Befreiung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg
Der 5. Mai 1945 gilt in den Niederlanden als nationaler Feiertag: der Befreiungstag, auf Niederländisch "Bevrijdingsdag". An diesem Tag unterzeichnete die deutsche Wehrmacht in Wageningen die Kapitulation für die noch besetzten niederländischen Gebiete. Die Befreiung des Landes war jedoch kein plötzliches Ereignis, sondern das Ergebnis monatelanger schwerer Kämpfe, gescheiterter Offensiven und eines der schlimmsten Hungersnöte des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa. Dieser Artikel schildert, wie die Niederlande zwischen September 1944 und Mai 1945 Schritt für Schritt aus der deutschen Besatzung befreit wurden.

Die Besatzung der Niederlande 1940 bis 1944
Am 10. Mai 1940 marschierte die deutsche Wehrmacht in die Niederlande ein, obwohl das Land seine Neutralität erklärt hatte. Nach fünf Tagen intensiver Kämpfe und der verheerenden Bombardierung Rotterdams, bei der weite Teile der Innenstadt zerstört wurden, kapitulierte die niederländische Armee am 15. Mai 1940. Die Niederlande gerieten damit unter deutsche Besatzung.
Die Besatzungszeit war geprägt von zunehmend brutaler Repression. Von den rund 140.000 in den Niederlanden lebenden Juden wurden etwa 107.000 deportiert; nur rund 5.200 überlebten. Unter ihnen war auch Anne Frank, deren Tagebuch zum weltweit bekanntesten Zeugnis dieser Zeit wurde. Neben der Judenverfolgung wurden auch politische Gegner, Widerstandskämpfer und sogenannte Arbeitspflichtige verfolgt: Rund 475.000 Niederländer wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.
Trotz der Unterdrückung entwickelte sich in den Niederlanden eine aktive Widerstandsbewegung. Untergetauchte Juden wurden versteckt, gefälschte Ausweise hergestellt, Nachrichtennetzwerke aufgebaut und alliierte Piloten, die über dem Land abgestürzt waren, aus dem Land geschleust. Der Widerstand zahlte jedoch einen hohen Preis: Tausende Widerstandskämpfer wurden verhaftet, gefoltert und ermordet.
Die wirtschaftliche Ausbeutung der Niederlande durch die Besatzer war systematisch und brutal. Industrieunternehmen wurden auf Rüstungsproduktion umgestellt, Nahrungsmittelvorräte in den besetzten Westen Deutschlands abtransportiert, und die niederländische Nationalbank musste Gold und Devisen an das Deutsche Reich abliefern. Gleichzeitig wurden junge niederländische Männer zunehmend zur Zwangsarbeit herangezogen. Wer sich dem entzog, lebte in ständiger Gefahr der Verhaftung. Diese Ausbeutungspolitik bereitete den Boden für die katastrophale Hungersnot, die im Winter 1944/45 folgen sollte.
Der Süden wird befreit: September bis Oktober 1944
Im Sommer 1944, nach dem erfolgreichen D-Day am 6. Juni 1944 und dem alliierten Durchbruch in der Normandie, rollten alliierte Streitkräfte rasch durch Nordfrankreich und Belgien nach Norden. Im September 1944 überschritten britische und amerikanische Truppen die niederländische Grenze. Innerhalb weniger Tage wurden Maastricht, Eindhoven und Nijmegen befreit. Die niederländische Bevölkerung begrüßte die Befreier mit überwältigender Begeisterung.
Parallel zur Bodenoffensive plante das alliierte Oberkommando unter General Bernard Montgomery eine groß angelegte Luftlandeoperation, die in die Geschichte als Operation Market Garden eingehen sollte. Ziel war es, mit Fallschirmjägern mehrere Brücken über die großen niederländischen Flüsse zu sichern und so einen schnellen Vorstoß nach Deutschland zu ermöglichen.
