insel von Eis bedeckt war. In den südlichen Fjorden, die er erkundet hatte, gab es tatsächlich grüne Weideland, doch der Name diente vor allem dem Zweck, potenzielle Siedler anzulocken. Wie die Grönländer-Saga überliefert, begründete Erik selbst diese Namenswahl mit dem Argument, die Menschen würden eher auswandern wollen, wenn das Land einen einladenden Namen habe.

Die Besiedlung Grönlands

Im Jahr 985 oder 986 n. Chr. brach Erik von Island mit einer Flotte von rund 25 Schiffen in Richtung Grönland auf. An Bord waren etwa 500 Menschen - Männer, Frauen, Kinder, Vieh und alles, was für den Aufbau einer neuen Existenz benötigt wurde. Die Überfahrt war gefährlich: Von den 25 Schiffen erreichten nur 14 ihr Ziel; die übrigen kenterten, wurden von Stürmen zurückgetrieben oder gingen auf Felsen verloren.

Die Überlebenden gründeten zwei Siedlungsgebiete an der Westküste Grönlands. Die größere und südlichere Siedlung, bekannt als Östliche Siedlung (Eystribyggd), lag im Bereich des heutigen Qaqortoq. Hier ließ sich auch Erik selbst nieder und errichtete seinen Hof Brattahlid (heute Qassiarsuk), der zum politischen und sozialen Zentrum der Grönländer werden sollte. Eine kleinere, etwa 500 Kilometer weiter nördlich gelegene Westliche Siedlung (Vestribyggd) entstand ebenfalls in dieser frühen Phase.

Erik der Rote wurde faktisch zum Häuptling und politischen Anführer dieser neuen Gemeinschaft, die sich als "Grönländer" (Grænlendingar) bezeichnete. Zum Zeitpunkt seines Todes um 1003 n. Chr. - oder möglicherweise etwas später - umfasste die Siedlungsgemeinschaft bereits mehrere Hundert Menschen auf zahlreichen Höfen, die vor allem Schafzucht, Jagd auf Walrösser und Robben sowie Fischerei betrieben.

Erik als Sagengestalt und historische Person

Unsere Kenntnis von Eriks Leben stammt vor allem aus zwei isländischen Sagas des 13. Jahrhunderts: der Grönländer-Saga (Grænlendinga saga) und der Saga von Erik dem Roten (Eiríks saga rauða). Diese Texte sind in zwei Handschriften überliefert - der Hauksbók aus dem 14. und der Skálholtsbók aus dem 15. Jahrhundert. Obwohl die Sagas literarische Werke sind und keine Chroniken, stimmen ihre Kernaussagen über Eriks Leben und die Besiedlung Grönlands weitgehend überein, was Historiker als Hinweis auf einen zuverlässigen mündlichen Überlieferungskern werten.

Die archäologische Forschung hat die Sagaberichte in wesentlichen Punkten bestätigt. Die Überreste von Brattahlid, Eriks Hof, sind heute noch sichtbar und wurden seit dem 20. Jahrhundert systematisch ausgegraben. Dabei fanden Archäologen unter anderem die Reste einer kleinen Kirche, die Eriks Frau Thjodhild nach ihrer Bekehrung zum Christentum erbaut haben soll - ein Detail, das auch in den Sagas erwähnt wird.

Die Familie und das Erbe

Erik der Rote hatte mit seiner Frau Thjodhild vier Kinder: die Söhne Leif, Thorvald und Thorstein sowie die Tochter Freydis. Alle vier spielten in der Folgegeschichte der nordatlantischen Erkundungen bedeutende Rollen, wobei Leif Eriksson (auch "Leif der Glückliche" genannt) die bekannteste Karriere machte.

Um das Jahr 1000 n. Chr. unternahm Leif Eriksson, nachdem er einige Zeit am norwegischen Königshof verbracht und sich zum Christentum bekehrt hatte, eine Reise nach Westen, bei der er Küstenabschnitte Nordamerikas erkundete - jene Region, die er "Vinland" (Weinland) nannte und die heute von Historikern mit dem Norden Neufundlands oder der Labrador-Küste identifiziert wird. In L'Anse aux Meadows im heutigen Kanada wurden die archäologisch gesicherten Überreste einer wikingerzeitlichen Siedlung gefunden, die diese früheuropäische Anwesenheit in Amerika belegt.

