Welche niederländische Stadt prägte die Buchdruckkunst?
Die Frage, welche niederländische Stadt die Buchdruckkunst geprägt hat, führt unweigerlich nach Haarlem – und zugleich mitten in eine der faszinierendsten Legenden der europäischen Kulturgeschichte. Denn während Deutschland auf Johannes Gutenberg als Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern pocht, beanspruchte die Niederlande jahrhundertelang einen eigenen Pionier für sich: den Haarlemer Bürger Laurens Janszoon Coster. Wissenschaftlich ist diese Behauptung heute widerlegt – historisch und kulturell blieb Haarlem dennoch untrennbar mit dem Buchdruck verbunden. Und daneben etablierten sich Leiden und Amsterdam als tatsächliche Druckzentren von europäischem Rang.

Haarlem und die Coster-Legende
Im Zentrum von Haarlem, auf dem Grote Markt, steht seit 1856 eine bronzene Standfigur, die einen Mann mit Drucktype und Buch zeigt. Es ist das Denkmal für Laurens Janszoon Coster (um 1370 – um 1440), der laut niederländischer Überlieferung die Buchdruckkunst erfunden haben soll – noch vor Gutenberg. Die Legende wurde zur Stadtidentität: Costers Name ziert Straßen, Hotels und Institutionen in Haarlem bis heute.
Die Geschichte geht so: Coster soll im Haarlemmerhout – einem alten Stadtwald – spazierengegangen sein und aus Baumrinde Buchstaben geschnitzt haben, zunächst als Spielzeug für seine Enkel. Als ein solcher Buchstabe in den Sand fiel und einen Abdruck hinterließ, soll ihm die Idee des Drucks gekommen sein. Er entwickelte eine spezielle Tinte, die nicht verlief, und begann, Texte mit beweglichem Lettern zu drucken.
Hadrianus Junius und die Entstehung der Legende
Die Quelle dieser Erzählung ist der niederländische Gelehrte Hadrianus Junius (eigentlich Adriaen de Jonghe), der die Geschichte um 1567 in seinem Werk Batavia niederlegte – rund 130 Jahre nach den behaupteten Ereignissen. Das Buch erschien erst posthum im Jahr 1588. Junius schildert Coster als den eigentlichen Begründer des Buchdrucks und behauptet sogar, ein Gehilfe Costers habe Teile der Werkzeuge gestohlen und das Wissen später nach Mainz zu Gutenberg gebracht.
Diese Diebstahlsgeschichte wirkt wie eine Kontroverserzählung: Sie erklärt, warum Gutenberg die Lorbeeren erntete, obwohl – so die Legende – ein Niederländer die Idee hatte. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Coster-These von zahlreichen niederländischen Gelehrten aufgegriffen und verteidigt. 1823 feierte Haarlem sogar den vermeintlichen 400. Jahrestag von Costers Erfindung mit einer Gedenkfeier im Haarlemmerhout.
Die historische Wahrheit: Coster als nationales Konstrukt
Die moderne Geschichtswissenschaft ist eindeutig: Laurens Janszoon Coster ist historisch nicht nachweisbar. Es gibt keine zeitgenössischen Dokumente, die seine Existenz belegen, kein einziges gesichert ihm zugeschriebenes Druckwerk und keine archivarischen Belege für eine Druckerei in Haarlem aus der Zeit um 1420 bis 1440. Die sogenannten „Costeriana" – eine Gruppe früher niederländischer Drucke, die ihm zugeordnet wurden – lassen sich frühestens auf das Jahr 1471 datieren, also mehr als ein Jahrzehnt nach Gutenbergs gesicherter Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern (um 1450).
Die wissenschaftliche Forschung geht heute davon aus, dass die Coster-Legende primär dem niederländischen Nationalbewusstsein dienen sollte. Insbesondere im Kontext des niederländischen Unabhängigkeitskampfes gegen Spanien im späten 16. Jahrhundert war es politisch wünschenswert, eine eigene große Erfindung vorweisen zu können. Coster erfüllte diese Funktion – als Symbol nationaler Größe, nicht als historische Figur. Heute wird auch in den Niederlanden selbst Johannes Gutenberg als der eigentliche Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern anerkannt.