Die Operation begann am 17. September 1944 und war in ihrem Ausmaß spektakulär: Rund 35.000 Fallschirmjäger und Lastensegler wurden hinter den deutschen Linien abgesetzt. Die amerikanischen 82. und 101. Airborne Division sicherten die Brücken bei Eindhoven und Nijmegen erfolgreich. Doch an der letzten und entscheidenden Brücke über den Niederrhein bei Arnhem scheiterten die britischen Fallschirmjäger der 1st Airborne Division. Sie trafen auf deutlich stärkeren deutschen Widerstand als erwartet, darunter die kampferprobten Divisionen des II. SS-Panzerkorps, die sich gerade in der Region erholten. Nach neun Tagen harter Kämpfe mussten die überlebenden britischen Fallschirmjäger aus Arnhem zurückweichen. Die "Brücke zu weit", wie der Journalist Cornelius Ryan das Unternehmen später nannte, war nicht zu halten.
Die Scheldeschlacht und die Versorgung Antwerpens
Trotz des Scheiterns bei Arnhem blieb der Süden der Niederlande befreit. Nun stand eine andere strategische Aufgabe im Vordergrund: die Öffnung des Schelde-Ästuars, um den Hafen von Antwerpen für alliierte Versorgungsschiffe nutzbar zu machen. Antwerpen war zwar am 4. September 1944 befreit worden, aber solange die Deutschen die Scheldeinsel Walcheren und die Halbinsel Beveland hielten, konnten keine alliierten Schiffe in den Hafen einlaufen.
Die Scheldeschlacht dauerte von Oktober bis November 1944 und wurde hauptsächlich von kanadischen Streitkräften geführt. Unter schwierigsten Bedingungen, im überfluteten Polderland und unter starkem deutschen Beschuss, erkämpften die Kanadier und britische Verbände die Kontrolle über das Schelde-Ästuar. Am 28. November 1944 lief das erste alliierte Versorgungsschiff in Antwerpen ein. Damit war ein entscheidender Flaschenhals in der alliierten Versorgungslinie beseitigt.
Die Kämpfe um die Schelde-Mündung gehörten zu den verlustreichsten und härtesten des gesamten Westfeldzuges. Die deutschen Verteidiger unter General Gustav von Zangen hatten Befehl, ihre Stellungen bis aufs äußerste zu halten, und setzten Bunker, überflutete Polder und schweres Artilleriefeuer ein, um jeden alliierte Vormarsch zu bremsen. Für die kanadischen Soldaten bedeutete dies wochenlange Kämpfe im schlimmsten Gelände: Unter Regen und in tiefen Schlammpfaden, oft knietief im Wasser, mussten sie Stellungen erstürmen, die von der deutschen Artillerie eingeschossen waren. Die Verluste auf beiden Seiten waren hoch. Der Erfolg der Scheldeschlacht ermöglichte es den Alliierten, ihren Nachschub drastisch zu verbessern und die Voraussetzungen für die endgültige Befreiung der Niederlande im Frühjahr 1945 zu schaffen.
Der Hongerwinter: Hunger als Waffe des Krieges
Während der Süden bereits befreit war, blieben die dichtbesiedelten westlichen und nördlichen Provinzen der Niederlande unter deutschem Besatz: Noord-Holland, Zuid-Holland, Utrecht und Gelderland mit zusammen rund 4,5 Millionen Einwohnern. Hier begann im Herbst 1944 eine der schlimmsten humanitären Katastrophen des Westfeldzuges.
Auslöser war ein Eisenbahnstreik, den die niederländische Exilregierung in London am 17. September 1944 ausgerufen hatte, um Operation Market Garden zu unterstützen. Die deutschen Besatzer reagierten, indem sie alle Lebensmittel- und Brennstofflieferungen in die westlichen Provinzen unterbanden. Der Herbst 1944 war zudem ungewöhnlich früh und hart, die Kanäle froren zu, sodass auch der Binnenschiffstransport zum Erliegen kam.
Die Folgen waren verheerend. Die tägliche Kalorienration fiel bis zum Winter 1944/45 auf unter 400 Kilokalorien, kaum ein Zehntel des normalen Bedarfs. Menschen aßen Tulpenzwiebeln, Zuckerrüben und mahlten Knochen zu Mehl. Bäume wurden gefällt, Möbel und Holzdielen verbrannt, um Wärme zu erzeugen. Schätzungen zufolge starben zwischen 18.000 und 22.000 Menschen direkt am Hunger, vor allem ältere Menschen und Kleinkinder. Hunderttausende litten an schweren Mangelkrankheiten.