Erik der Rote selbst hat Nordamerika nie betreten. Die Sagas berichten, er habe bei Leifs Aufbruch nach Vinland mitfahren wollen, sei jedoch kurz vor der Abfahrt vom Pferd gestürzt und habe dies als schlechtes Omen gewertet. Er blieb in Grönland und starb dort nach einer schweren Krankheit, wahrscheinlich während einer Pestepidemie, die die junge Siedlungsgemeinschaft traf.

Die Wikingersiedlungen in Grönland - Aufstieg und Untergang

Die von Erik dem Roten gegründeten Siedlungen in Grönland erwiesen sich als überraschend dauerhaft. Um das Jahr 1000 n. Chr. lebten bereits rund 3.000 Menschen auf 300 bis 400 Höfen. Die Gemeinschaft unterhielt regen Handel mit Europa - vor allem mit Norwegen und später mit dem Hanseraum - und exportierte Walrosszähne, Pelze, Eiderdunen, lebende Eisbären und andere arktische Güter.

Die Siedlungen bestanden rund 500 Jahre lang und verschwanden erst im Laufe des 15. Jahrhunderts - ein Rätsel, das Historiker und Klimaforscher bis heute beschäftigt. Als mögliche Ursachen werden diskutiert:

  • Die Kleine Eiszeit, eine Kältephase, die ab etwa 1300 einsetzte und die Landwirtschaft erschwerte
  • Konflikte mit der Inuit-Bevölkerung, die aus dem Nordwesten in die Siedlungsgebiete vorrückte
  • Sinkende Preise für Walrosszähne, die durch Elfenbein aus Afrika verdrängt wurden
  • Überweidung und Bodenerosion durch intensive Viehwirtschaft
  • Pest und andere Krankheiten, die von europäischen Handelsschiffen eingeschleppt wurden
  • Der Rückgang des europäischen Handelsinteresses nach der Katastrophe des Schwarzen Tods

Die wikingerzeitliche Gesellschaft und Eriks Rolle darin

Um Eriks Leben und Wirken zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Gesellschaft, in der er lebte. Die wikingerzeitliche Gesellschaft Islands im späten 10. Jahrhundert war keine staatlich organisierte Gemeinschaft mit zentraler Autorität, sondern ein loses Gefüge von unabhängigen Häuptlingen (Goden) und freien Bauern, die ihre Streitigkeiten auf dem Thing - einer Volksversammlung - regelten. Das Althing, die isländische Volksversammlung, galt als die älteste parlamentarische Institution Europas.

In dieser Gesellschaft war persönliche Ehre (Old Norse: drengskapr) von überragender Bedeutung. Verbannung war nicht nur eine physische Strafe - der Verbannte verlor seinen Rechtsstatus, konnte also von jedem straflos getötet werden, ohne dass seine Familie Rache fordern konnte. Dies macht verständlich, wie schwerwiegend Eriks Situation war und wie mutig die Entscheidung, das Unbekannte zu erkunden, tatsächlich war.

Gleichzeitig war die wikingerzeitliche Gesellschaft bemerkenswert mobil und offen für Abenteuer. Seefahrt und Entdeckung galten als Wege zu Ruhm und Wohlstand, und die navigatorischen Kenntnisse skandinavischer Seefahrer des 10. Jahrhunderts waren außerordentlich. Ohne Kompass navigierten sie anhand der Sonne, der Sterne, des Vogelzugs, der Meeresströmungen und anderer natürlicher Zeichen - Techniken, die es ihnen ermöglichten, zuverlässig über Hunderte von Kilometern offenen Ozeans zu reisen.

Bedeutung für die Wikingergeschichte

Eriks Beitrag zur Wikingergeschichte ist mehrschichtig. Als Entdecker und Kolonisator Grönlands erweiterte er den Aktionsradius nordeuropäischer Siedler weit in den Nordatlantik und schuf die Basis, von der aus seine Nachfahren die ersten Europäer wurden, die dauerhaft den Boden Nordamerikas betraten - fünf Jahrhunderte vor Kolumbus. Die von ihm geschaffenen Grönlandsiedlungen schufen zudem ein regionales Zentrum, das für Jahrhunderte die Brücke zwischen dem skandinavischen Mutterland und den äußersten westlichen Ausläufern des nordeuropäischen Kulturraums bildete.

Sein Lebensweg ist auch als Zeugnis für die dynamische, auf individuellem Wagemut und sozialer Mobilität basierende Gesellschaft der Wikinger zu verstehen. Zweimal verbannt, zweimal Neuanfang - und beim zweiten Mal der Gründer einer ganzen Siedlungsgemeinschaft. In der Retrospektive der Sagaliteratur wurde Erik der Rote zu einem der exemplarischen Helden dieses Zeitalters, dessen Kühnheit und Beharrlichkeit ganze Generationen inspirieren sollte.