Leiden: Das reale Druckzentrum der Niederlande
Während Haarlem mit der Legende verbunden blieb, war es Leiden, das im 16. und 17. Jahrhundert zur tatsächlich prägenden Druckstadt der Niederlande aufstieg. Den entscheidenden Impuls gab die Gründung der Universität Leiden im Jahr 1575 – der ältesten Universität der Niederlande, gegründet als Belohnung für den Widerstand der Stadt gegen die spanische Belagerung.
Die neue Hochschule zog Wissenschaftler aus ganz Europa an und schuf eine enorme Nachfrage nach gedruckten Büchern. 1584 ließ sich der flämische Drucker Christoffel Plantijn, dessen Werkstatt in Antwerpen zu den besten Europas gehört hatte, als Universitätsdrucker in Leiden nieder. Er brachte das Know-how und die Materialien mit, die Leiden zum Zentrum des wissenschaftlichen Buchdrucks machten.
Besonders bedeutend wurde die Druckerdynastie der Elzeviere (auch: Elsevier), die zwischen 1587 und 1712 in Leiden tätig war und günstige, qualitativ hochwertige Bücher produzierte, die in ganz Europa Verbreitung fanden. In einer Zeit, in der viele Werke der Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie anderswo zensiert oder verboten waren, bot Leiden – dank der vergleichsweise toleranten niederländischen Verhältnisse – eine einzigartige Freiheit. Selbst Galileo Galilei ließ späte Werke in Leiden drucken, weil er sie in Italien nicht veröffentlichen konnte.
Amsterdam: Handelsmetropole und Verlagsstadt
Parallel zu Leiden entwickelte sich Amsterdam im Goldenen Zeitalter (17. Jahrhundert) zur zweiten großen niederländischen Druckmetropole. Als Handelszentrum der Welt verfügte die Stadt über die Infrastruktur und die Kapitalien, die ein florierendes Verlagswesen braucht. Amsterdamer Drucker und Verleger publizierten Landkarten, Zeitungen, religiöse Schriften und naturwissenschaftliche Werke in einem Umfang, der europaweit seinesgleichen suchte.
Die Niederlande insgesamt profitierten dabei von einer Besonderheit: der relativen Pressefreiheit. Bücher, die in Frankreich, England oder dem Heiligen Römischen Reich der Zensur zum Opfer fielen, konnten in Amsterdam oder Leiden offen gedruckt und in die übrige Welt exportiert werden. Das machte die niederländischen Druckstädte zu Hütern des freien Gedankens im Europa der Frühen Neuzeit.
Häufig gestellte Fragen
Welche niederländische Stadt gilt als Geburtsort des Buchdrucks?
Haarlem beansprucht diesen Titel aufgrund der Coster-Legende: Laurens Janszoon Coster soll dort um 1420 den Buchdruck erfunden haben. Diese Behauptung ist historisch jedoch nicht belegt. Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern wird heute – auch in den Niederlanden – Johannes Gutenberg (Mainz, um 1450) zugeschrieben.
Wer war Laurens Janszoon Coster?
Coster war laut der 1588 veröffentlichten Schrift des Gelehrten Hadrianus Junius ein Haarlemer Bürger und angeblicher Erfinder des Buchdrucks. Historisch ist seine Existenz nicht nachweisbar. Moderne Historiker betrachten ihn als Legendenfigur, die im späten 16. Jahrhundert zur Stärkung des niederländischen Nationalbewusstseins konstruiert wurde.
Welche niederländische Stadt war im 17. Jahrhundert das wichtigste Druckzentrum?
Leiden war im 17. Jahrhundert das bedeutendste wissenschaftliche Druckzentrum der Niederlande und eines der wichtigsten Europas. Neben Leiden spielte Amsterdam als Verlagsmetropole eine herausragende Rolle, insbesondere für Karten, Zeitungen und verbotene Bücher aus anderen europäischen Ländern.
Warum konnten in den Niederlanden so viele verbotene Bücher gedruckt werden?
Die Niederlande des 17. Jahrhunderts waren im europäischen Vergleich politisch und religiös toleranter. Zensur war weniger streng als in Ländern wie Frankreich, Spanien oder dem Heiligen Römischen Reich. Das zog Autoren und Verleger an, die anderswo nicht frei publizieren konnten – darunter Galilei, Descartes und Spinoza.