Im April 1945 einigten sich die Alliierten und die deutschen Besatzer auf eine lokale Waffenruhe, um Nahrungsmittel per Flugzeug in die belagerten Städte zu bringen. Die Operationen "Manna" (britisch) und "Chowhound" (amerikanisch) warfen zwischen dem 29. April und dem 8. Mai 1945 rund 11.000 Tonnen Lebensmittel über den Niederlanden ab. Diese Hilfslieferungen retteten vielen Menschen das Leben, kamen für andere jedoch zu spät.
Die Befreiung des Nordens und Ostens: April bis Mai 1945
Im Frühjahr 1945 begann die entscheidende Phase der Befreiung. Kanadische Streitkräfte, unterstützt von britischen, polnischen, belgischen, niederländischen und tschechoslowakischen Verbänden, drängten von Süden und Osten in die noch besetzten Gebiete vor. Die Kämpfe im April 1945 waren hart und verlustreich auf beiden Seiten.
Wichtige Etappen der Befreiung im April 1945 waren:
- April 1945: Befreiung von Groningen und Leiden durch kanadische Truppen
- Mitte April 1945: Befreiung von Arnhem, das im September 1944 nicht hatte gehalten werden können
- Ende April 1945: Alliierte stehen vor Amsterdam, Rotterdam und Den Haag, warten jedoch auf die Kapitulation, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden
- 5. Mai 1945: Unterzeichnung der Kapitulation in Wageningen
Die Kapitulation der deutschen Truppen in den Niederlanden wurde von General Charles Foulkes auf alliierter Seite und dem deutschen General Johannes Blaskowitz unterzeichnet. Formal vollzog sich die Unterzeichnung im Hotel De Wereld in Wageningen, die Stadt, die seitdem als Symbol der Befreiung gilt. Jedes Jahr findet dort am 5. Mai eine große Gedenkveranstaltung statt.
Die Rolle der kanadischen Streitkräfte
Unter den alliierten Nationen nehmen die Kanadier in der niederländischen Erinnerungskultur eine besondere Stellung ein. Die 1. Kanadische Armee trug die Hauptlast der Kämpfe im letzten Kriegsjahr in den Niederlanden und verlor dabei mehr als 7.600 Soldaten. Die enge Verbindung zwischen den Niederlanden und Kanada besteht bis heute fort: Jährlich schickt die Niederlande tausende Tulpenzwiebeln nach Ottawa als Zeichen der Dankbarkeit, eine Tradition, die auf die Geburt von Prinzessin Margriet in Kanada während des Exils der niederländischen Königsfamilie zurückgeht.
Kanadische Soldaten werden noch heute in den Niederlanden geehrt. Auf dem Groesbeek Canadian War Cemetery bei Nijmegen liegen mehr als 2.300 kanadische Soldaten begraben. Niederländische Schulkinder "adoptieren" traditionell die Gräber und pflegen die Erinnerung an jene, die für ihre Freiheit gestorben sind.
80 Jahre Freiheit: Erinnerungskultur 2025
Im Jahr 2025 begingen die Niederlande den 80. Jahrestag ihrer Befreiung mit zahlreichen Gedenkveranstaltungen, Ausstellungen und Konzerten. Überlebende des Hongerwinters, der Zwangsarbeit und der Verfolgung wurden geehrt, ihre Zeugnisse dokumentiert und für kommende Generationen gesichert. Die niederländische Regierung und zahlreiche Partnerländer, darunter Kanada, Großbritannien und Polen, nahmen an den Feierlichkeiten teil.
Besondere Bedeutung hatten 2025 die Gedenkveranstaltungen in Wageningen und Arnhem. In Wageningen, wo die Kapitulation unterzeichnet wurde, fand die offizielle staatliche Gedenkfeier mit hochrangigen Vertretern aus den Niederlanden und den befreundeten Nationen statt. In Arnhem wurde an das Scheitern von Operation Market Garden erinnert und der britischen, polnischen und niederländischen Soldaten gedacht, die dort ihr Leben ließen. Auch das Anne-Frank-Haus in Amsterdam verzeichnete im Gedenkjahr 2025 besonders hohe Besucherzahlen und erweiterte seine digitalen Bildungsangebote für Schulen weltweit.