Auch in modernem wissenschaftlichen Kontext ist Erik der Rote relevant: Die Klimageschichte Grönlands, die durch die wikingerzeitlichen Siedlungen indirekt dokumentiert wird, liefert wertvolle Daten für die Erforschung des mittelalterlichen Klimaoptimums - jener Warmphase zwischen etwa 950 und 1250 n. Chr., die die Besiedlung Grönlands erst ermöglichte. Die anschließende Kleine Eiszeit und ihr möglicher Zusammenhang mit dem Verschwinden der Grönlandnorweger ist ein aktives Forschungsfeld, das Historiker, Klimaforscher und Archäologen gleichermaßen beschäftigt.

Häufig gestellte Fragen

Wer war Erik der Rote?

Erik der Rote, altnordisch Eiríkr rauði Þorvaldsson, war ein wikingerzeitlicher Seefahrer und Entdecker, der um 930 bis 950 n. Chr. in Norwegen geboren wurde. Er ist vor allem als Entdecker und erster Besiedler Grönlands bekannt, das er um 985 n. Chr. kolonisierte. Seinen Beinamen "der Rote" verdankte er seiner charakteristischen roten Haar- und Bartfarbe. Er starb um 1003 n. Chr. in Grönland.

Warum wurde Erik der Rote aus Island verbannt?

Erik der Rote wurde zweimal aus Island verbannt, beide Male wegen gewaltsamer Auseinandersetzungen mit Nachbarn, bei denen Menschen ums Leben kamen. In der wikingerzeitlichen Gesellschaft Islands war Verbannung eine der schwersten Strafen: Ein Verbannter verlor seinen Rechtsstatus und konnte straflos getötet werden. Die Verbannung des Jahres 982, die drei Jahre dauerte, führte ihn letztlich zur Erkundung und Entdeckung Grönlands.

Hat Erik der Rote Grönland entdeckt?

Erik der Rote gilt als derjenige, der Grönland als erstes für eine dauerhafte europäische Besiedlung erschlossen hat. Es gibt Hinweise darauf, dass isländische Seefahrer das Land bereits früher gesehen hatten - Gunnbjörn Ulfsson soll die Küste Grönlands bereits im frühen 10. Jahrhundert von weitem erblickt haben. Erik war jedoch der erste, der die Insel systematisch erkundete und erfolgreich besiedelte, weshalb er in der Geschichte als ihr Entdecker gilt.

Wer war Leif Eriksson und wie hängt er mit Erik dem Roten zusammen?

Leif Eriksson war Eriks ältester Sohn und der erste Europäer, der nachweislich nordamerikanischen Boden betrat. Um das Jahr 1000 n. Chr. erkundete er Küstenabschnitte des heutigen Kanadas, die er "Vinland" nannte. Archäologische Beweise für seine Reise finden sich in den Überresten einer Wikingersiedlung in L'Anse aux Meadows in Neufundland. Leif Eriksson besuchte demnach Nordamerika rund fünf Jahrhunderte vor Christoph Kolumbus.

Wie lange bestanden die Wikingersiedlungen in Grönland?

Die von Erik dem Roten um 985 n. Chr. gegründeten Siedlungen in Grönland bestanden rund 500 Jahre lang und verschwanden im 15. Jahrhundert. Auf dem Höhepunkt ihrer Bevölkerung um 1300 lebten etwa 3.000 Menschen auf rund 300 bis 400 Höfen. Die genauen Ursachen des Niedergangs sind bis heute nicht abschließend geklärt, werden aber mit der Kleinen Eiszeit, Konflikten mit den Inuit, sinkendem Handelsinteresse und Überweidung in Verbindung gebracht.

Woher wissen wir so viel über Erik den Roten?

Unsere Kenntnisse über Erik den Roten stammen hauptsächlich aus zwei isländischen Sagas des 13. Jahrhunderts: der Grönländer-Saga und der Saga von Erik dem Roten. Diese wurden als mündliche Überlieferungen erst Jahrhunderte nach den geschilderten Ereignissen aufgeschrieben. Archäologische Funde in Grönland, darunter die Überreste von Eriks Hof Brattahlid und der von seiner Frau erbauten Kirche, bestätigen wesentliche Aspekte der Sagas und geben der historischen Forschung eine materielle Grundlage.

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