Die Erinnerungskultur in den Niederlanden ist lebendig und differenziert. Neben dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wird auch über die Rolle der niederländischen Bevölkerung in der Besatzungszeit diskutiert: Kollaborateure, passive Zuschauer und aktive Helfer gab es in allen gesellschaftlichen Schichten. Diese kritische Aufarbeitung ist Teil des niederländischen Umgangs mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Historiker wie Loe de Jong haben mit ihren monumentalen Werken zur Geschichte der Niederlande im Zweiten Weltkrieg dazu beigetragen, dass die Niederlande heute zu den Ländern mit der differenziertesten Aufarbeitung ihrer Besatzungsgeschichte gehören.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurden die Niederlande im Zweiten Weltkrieg befreit?
Die Niederlande wurden schrittweise befreit. Der Süden (Limburg, Nordbrabant, Zeeland) wurde größtenteils im September und Oktober 1944 im Rahmen von Operation Market Garden und der Scheldeschlacht befreit. Der Norden und Westen des Landes blieben bis zum Frühjahr 1945 unter deutscher Besatzung. Die vollständige Befreiung erfolgte am 5. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation in Wageningen.
Was war der Hongerwinter und wie viele Menschen starben daran?
Der Hongerwinter (niederländisch: Hongerwinter) bezeichnet die Hungersnot im besetzten Westen der Niederlande zwischen dem Herbst 1944 und dem Frühjahr 1945. Deutsche Besatzer sperrten nach einem Eisenbahnstreik alle Lebensmittellieferungen in die Region. Die tägliche Kalorienration fiel auf unter 400 kcal. Schätzungsweise 18.000 bis 22.000 Menschen starben direkt an den Folgen des Hungers; Hunderttausende litten an schweren Mangelerscheinungen.
Welche Rolle spielte Operation Market Garden bei der Befreiung?
Operation Market Garden (17.-25. September 1944) war ein groß angelegter alliierter Versuch, durch Luftlandungen hinter den deutschen Linien wichtige Brücken zu sichern und einen schnellen Vorstoß nach Deutschland zu ermöglichen. Die Operation scheiterte an der letzten Brücke über den Niederrhein bei Arnhem. Sie führte jedoch zur Befreiung des südniederländischen Gebiets um Eindhoven und Nijmegen und schuf die Voraussetzungen für die spätere vollständige Befreiung.
Wer hat die Niederlande hauptsächlich befreit?
Die Hauptlast der Kämpfe im letzten Kriegsjahr in den Niederlanden trugen kanadische Streitkräfte der 1. Kanadischen Armee. Unterstützt wurden sie von britischen, polnischen, belgischen, niederländischen und tschechoslowakischen Verbänden sowie von amerikanischen Einheiten im Süden. Die formelle Kapitulationsunterzeichnung erfolgte zwischen dem kanadischen General Charles Foulkes und dem deutschen General Johannes Blaskowitz.
Warum sind die Beziehungen zwischen den Niederlanden und Kanada so besonders?
Die Verbindung geht auf den Zweiten Weltkrieg zurück, als kanadische Soldaten große Teile der Niederlande befreiten und dabei mehr als 7.600 Gefallene hinterließen. Zudem verbrachte die niederländische Königsfamilie das Kriegsexil in Kanada, und Prinzessin Margriet wurde dort 1943 geboren. Als Dankbarkeitszeichen schicken die Niederlande seitdem jährlich tausende Tulpenzwiebeln nach Ottawa, wo daraus das Ottawa Tulip Festival entstand.
Wo findet das zentrale Befreiungsgedenken in den Niederlanden statt?
Das zentrale Gedenken am 5. Mai eines jeden Jahres findet in Wageningen statt, der Stadt, in der die Kapitulation unterzeichnet wurde. Dort befindet sich auch der sogenannte Bevrijdingsvuur (Befreiungsfeuer), von dem aus jedes Jahr Fackeln in alle Teile der Niederlande getragen werden, um die Freiheit symbolisch weiterzugeben. Daneben gibt es landesweit lokale Gedenkveranstaltungen, Konzerte und das nationale Veteranengedenken in Den Haag.